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Polnische Presseschau – SONDERAUSGABE

01 Urbanski sept 2014 DEU

Die sozialen Bewegungen Polens.
Hoffnungen – Realitäten –Perspektiven

Auszüge aus dem Referat von Jaros?aw Urba?ski am 29.09.2014 im Mehringhof

Die Arbeitslosigkeit in Polen:
Nicht zu vergessen sind die 2 Millionen Arbeitsmigranten nach dem Beitritt Polens zur EU

Anteil der Arbeitslosen:

Anteil der Arbeitslosen im Verhältnis zu der arbeitsfähigen Bevölkerung

Hier sind besonders Gebiete betroffen, wo massiv Arbeitsplätze weggefallen sind. Das ist als Beispiel im Norden dem ehemaligen Preußen und Pommern der Fall. Dort wurden die großen Güter zu Staatsgütern umgewandelt. Diese Landarbeiter, die sogar teilweise in Wohnblöcken gelebt haben, sollten nach dem Willen der Post- Solidarnosc Regierung mit einem Mal Landwirte werden und das ging schief!
In der Gegend von Walbrzych (Waldenburg) – westlich von Wroclaw- wurden alle Kohlenbergwerke geschlossen. Dort entstand eine Spezielle Wirtschaftszone. Hier werden die Menschen aus den umliegenden Ortschaften herangekarrt und dürfen für wenig Geld arbeiten. Je nach Investitionen bekommen die Unternehmer massive Steuervorteile und brauchen sich kaum an das Arbeitsrecht halten. Die Bildung von Gewerkschaften wird massiv behindert bzw. die Initiatoren werden fristlos entlassen. Die Arbeitsgerichte lassen sich Zeit und die Urteile lassen bis zu drei Jahre auf sich warten. Günstig für die Arbeitgeber und nutzlos für die Beschäftigten.

Brutto Inlands Produkt Polens
Um dem Land ein echtes Wachstum zu ermöglichen wäre nach Ansicht der meisten Ökonomen ein jährlicher Anstieg von 4% notwendig.

Zusammensetzung des polnischen Parlaments – Sejm:

 

Rechte Centrum Volks(Bauern)partei Linke
Die Enttäuschung über die Schocktherapie der ersten Post -Solidarnosc Regierung führte dazu, dass die Post-Kommunisten SLD 1993 an die Macht kamen. Sie führten die neoliberale Politik weiter fort. Hatten sie doch schon Mitte der achtziger Jahre in den Jahren Volkspolens diesen Weg beschritten, indem sie dem IWF beitraten.

Die Ergebnisse der Umfragen des zentralen Meinungsforschungsinstituts – CBOS:

Centrum; Rechte (PiS und Ultrarechte); Linke (SLD; Palikot und PPP)

Die Tendenz geht nach rechts. Wobei viele junge Wähler entweder gar nicht zur Wahl gehen oder rechts wählen – dazu gehören auch gut ausgebildete Jugendliche. Die Palikot- Bewegung verliert prominente Mitglieder und es ist anzunehmen, dass diese Partei sich auflösen wird. Wohl haben die letzten begriffen, dass Palikot mit LINKS nichts am Hut hat. Die PPP stagniert bei 1- 0%.

Den Gewerkschaften gehören 2,1 Millionen Mitglieder von 16 Millionen abhängig Beschäftigten an

