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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2014 |

Das Treiben von Organika Polska in Bosnien-Herzegowina

Kampf gegen Raubinvestoren

von Monika Karbowska

Im Februar und März kam es in Bosnien zu großen sozialen Protesten. Gern haben die Medien über das Anzünden von Gebäuden berichtet, wenig jedoch über die Proteste der arbeitenden Bevölkerung und ihre Ursachen.Die bosnische Industrie wurde während des Krieges 1992–1995 auf «ethnischer Basis» nationalisiert und anschließend politischen Oligarchen und dem westlichen Kapital übergeben. Die Privatisierung hatte die gleichen Folgen wie in den übrigen Ländern Osteuropas: von den großspurigen Versprechen eines blühenden Aufschwungs blieben die Ruinen geschlossener bzw. demontierter Fabriken übrig. Besonders eindrucksvoll war dies am Chemie-Standort Tuzla, wo es zu den Protesten kam.

Die bosnischen Arbeiter haben nicht vergessen, dass sie seinerzeit in Jugoslawien auf Grund der Politik der Arbeiterselbstverwaltung Eigentümer und Verwalter waren, anders als in den anderen Ländern Osteuropas. Die Privatisierung betrachten sie deshalb als eine andere Form von Selbstverwaltung, bei der sie weiter Einfluss auf das Los der Betriebe nehmen können. Sie nehmen ihre Rechte als nunmehr private Aktionäre als Klasseninteressen wahr. Unter den Arbeitern in Bosnien, aber auch in Serbien, ist das Klassenbewusstsein weiterhin ausgeprägt.

Die Proteste begannen, als die Bevölkerung anfing, die um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Arbeiter des chemischen Komplexes DITA, der durch «Investoren» ruiniert wurde, zu unterstützen. Daraus entstanden Bürgerversammlungen. Hilfe erfuhren die Arbeiter durch lokale linke Aktivisten und linke Lehrer der örtlichen Universität. Der Protest war friedlich und organisiert und gab der nationalen Rechten keinen Vorwand, gegen die serbische Minderheit vorzugehen. Bosnien ist weiterhin ein geteiltes Land. Das politische System ist maximal dezentralisiert, was zu Lähmung und Korruption auf allen Ebenen führt. Dieses System ist ein Erbe des Krieges, das westliche Experten dem Land im Dayton-Abkommen aufgezwungen haben.

Trotz ihrer Kritik an diesem politischen System geht die Linke vorsichtig an das kontroverse Thema heran, wie das Land aus dem Dayton-Abkommen wieder herauskommen kann – was eine neue Form des Zusammenlebens der Völker nach sich ziehen müsste. Dabei geht es auch um die Frage, wie mit den Produktionsmitteln umgegangen werden soll.

Der Raubzug von Organika Polska

Die Arbeiter von Tuzla haben sich im neuen Gewerkschaftsverband Solidarnost (Solidarität) organisiert. Sie sind der Auffassung, dass es möglich ist, neue Grundsätze für Genossenschaften aufzustellen und die Produktion dort, wo sie noch nicht ganz eingestellt ist, wieder anzukurbeln. Sie führen Betriebsbesetzungen durch, um die Produktion aufrechtzuerhalten, unternehmen aber auch rechtliche und politische Schritte, um die von den «Investoren» geraubten Aktiva zurückzuerhalten.

Solch ein Raubinvestor war auch der polnische Chemiebetrieb Organika AG aus Malbork.

Organika Polska kam 2005 nach Tuzla und kaufte sieben Betriebe auf, die zum chemischen Komplex Poliolchem gehörten, und zahlte dafür 5,3 Millionen Euro, was für diese Größe eine kleine Summe ist. Den Beschäftigten wurden nicht nur der Erhalt der Arbeitsplätze, sondern auch Investitionen und Produktion versprochen. Tatsächlich wurden fünf der sieben Betriebe geschlossen, und in den restlichen wurde nur die Produktion aufrechterhalten, die gesamte Infrastruktur, wie z.B. die Kantine, wurde sofort geschlossen.

