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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Georg Trakl, 1887–1914

Eine Dichterexistenz am Vorabend des Ersten Weltkriegs

von Dieter Braeg

«Inzwischen habe ich viel gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und ratlos; denn man begreift bald, dass die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiederbringlich einzig waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag.
Denn Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel.
Wer mag er gewesen sein?»

Rilke über Trakl

Trakls Leben war bereits früh überschattet von Ereignissen, die den weiteren Verlauf seines Lebens bestimmen sollten. Die Wirklichkeit zerfiel für ihn zusehends und ein Lebensgefühl erfasste ihn, in dem zunehmend Ängste vorherrschten, mit denen er im Laufe seines Lebens nicht mehr fertig wurde.

In seiner Kindheit stellten seine Geschwister – er war das vierte von sieben Kindern – noch nichts Auffälliges an ihm fest. Er war fröhlich, wild und gesund. Die Eltern – der Vater war Kaufmann – waren 1879 von Wiener Neustadt nach Salzburg übergesiedelt, wo Trakl geboren wurde. Es war ein Aufstieg, als die Familie in eine große helle Wohnung im ersten Stock am Mozartplatz übersiedelte, dorthin wo später jahrzehntelang das Café Glockenspiel beheimatet war. Im Parterre betrieb der Vater eine Eisenhandlung. Protestantisch, gütig und anspruchslos, war er der Ruhepol der Familie. Die Mutter, katholisch, wird von Georgs Bruder Fritz wie folgt beschrieben: «Sie war eine kühle, reservierte Frau; sie sorgte wohl für uns, aber es fehlte ihr die Wärme. Sie fühlte sich unverstanden von ihrem Mann, ihren Kindern, von der ganzen Welt. Ganz glücklich war sie nur, wenn sie allein mit ihren Sammlungen blieb – sie schloss sich tagelang in ihre Zimmer ein, die vollgestopft waren mit Barockmöbeln, Gläsern und Porzellan.»
Marie Boring, die Gouvernante, war Mutterersatz. Georg war drei Jahre alt, als sie ihren Dienst antrat – sie blieb 14 Jahre lang. Als strenge Katholikin hinterließ sie Spuren bei Georg.
Erhard Buschbeck, seit Volksschultagen mit ihm befreundet, schrieb: «Ich sehe ihn noch vor mir – ein kleiner gut gepflegter Bub mit langen blonden Haaren, von einer französischen Frau begleitet. Für uns Normalschüler hatten diejenigen, die bloß an manchen Nachmittagen zum Religionsunterricht kamen, wohl immer etwas besonders Feines, aber bei Trakl trat überdies noch ein Sich-Fernhalten-von-den-anderen, ein scheues Absonderungsbedürfnis zu Tage. Irgendwie aber kamen wir damals doch zusammen … Wir kamen uns damals in unzähligen Literaturfragen und Diskussionen näher. Namentlich erinnere ich mich noch an brennende Gespräche über Dostojewski, den Trakl sehr früh und mit vollem Einsatz zu lesen begann und bald ganz kannte.»

Erste Versuche

Der Schulbesuch ergab keine Erfolge. Der Wechsel zum humanistischen Gymnasium entsprach nicht Trakls Interessen. In Griechisch und Latein versagte er und musste die vierte Klasse wiederholen. Als Probleme mit Mathematik dazu kamen, verließ er die Schule und begann ein Praktikum als Apotheker (1905–1908) in der Engel-Apotheke am Anfang der Linzer Gasse, dort begegnet man an der Fassade Trakls Gedicht «Im Dunkel».
Apotheker war damals der einzige akademische Beruf, der keine Matura (Abitur) voraussetzte. Für Trakl war diese Entwicklung ein Abstieg. Er versuchte, auf andere Weise Bestätigung zu bekommen und so schrieb er zwei Theaterstücke, «Totentag» und «Fata Morgana», die zweimal im Stadttheater Salzburg aufgeführt wurden. Sie waren kein Erfolg und so vernichtete Trakl alle Textbücher. Seine erste schriftliche Veröffentlichung folgte im Salzburger Volksblatt am 22.Mai 1906:

Traumland
Eine Episode
Manchmal muß ich wieder jener stillen Tage gedenken, die mir sind wie ein wundersames, glücklich verbrachtes Leben, das ich fraglos genießen konnte, gleich einem Geschenk aus gütigen, unbekannten Händen. Und jene kleine Stadt im Talesgrund ersteht da wieder in meiner Erinnerung mit ihrer breiten Hauptstraße, durch die sich eine lange Allee prachtvoller Lindenbäume hinzieht, mit ihren winkeligen Seitengassen, die erfüllt sind von heimlich schaffendem Leben kleiner Kaufleute und Handwerker und mit dem alten Stadtbrunnen mitten auf dem Platze, der im Sonnenschein so verträumt plätschert, und wo am Abend zum Rauschen des Wassers Liebesgeflüster klingt. Die Stadt aber scheint von vergangenem Leben zu träumen …

Trakl traf sich mit Gleichgesinnten, vor allem im Café Tomaselli. Man gab sich Namen wie «Apollo» oder «Minerva», diskutierte über moderne Literatur und Kunst und war ein Gegenpol gegen das Salzburger Spießbürgertum. Man sammelte Erfahrungen mit Narkotika und besuchte Bordelle in der Steingasse. Die Fackel von Karl Kraus, der die bürgerliche Scheinmoral angriff, lieferte Gesprächs- und Diskussionsstoff bei langen Spaziergängen, genauso wie die Romane von Dostojewski. Da entstanden die ersten Gedichte, deren Titel durch die Spaziergänge inspiriert wurden. Die Orte waren meist nur Anlass, um mit Bildern Trakls inneren Zustand widerzuspiegeln. Die Schönheiten der Umgebung nahm er wahr, aber auch der Verfall entging seiner Wahrnehmung nicht.
Trakls Eltern verstanden ihren Sohn nicht, viele seiner Gedichtentwürfe sind kurz nach seinem Tod vernichtet worden.
Trakl verstand sich vor allem mit seiner Schwester Gretel, die ähnlich veranlagt war wie er. Aber da war mehr als Verständnis und geschwisterliche Liebe. So entstanden Schuldgefühle, die Trakl nie loswerden konnte.

