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Zum 50.Todestag von Hans Moser

«Wie können Sie draußen husten, wenn ich drinnen horch?»

von Angela Huemer

Peter Handke sagte einmal treffend: «In seinen (Mosers) Filmen wartet man immer, dass er endlich wieder auftritt.» Dass das Gros seiner mehr als 150 Filme von eher mäßiger Qualität war, eint Hans Moser mit großen Komikerkollegen wie Louis de Funès und Totò.

Hans Moser, alias Johann Julier, wurde am 6.August 1880 als Sohn von Serafine und Franz Julier, einem Bildhauer, in Wien geboren. Sein Vater wollte, dass er in seine Fußstapfen tritt, Moser wollte aber auf die Bühne. Zunächst absolvierte er die Handelsschule und arbeitete in einer Lederwarenhandlung. Erst dann nahm er in der Theaterschule Otto und beim Hofschauspieler Josef Moser Schauspielunterricht, dessen Name sein Künstlername wurde. Sein erstes Engagement hatte er 1897 in Frydek-Mistek, eine kleine Stadt am heutigen Ostrand der Tschechischen Republik. Mühsame Jahre in Provinztheatern folgten, sein kleiner Wuchs (er war nur 1,54 Meter groß) bereitete ihm mitunter Schwierigkeiten. Er arbeitete u.a. als Statist, Chorist, Programmverkäufer und Kulissenschieber. Sein erstes besseres Engagement hatte er von 1903 bis 1907 im bis heute hoch angesehenen Wiener Theater in der Josefstadt, wo er jedoch als schüchterner Liebhaber und jugendlicher Bonvivant fehlbesetzt wurde und mit kleineren Episodenrollen vorlieb nehmen musste.

Ab 1907 ging er wieder auf Wanderschaft, 1911 nahm sein Leben eine entscheidende Wende durch seine Heirat mit Blanka Hirschler, der Schwester eines Schauspielkollegen. Von 1912 bis 1914 war er Ensemblemitglied des Budapester Orpheums, in einem seiner Filme, Einmal der liebe Herrgott sein, gibt er seine Ungarischkenntnisse zum Besten. 1913 wurde seine Tochter Margarethe geboren, im Ersten Weltkrieg wurde er als Ersatz-Reserve-Infanterist eingezogen.

Künstlerischer Durchbruch

Nach dem Ersten Weltkrieg spielte er in verschiedenen Kabaretts. Seine erste Hauptrolle bekam er erst Anfang der 20er Jahre, da war er schon über 40 Jahre alt. In Karl Farkas’ Ausstattungsrevue «Wien gib acht» glänzte er mit seinen Dienstmann- und Pompefuneberer(=Leichenbestatter)-Sketchen. Es heißt, dass Charlie Chaplin den Dienstmann-Sketch nachspielen wollte, es aber nicht tat, weil er der Meinung war, es nicht besser machen zu können als Hans Moser.

Seinen eigentlichen künstlerischen Durchbruch hatte er 1925, als er unter der Regie von Max Reinhardt, dem Mitbegründer der Salzburger Festspiele, in Hofmannsthals Stück Das Salzburger große Welttheater spielte. Nicht von ungefähr war es die Max-Reinhardt-Forschungsstätte (nunmehr dem Salzburger Festspielarchiv angegliedert), die Hans Moser 1988 eine Ausstellung widmete. «Ich sehe Sie mit einem heiteren und einem nassen Auge, aber mit den Augen der Liebe», so Reinhardts Widmung auf einem Foto, das Moser zeitlebens in Ehren hielt. Und in ein Buch, das er Moser schenkte, schrieb Reinhardt: «Hans Moser in herzlicher Zuneigung mit wärmstem Dank für viel erlösendes Lachen.»

Max Reinhardt holt Moser an seine Wiener und Berliner Bühnen, hier konnte er erstmals seine weit über das Komische hinausgehende Begabung unter Beweis stellen und vielfältige Rollen spielen. Ende der 20er Jahre nahm er sogar am Gastspiel der Wiener und Berliner Reinhardt-Bühnen in New York teil. Ein Höhepunkt seiner Theaterkarriere war seine Rolle als Zauberkönig in der Uraufführung von Ödön von Horvaths «Gschichten aus dem Wiener Wald» am 2.November 1931 am Deutschen Theater in Berlin. Erst 1934 spielt er seine erste Nestroy-Rolle, den Melchior in Einen Jux will er sich machen unter Otto Premingers Regie am Theater in der Josefstadt. Preminger emigrierte schon 1935 in die USA, Mosers Entdecker Max Reinhardt 1937.

Ab Anfang/Mitte der 30er Jahre spielte Moser in einer Vielzahl von sehr erfolgreichen Filmen, die ab 1933 auch den NS-deutschen Markt bedienten. Noch vor dem Anschluss wurde Wien zu einer bedeutenden Filmproduktionsstätte für den gesamten deutschen Markt, wobei hier vor allem Unterhaltungsfilme entstanden. Diese waren fest in das Propagandakonzept der Nazis eingebunden.

«Nicht von früh bis spät in Gesinnung machen»

«Man soll nicht von früh bis spät in Gesinnung machen», meinte Goebbels. Die Filme sollten den Zuschauer «nicht mit der Keule» überfallen, «sondern ihr Lebensgefühl steigern». Die Propagandafunktion sollte beim Publikum nicht als beabsichtigt erscheinen.