250 Beschäftigte wurden sofort 2006 entlassen, weitere 50 in 2007 und 2008 noch einmal 100. Die Restbelegschaft reichte nicht einmal aus, um auf die Maschinen aufzupassen. Da haben die Beschäftigten verstanden, dass es gar keine Absicht gab, das Werk zu erhalten, und unternahmen rechtliche Schritte, damit Organika die ausstehenden Löhne und Sozialabgaben zahle. 2012 verpflichtete das Gericht in Tuzla die Firma zur Zahlung von 1,5 Millionen Euro. Doch dann verschwand die Firma und zahlte nichts.

Ausgeweidet

Warum hat Organika Polska so einen wichtigen Betrieb in Bosnien aufgekauft, um ihn dann in den Bankrott zu führen? Die Arbeiter und die Gewerkschaften sind der Auffassung, dass das mit Naila Zatovica zu tun hat, dem Manager von Organika in der Filiale in Sarajevo, dessen Frau in der polnischen Botschaft arbeitet. Als die Proteste in Tuzla begannen, erinnerten sich die Arbeiter an die ausstehenden Löhne, die das bosnische Gericht ihnen zuerkannt hatte. Sie zogen zur polnischen Botschaft, aber sie wurden nicht empfangen. Daraufhin übten sie Druck auf den Premier der Föderation Bosnien-Herzegowina aus, der versprach, sich der Sache anzunehmen, aber er dankte ab und es änderte sich nichts.

Die Beschäftigten haben den Eindruck, dass der polnische Konzern überhaupt nicht die Absicht hatte, die Produktion der Kunststoffe (hier besonders des Schaumstoffs Polyurethan) weiterzuführen. Sie sagen, die einzige Absicht des polnischen Investors war, die wertvollen Gerätschaften einzeln zu verkaufen. Dariusz Golian, der einzige Vertreter der Organika AG, der nach Bosnien kam, beschäftigte sich allein mit der Zerschlagung des Betriebs. Organika Polska beschäftigt eine Sicherheitsfirma, die dafür sorgen soll, dass die Arbeiter nicht einen Teil des Betriebs verkaufen – denn sie betrachten den Betrieb als ihr Eigentum und wollen zudem die ihnen zustehenden 1,5 Millionen Euro haben.

Solidarität

Der polnische Konzern schert sich jedoch nicht um das Gerichtsurteil, und die bosnische Regierung ist zu schwach und zu korrupt, um die polnischen Kapitalisten auf dem Balkan zu zwingen, Bürgerrechte und Gerichtsurteile zu achten. Organika Polska sicherte sich das Grundstück von 14800 Hektar als Spekulationsobjekt, die Passiva beließ es beim bosnischen Poliolchem. Das Recht im Kapitalismus dient allein dazu, den organisierten Diebstahl zu vertuschen.

Die Arbeiter haben keine Hoffnung mehr, die Firma in Betrieb zu nehmen. Die polnischen Kapitalisten haben die Produktionsanlagen gestohlen, sodass es nicht mehr möglich ist, die Produktion in Gang zu setzen. Sie fordern jedoch weiter von den polnischen Oligarchen die ihnen zustehenden Löhne und Sozialabgaben, zumal Organika Polska auch noch 4,5 Millionen Euro Kredit erhalten hatte. Für den Konzern war die Übernahme und Liquidierung der Fabrik in Bosnien ein einträgliches Geschäft.

Der polnischen Linke, den Gewerkschaften und die antikapitalistischen Aktivisten darf der Kampf der Arbeiter auf dem Balkan um Gerechtigkeit und um die Rückgabe ihres Eigentums nicht gleichgültig sein. Polen kann nicht als «grüne Insel» auf Kosten noch ärmerer Länder Europas aufgebaut werden, die zudem von der EU als Kolonien betrachtet werden. Wir müssen zu einer europäischen Solidarität finden. Die Arbeiter von Tuzla haben viele Ideen dafür, wie wir gegen den gemeinsamen Feind kämpfen können.

Monika Karbowska ist Feministin und engagiert bei der polnischen linken Partei Racja. Der Artikel erschien zuerst auf http://lewica.pl (Übersetzung: Norbert Kollenda).


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