Wien bleibt ihm verschlossen

Von 1908 bis 1911 studierte er in Wien Pharmazie. Dort fand er sich nicht zurecht, Salzburg hatte für ihn «jenen Zauber», den er in Wien nie fand. In Wien entwickelten sich Kontakte zu Stefan Zweig und Hermann Bahr. Er besuchte Lesungen von Karl Kraus und hatte Kontakt zu Oskar Kokoschka, der Trakl zum Malen inspirierte. Erhalten blieb ein Selbstportrait, das aber erst später in Innsbruck entstand.
Trakl fand für seine vielen neuen Gedichte keinen Verleger. Im Juni 1910 starb der Vater, Trakl schloss sein Studium ab. Seine finanzielle Situation war sehr schlecht und seine Schwester, die ein Jahr in Wien gelebt hatte, zog nach Berlin, um dort ihr Klavierstudium fortzusetzen. In Wien absolvierte er noch ein Jahr Militärdienst. Alkohol und Drogen waren in dieser Zeit sicherlich keine tröstlichen Begleiter, zudem verschlechterte sich seine Wohnsituation und er befürchtete, idiotisch zu werden.
1911 kam er nach Innsbruck, wo er, vermittelt durch Buschbeck, Ludwig von Ficker, den Herausgeber des Brenner, eine im ganzen deutschen Sprachraum bekannte Zeitschrift für Kulturkritik und avantgardistische Literatur, kennenlernte. Binnen kurzem wurde Trakl wurde zum persönlichen Freund des Herausgebers und in den «Brenner-Freundeskreis» aufgenommen.
Nach vergeblichem Versuch, in Wien zu arbeiten, kehrte Trakl im Januar 1913 nach Innsbruck zurück.
Im Leipziger Kurt-Wolf-Verlag erschien ein von Franz Werfel lektorierter Band mit seinen Gedichten. Trotzdem erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Aus Wien schrieb Trakl an Ludwig von Ficker: «Vielleicht schreiben Sie mir zwei Worte. Ich weiß nicht mehr ein und aus. Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzwei bricht. Oh mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, dass ich die Kraft haben muss noch zu leben, um das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, dass ich nicht irre bin. Es ist ein steinernes Dunkel hereingebrochen. Oh mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.»

Im Krieg

Auslöser des Zusammenbruchs könnte auch die gescheiterte Ehe seiner Schwester Grete in Berlin gewesen sein.
Bei Beginn des Ersten Weltkriegs rückte Trakl als Militärapotheker an die Ostfront ein. Er meldete sich als Sanitäter und kam mit seiner Einheit am 7.September 1914 nach Galizien. Die russischen Truppen hatten Lemberg besetzt und die österreichischen Truppen versuchen den Vormarsch zu stoppen. Trakls Einheit wurde in der Nähe von Lemberg, bei Grodek stationiert. Dort kam es zu einer Schlacht, die Österreicher erlitten eine schwere Niederlage. Ein panischer Rückzug folgte. Trakl musste in einer Scheune neunzig Verwundete ohne ärztliche Hilfe und ausreichende Ausrüstung betreuen. Den oft schwer Verwundeten konnte er nicht helfen. Einer tötete sich mit einem Kopfschuss, weil er die Qualen nicht länger ertrug. Der Apotheker Rawski-Conroy berichtete: «Ich sah, wie Trakl mit von Entsetzen aufgerissenen Augen an der Bretterwand der Scheune lehnte. Die Kappe war seinen Händen entglitten. Er merkte es nicht, und ohne auf Zuspruch zu hören, keuchte er: ‹Was kann ich tun? Wie soll ich helfen? Es ist unerträglich.›»
Trakl, der dies alles nicht verkraften konnte, wurde «zur Beobachtung seines Geisteszustandes» ins Garnisonspital Nr.15 in Krakau überstellt. Dort besuchte ihn Ludwig von Ficker. Trakl hoffte auf Besuche, die nicht kamen, und schrieb an Ficker in zwei letzten Briefen: «Seit lhrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt. Zum Schlusse will ich noch beifügen, dass im Fall meines Ablebens es mein Wunsch und Wille ist, dass meine liebe Schwester Grete alles, was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll.»
Den Briefen waren die Gedichte «Klage II» und «Grodek» beigefügt. Am Abend des 2.November muss Trakl eine große Dosis Kokain eingenommen haben, am 4.November schließt die Krankengeschichte mit der Feststellung: «Todesursache Kokainvergiftung.»

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Trakls Schwester Grete überlebte ihn nur drei Jahre. Diese waren von einer gescheiterten Ehe, einer Fehlgeburt und schwersten Suchtzuständen geprägt. Am 22.November 1917 erschießt sie sich in ihrem Zimmer im Haus von Herwarth Walden in Berlin.
Die Eltern haben den Nachlass von Grete und Georg mit äußerster Akribie vernichtet.


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