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Wolfgang Leonhard 1921-2014

Die Revolution entlässt ihre Kinder

von Manuel Kellner

Am 17.August 2014 ist Wolfgang Leonhard im Alter von 93 Jahren gestorben. Berühmt wurde er wegen seines zuerst 1955 erschienenen autobiografischen Buchs Die Revolution entlässt ihre Kinder.

Darin verarbeitet er seine Erfahrungen als Emigrant in der Sowjetunion (1935–1945), wo er zum Führungskader ausgebildet wurde, und als führender Funktionär, Publizist und Dozent in der Sowjetischen Besatzungszone, in die er 1945 mit der zehnköpfigen «Gruppe Ulbricht» geschickt worden war. 1949 brach er mit dem Stalinismus und floh nach Jugoslawien.

Wolfgang Leonhard ging bald in den Westen, verstand sich eine kurze Zeit lang als «Reformkommunist» und beteiligte sich auch am rasch scheiternden Versuch, in Deutschland die von der jugoslawischen Führung unterstützte Unabhängige Arbeiterpartei (UAP) aufzubauen. Doch sehr bald konzentrierte er sich auf seine Arbeit als Historiker. Wegen seiner besonderen Lebenserfahrungen war er dazu prädestiniert, im Westen ein «Sowjetologe» und «Kremlastrologe» zu werden, weil er den stalinistischen Machtapparat und die Denkweise stalinistischer Funktionäre «von innen» her kannte.

 

Ein Zeitzeugnis

Diese Rolle war spätestens mit der Auflösung der Sowjetunion etwas von gestern geworden, und so könnte Wolfgang Leonhards Beitrag politisch ad acta gelegt und nur noch als Sache der zeitgeschichtlichen Forschung betrachtet werden. Doch für die Bilanz des 20.Jahrhunderts und die Schlussfolgerungen für neue Anläufe zur Verwirklichung der sozialistischen Idee bleibt gerade Die Revolution entlässt ihre Kinder ein wichtiger Beitrag.

Es ist kein antikommunistisches Machwerk, sondern das Zeugnis eines Bruchs mit dem Stalinismus von einem kommunistischen Standpunkt aus, obwohl sich Leonhard zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buchs nicht mehr als Kommunist verstand. Er versuchte aber, wie er im Vorwort schreibt, «die Begegnungen und Diskussionen, Ereignisse und Erlebnisse so zu schildern», wie er «sie damals gesehen und empfunden, damals gefühlt und gedacht» hatte. Somit erscheint der Stalinismus in seinem Zeugnis nicht – wie es der bürgerliche Antikommunismus will – als Konsequenz marxistisch revolutionärer Bestrebungen, sondern vielmehr als in mehreren Etappen vollzogener Bruch mit den revolutionär-marxistischen und kommunistischen Grundüberzeugungen und mit dem Bolschewismus in seinen weltrevolutionären und heroischen Ursprüngen.

«Volksfeinde und Schädlinge»

Im Juni 1935 emigrierte Wolfgang Leonhard zusammen mit seiner Mutter Susanne Leonhard in die Sowjetunion. Im Oktober 1936 wurde Susanne Leonhard, Kommunistin, die in jungen Jahren mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht persönlich befreundet gewesen war, für zwölf Jahre in den Gulag, in das Arbeitslager Workuta gesteckt.

In den großen «Säuberungen» und Schauprozessen in der zweiten Hälfte der 30er Jahre wurden die führenden Mitglieder der bolschewistischen Partei von 1917 fast ausnahmslos als «Schädlinge», «Volksfeinde», «Agenten» und «tolle faschistische Hunde» beschimpft und hingerichtet. Zuletzt traf es die Führungsspitze der Roten Armee, die dadurch regelrecht enthauptet wurde. Auf Massenversammlungen in Betrieben und Schulen wurden die Opfer, die zuvor als Vorbilder dargestellt worden waren, rituell verurteilt.

Zuvor war bereits die «Gesellschaft alter Bolschewiki» aufgelöst worden. Leonhard schildert lebhaft, wie in dieser Zeit eine versehentlich unpassende – oder einen Linienschwenk nicht rechtzeitig antizipierende – Bemerkung zum Beispiel einen Lehrer in den Strudel der willkürlichen Verhaftungen ziehen konnte.