Gewerkschaftsverbände in Polen in 2011
NSZZ Solidarno?? 31% – sie ist zentral organisiert – PiS nahe
OPZZ 36% – ist die ehemalige Gewerkschaft aus der PRL- Zeit – SLD nahe
Forum der Gewerkschaften 19% in ihr sind einige Branchen aus dem öffentlichen Leben vertreten
Übrige 14%: darunter die Arbeiterinitiative, eine Basisgewerkschaft, die auch von Anarchisten unterstützt wird, lässt sich nicht parteipolitisch einbinden. Dabei ist die Gewerkschaft August 80 mit der Polnischen Partei der Arbeit (PPP) direkt verbunden.
Wenn auch in der letzten Zeit es medienwirksame gemeinsame Veranstaltungen der Gewerkschaften gab – wie den Generalstreik in Oberschlesien oder die Demonstration im Herbst 2013 in Warschau, so ist nach diesen „großen“ Ereignis nichts gefolgt – jede große Gewerkschaft zog sich in ihr Teil zurück.
Die folgende Tabelle zeigt am Beispiel Kohlebergbau (schwarz) und Textilindustrie (blau) den massiven Abbau von Arbeitsplätzen (in Tausend). Auch in anderen Bereichen wie Werften und anderen großen Unternehmen fielen die Arbeitsplätze weg oder die Betriebe schlossen. So fiel die traditionelle Basis für die Rekrutierung von Gewerkschaftern weg. Aber der Referent weist auch daraufhin, dass auch vor 1989 die Arbeiteraufstände ohne Gewerkschaften durchgeführt wurden.

 

Zyklen der sozialen Arbeitskonflikte

Zeit der gesellschaftlichen Ruhe
Bewegungen in Polen

Feministische Organisationen: sie unterscheiden sich kaum von denen in anderen Ländern. Sie fordern unter anderem die Bezahlung von Hausarbeit und die Angleichung der Löhne bei typischen Frauenberufen an das männerdominierte Lohnniveau.

LGBT ihre Forderungen gleichen denen in den anderen Ländern, wobei sie aber in Polen vielen Anfeindungen von rechten und ultrarechten Parteien und Gruppierungen ausgesetzt sind, die auch vor massiver Gewalt nicht zurückschrecken.

Anarchistische Bewegungen: aus einer dieser Bewegung ging auch die Gewerkschaft Arbeiter Initiative hervor. Wobei diese Bewegungen im allgemeinen dort zu finden sind wo Arbeiter oder Mieter um ihre Rechte kämpfen.

Bewegung zum Mieterschutz: In den letzten Jahren wurden vermehrt kommunale Wohnungen verkauft – in Pozna? zum Beispiel 15.000 und 832 Wohnungen hat die Kommune gebaut!
Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist recht angespannt und hat sich seit 1989 eher noch – zumindest für die ärmere Bevölkerung – verschlechtert, dabei war der Bau von Wohnungen eine der Hauptforderungen vom August 1980. Über ein Drittel der Einwohner hat 15 qm und weniger zur Verfügung – in Europa sind es im Schnitt 32 qm, 10% sogar unter 10qm.
Der Verkauf führt zu massiven Mietsteigerungen, die für viele Menschen nicht zu verkraften sind. Die Kommunen sind nicht mehr in der Lage Wohngelder zu zahlen, weil sie selbst verschuldet sind. Somit kommt es zu massiven Zwangsräumungen. Daraus entstanden aktive Mietervereine, die sich versuchen zu wehren. Es scheint als bewegten sie sich in einem rechtsfreien Raum. In Warschau wurde eine Aktivistin sogar ermordet.
Die Absicht der Bewegung bei den Kommunalwahlen im nächsten Jahr zu kandidieren scheint zu zerbröckeln. In Pozna? bilden sie keine Einheit mehr, scheinen politisch keine Linie zu haben.

Die Grünen und ökologische Gruppierungen: Bisher eine Randerscheinung – scheinen sie jetzt zu erstarken. Erschwert werden die Forderungen allerdings durch die neue politische Lage. Polen bezieht seine Energie fast ausschließlich aus Steinkohle. Jetzt setzen Politiker das Argument, dass es weiterhin wichtig sei auf Steinkohle zu setzen, um unabhängig von Russland zu bleiben.

Ein ziemlich düsteres Bild, das uns da Jaros?aw Urba?ski gezeichnet hat. Ich habe nochmals mich rückversichert – die anderen haben es auch so gesehen.


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