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Jimmy’s Hall, Regie: Ken Loach

Großbritannien/Irland 2014, mit Barry Ward, Jim Norton. Ab 14.8. im Kino

von Liam MacUaid

Die beiden staatlichen Gebilde in Irland (Ulster und die Republik) waren das Produkt einer Revolution, die im Jahr 1921 eine Niederlage erlitt, als Michael Collins den Vertrag unterzeichnete, der das Land teilte. Großbritanniens Premierminister Lloyd George hatte geschworen, gegen die Iren einen «sofortigen und schrecklichen Krieg» zu führen, falls die Verhandlungsdelegation der nationalistischen Partei Sinn Féin, die den Kampf hauptsächlich aus militärischer Perspektive sah, nicht nachgab.

Der Schauplatz von Ken Loachs neuem Film Jimmy’s Hall ist die Grafschaft Leitrim etwa zehn Jahre später, Anfang der 30er Jahre. Collins’ Unterwerfung wurde von einem Teil der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) bekämpft, und es gab einen mehrere Jahre dauernden Bürgerkrieg zwischen denen, die entschlossen waren, die Briten aus dem ganzen Land zu werfen, und denen, die in der nominellen Unabhängigkeit der 26 Grafschaften das Äußerste sahen, das zu erreichen war. Einer davon ist der Protagonist des Films, Jim Gralton (Barry Ward), der 1922 für eine kurze Zeit nach Irland zurückkehrt, nachdem er 1909 in die USA ausgewandert war. Zurückgekehrt auf die Farm seiner Familie, hilft er beim Wiederaufbau eines Gemeindesaals, der von der britischen Armee niedergebrannt worden war. Dessen Name, «Pearse-Connolly Hall», ist an sich schon ein politisches Statement, da sie nach dem irischen Marxisten James Connolly benannt ist.

Gralton geht während des Bürgerkriegs wieder nach Amerika und kehrt 1932 endgültig wieder nach Hause zurück, im irrigen Glauben, dass die neue nationalistische, ultrakatholische Regierung der Partei Fianna Fáil eine gute Nachricht für die Linke sei. Tatsächlich aber handelt es sich um eine neokoloniale Theokratie, in der der Bildungsminister glaubt, dass es die Pflicht des Staates sei, der katholischen Kirche Geld zu geben, damit sie, ohne von der Regierung kontrolliert zu werden, das Schulsystem leiten kann. In demselben Jahr hält Father John McQuaid, der später Erzbischof von Dublin und der tatsächliche Herrscher des Landes werden sollte, Predigten vom Kampf zwischen Christus und dem Satan, wobei Juden, Protestanten, Freimaurer und Kommunisten auf Satans Seite stehen.

Ein Widerhall dieser Rede im Film ist Jim Graltons Nemesis, der lokale Priester Father Sheridan, der von Jim Norton wunderbar gespielt wird. Sheridan verleiht dem reaktionären katholischen Nationalismus eines Teils der herrschenden Klasse Irlands Ausdruck und verfügt als Geistlicher über eine enorme moralische Autorität. Jim Gralton dagegen tritt in die Revolutionary Workers Group ein, eine frühe Version der KP Irlands, und öffnet seinen Gemeindesaal wieder.

Dies bringt ihn unverzüglich in Konflikt mit der Kirche, der lokalen Mittelschicht und den Landbesitzern. Große Teile des ländlichen Irlands waren auf große Ländereien aufgeteilt, die sich aristokratische Siedler und Großgrundbesitzer angeeignet hatten. Es gab einen gewaltigen Hunger nach Land unter den Kleinbauern, die kleine Farmen pachteten, von denen sie vertrieben werden konnten. Während des Bürgerkriegs gab es in der IRA einen ständigen Streit darüber, welche Seite sie im Konflikt zwischen Pächtern und Grundbesitzern einnehmen sollte. Ken Loachs früherer Film The Wind that Shakes the Barley [siehe SoZ 2/2007] thematisiert dieses Element des Klassenkonflikts.

Wie in diesem früheren Werk gelingt es Ken Loach hervorragend zu zeigen, wie gewöhnliche Leute fähig sind, die in ihrem Leben wichtigen Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. Der Gemeindesaal wird für Konzerte, Dichterlesungen, Boxunterricht… verwendet – für alles, was im Leben über den Überlebenskampf unter Bedingungen tiefer Armut hinausgeht. Doch der Saal ist eine direkte Kampfansage an die Kirche, weil er auf herausfordernde Weise weltlich ist. Er ist auch ein Affront für die lokalen Grundbesitzer, weil es ein Ort ist, wo Menschen lernen, sich zu organisieren, und mit neuen Ideen konfrontiert werden.

Wenn der Zusammenstoß kommt, ist er brutal. Jim Gralton und seine Unterstützer stehen sich einer Allianz aus Kirche, Polizei, Grundbesitzern und lokalen Faschisten gegenüber. Es ist ein Ken-Loach-Film, ein Wohlfühl-Happyend sollte man also nicht erwarten. Geboten wird eine Erkundung dessen, was eine siegreiche Konterrevolution einer Gesellschaft antut – wie sie den Intellekt erstickt und dabei nicht vor Einschüchterung und Gewalt zurückschreckt. Aber man wird auch daran erinnert, dass selbst unter den ungünstigsten Bedingungen Menschen ihre Selbstachtung durch Organisierung und Widerstand bewahren können.

Langfristig scheint es, dass Jim Gralton und seinesgleichen den Kampf an der kulturellen Front gewinnen: Heute ist es ganz normal für eine Gemeinde, dass sie keinen einzigen Priester mehr hat, und in der Diözese Dublin gibt es nur zwei, die jünger als vierzig Jahre sind.


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