Die stalinistische Führung zog einen blutigen Strich zwischen sich und der revolutionären Vergangenheit. Zugleich zog sie den Nachwuchs der bürokratischen Herrschaftsmaschinerie im Geiste eines ungeheuerlichen Konformismus auf. Der staatsoffizielle Marxismus war zu einer rein pragmatisch, von Fall zu Fall rabulistisch zurechtgestutzten Rechtfertigungslehre verkommen. Überall wurden die Menschen durch «Kritik und Selbstkritik» gefügig gemacht und in der ständigen Angst gehalten, durch unbedachte Äußerungen (auch im Privatleben) unter die Räder zu geraten. Weder die Massen noch die Nachwuchsfunktionäre bekamen Originalschriften der verurteilten und immer wieder rituell zu verdammenden oppositionellen (trotzkistischen, bucharinistischen usw.) kommunistischen Strömungen zu lesen.

Marxismus als Rechtfertigungslehre

Die außenpolitischen Entscheidungen der Sowjetunion waren immer begleitet von einem spektakulären Zickzack der politischen Orientierung, der bis hin zur Karikatur umgesetzt wurde. In der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts wurde der Zweite Weltkrieg als innerimperialistischer Konflikt gesehen und mit einer eher Hitlerdeutschland zuneigenden Propaganda begleitet. Die deutschen und österreichischen Migranten wurden nicht mehr bevorzugt behandelt und geehrt, sondern deportiert. Der Begriff «Faschismus» und der antifaschistische Kampf verschwanden aus dem offiziellen Vokabular und aus den Kinofilmen.

Nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion, auf den die Stalin-Führung nicht vorbereitet gewesen war, waren England, Frankreich und die USA plötzlich nicht mehr kapitalistisch-imperialistische Mächte, und Klassenkampf gegen die Herrschenden dieser Länder kam nicht mehr in Betracht. Stattdessen wurde alles, auch ideologisch und kulturell samt einer entsprechenden Umwertung der russischen Geschichte, dem Bündnis gegen Hitler-Deutschland und das faschistische Italien und dem «Vaterländischen Krieg» untergeordnet, der an die Stelle der internationalistischen Solidarität getreten war.

Leonhard erlebte damals in der Kominternschule, wie 1943 die Kommunistische Internationale – und damit auch die Schule – aufgelöst wurde. Das war ganz offensichtlich eine beschwichtigende Geste gegenüber den westlichen Alliierten – gerechtfertigt wurde es in marxistischer Terminologie in Anlehnung an die Auflösung der Internationalen Arbeiterassoziation (der I.Internationale) und an die «Dialektik von Form und Inhalt» – die Internationale als Form entspreche nicht mehr dem Inhalt der ganz unterschiedlichen erforderlichen kommunistischen Politik in den verschiedenen Ländern.

Ungleichheit und Unterdrückung

Sehr plastisch schildert Leonhard auch das System streng hierarchisch abgestufter Privilegien in der herrschenden Schicht und den ebenso abgestuften Zugang zu Informationen. Im Kontrast dazu stehen die bittere Armut großer Teile der Bevölkerung auf dem Lande und die willkürlich von oben dekretierten Verschlechterungen der Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter, sei es durch Arbeitszeitverlängerung, Beseitigung der freien Wahl des Arbeitsplatzes oder durch Lohnsenkungen. Die herrschende Schicht schottete sich immer mehr von den «normalen Menschen» ab und sicherte ihre Reproduktion, indem sie ihren Nachwuchs disziplinierte und ihm zugleich die Führungsposten sicherte.

Wolfgang Leonhard (eigentlich: Wladimir Leonhard, aber das wurde geändert, weil es Ulbricht 1945 für die deutsche Bevölkerung nicht der passende Vorname zu sein schien) war 1949 nach Jugoslawien geflohen, weil er unter der Hand die jugoslawische Antwort auf die Verdammung durch die Kominform sowie andere titoistische Schriften verbreitet hatte und aufgeflogen war. Die Selbstverwaltung der Betriebe und die freiere geistige Atmosphäre in Jugoslawien zogen ihn an und erschienen ihm damals als kommunistische Alternative zur autoritären Leitung der Betriebe und zum Fehlen jeglichen offenen Meinungsstreits in der Sowjetunion und in den «Volksdemokratien».

Diese Tendenz hat sich letztlich nicht durchgesetzt, und Leonhard selbst glaubte bald nicht mehr an die Möglichkeit der Verwirklichung einer sozialistischen Demokratie als Schritt zu einer von Ausbeutung und Unterdrückung freien Gesellschaft. Doch sein bekanntestes und zugleich wichtigstes Buch liest sich wie eine eindringliche Warnung vor dem Wiedererstehen von Konservativismus, Ungleichheit, Fremdbestimmung, Gewaltherrschaft und Gängelung in emanzipationsorientierten Bewegungen.


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