Die österreichische Filmproduktion, so Gerhard Renner in seinem Aufsatz zum Anschluss der österreichischen Filmindustrie, war wirtschaftlich abhängig vom NS-deutschen Markt und man sah keine realisierbaren Alternativen. Von Berlin wurde Druck ausgeübt und Vorgaben gemacht, welche Art von Filmen für den NS-deutschen Markt geeignet waren und wer dabei mitwirken durfte. Hersteller von Filmen, die ein «dem deutschen Ansehen abträgliche Tendenz oder Wirkung haben» und «diese in der Welt verbreiten», mussten damit rechnen, keine Einfuhrgenehmigung in das «Dritte Reich» zu erhalten. Die produzierenden Filmgesellschaften vermieden die Beschäftigung von «Nichtariern», auch wenn dies angesichts der offiziell praktizierten sog. «Nichtariertoleranz» möglich gewesen wäre. «Der Anschluss der österreichischen Filmindustrie war auf mehreren Ebenen in unterschiedlicher Intensität bereits vollzogen, als das Militär einmarschierte», resümiert Renner. Inwieweit das «Wiener Hollywood» gerade in den stark unterhaltungs- und wienerisch geprägten Filmen auch eine Art Rückzugsgebiet für österreichische bzw. widerständige Identität war, das zu erörtern, würde hier zu weit führen.

Erpressung

Im österreichischen Staatsarchiv liegt ein Brief von Hans Moser an die Kanzlei Hitlers mit Datum vom 24.Oktober 1938: «Ich lebe mit meiner Frau seit 25 Jahren in glücklicher Ehe. Ich bin vollkommen arischer Abstammung, während meine Frau Jüdin ist. Die für Juden geltenden Ausnahmegesetze behindern mich außerordentlich, insbesondere zermürben sie mich seelisch, wenn ich ansehen muss, wie meine Frau, die so viel Gutes für mich getan hat, dauernd abseits stehen muss. Ich würde mir nicht erlaubt haben, dieses Gnadengesuch einzubringen, aber ich habe so viel Kummer.» Da Goebbels nicht auf einen Schlag alle Publikumslieblinge verlieren wollte, gab es eine Sondergenehmigung – auf Widerruf: Mosers Frau durfte gnädigerweise nach Budapest auswandern, er durfte sie am Wochenende besuchen. Der Druck blieb aufrecht, Moser musste obere NS-Funktionäre regelmäßig «bespaßen», u.a. war er gezwungen, mit dem Gestapochef Kaltenbrunner für das Winterhilfswerk zu sammeln und Wienerlieder für ihn zu singen. Mosers Tochter emigrierte mit ihrem Mann rechtzeitig nach Argentinien.

 

Mosers Kunst

Oberflächlich betrachtet waren Hans Mosers Rollen vielfach stereotyp, der grantelnde, destruktive, «mosernde» Nörgler wird am Ende versöhnt. Doch seine Präsenz geht weiter darüber hinaus. Während die Filme, in denen er auftritt, vielfach veraltet wirken, wirbelt er den Staub flugs weg, sobald er auftaucht und just sein mosern ist unglaublich erfrischend. Dabei erfreuen immer wieder seine Sprachschöpfungen.

Vielfach schrieb er Dialoge um oder improvisierte und erfand neue Wörter wie «miskreditieren», oder einfach schöne Sätze wie: «I kann dir ja ka Kugel herstellen, wenn’s a Kisten ist» – alles aus Hallo Dienstmann!, ein Film aus den 50er Jahren, der Mosers Sketch der 20er Jahre auf Filmlänge auswalkt. Grandios sind mitunter auch die Szenen mit Theo Lingen (der im übrigen wegen seiner jüdischen Ehefrau ähnlich erpresst wurde wie Moser): «Wie können sie draußen husten, wenn ich drinnen horchen will», grantelt Moser Lingen an, als sie an einer Schranktür lauschen. Wenn es ganz kritisch wird, fehlen ihm die Worte: «Er steht auf ihm – Pause – wie heißt er nur denn», stammelt er schmerzerfüllt, als der Schrank auf seinem Fuß landet und ihm das Wort für Fuß nicht einfällt.

Anlässlich seines 100.Geburtstag schrieb Helmuth Karasek treffend im Spiegel: «Als Film-Komiker hätte er sich keine blödere Zeit und Umwelt aussuchen können als das Wien der dreißiger und vierziger Jahre. Die nuschelnden, nervösen, zeternden, um das Recht des kleinen Mannes kämpfenden, komischen Auftritte, die der ständig um seine eigene Achse wirbelnde, mit den Händen wie ein Ertrinkender rudernde Moser im Kino seiner Zeit absolvierte, sind wie Oasen in einer Wüste … Moser war in all den damals veranstalteten Seichtigkeiten … ein Fels der Realität, und zeigte, dass Humor etwas mit Widerstandskraft zu tun hat: Das Gelächter, das er hervorrief, war Ausdruck ungeweinter Tränen über die Demütigungen seiner Dienstmänner und kleinen Leute; seine Raunzerei der taugliche Versuch, Menschenwürde in einer dazu untauglichen Zeit festzuhalten.»

Vermutlich fand er in seiner Karriere das qualitätsvollste Umfeld am Theater. Wenn man die Fotos seiner ganz späten Theaterauftritte in Liliom (1963, Burgtheater) und mit Josef Meinrad in Der Bauer als Millionär (1961, Salzburger Festspiele) betrachtet, wünscht man nichts mehr, als einmal die Möglichkeit gehabt zu haben, ihn auf der Bühne zu sehen.


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