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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Buchtipps

für den Gabentisch

Enzo Traverso: Geschichte als Schlachtfeld. Zur Interpretation der Gewalt im 20.Jahrhundert. Köln: Neuer ISP Verlag, 2014. 253 S., 22 Euro

Enzo Traverso ist einer der führenden Theoretiker der Gewalt im 20.Jahrhundert, das ja in erheblichem Maße von Faschismus, Holocaust und Stalinismus sowie deren Nachwirkungen geprägt war. Sein neues Buch beschäftigt sich mit den verschiedenen Interpretationen dieser blutigen Ereignisse und Herrschaftsformen, wie sie von Autorinnen und Autoren wie Giorgio Agamben, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Martin Broszat, Michel Foucault, Saul Friedländer, Eric Hobsbawm, Jürgen Osterhammel, Zeev Sternhell usw. erarbeitet worden sind. Dabei kritisiert Traverso viele Interpretationsansätze des alten und neuen Kalten Krieges, die im Grunde nur die Sicht der Sieger zu rationalisieren trachten. Er versucht eine Sicht von unten, aus der Perspektive der (vorläufigen) Verlierer.

Bernhard Knierim, Winfried Wolf: Bitte umsteigen! 20 Jahre Bahnreform. Stuttgart: Schmetterling, 2014. 255 S., 20 Euro

Die Autoren legen eine Bilanz von 20 Jahren Bahnreform und dem Betrieb der Deutschen Bahn als profitorientierte Aktiengesellschaft vor, ohne in das modisch gewordene «Bahn-Bashing» zu verfallen. Die Deutsche Bahn AG behauptet, die Bahnreform habe «alle ihre wesentlichen Ziele erreicht: Sie hat erstens mehr Verkehr auf die Schiene gebracht, zweitens die Belastung des Bundeshaushalts … reduziert, und drittens ist die DB heute ein erfolgreiches Unternehmen, das … eine Dividende zahlen kann». In 22 thematisch aufgebauten Kapiteln, denen jeweils ein Ereignis zugrundeliegt, wird dieses Eigenlob der DB AG faktenreich demontiert. Lediglich im Nahverkehr kam es zu einer Steigerung der Fahrgastzahlen. Im Fernverkehr kam es nur zum Ausbau teurer Neubaustrecken, vielerorts gab es einen Rückzug der Bahn aus der Fläche. Tausende Bahnhöfe sind heruntergekommen oder wurden gleich stillgelegt. Die Bahnbelegschaft wurde halbiert. Zur Rolle der Bahn AG als «Global Player» bemerken die Autoren: «Expansionswut im Ausland bedingt Servicewüste im Inland». Eigene Kapitel sind Ereignissen gewidmet, mit denen die Bahn Negativschlagzeilen produzierte: die S-Bahn-Krise in Berlin und die dreiwöchige Schließung des Mainzer Hauptbahnhofs wegen Personalmangel 2013. Im Schlusskapitel werden «Mosaiksteine für eine Bahnfreundliche Republik Deutschland (BRD)» vorgestellt.

Josep Maria Antentas, Esther Vivas: Die Welt der Empörten (Planeta indignado). Ursachen und Perspektiven der Rebellion. Köln: Neuer ISP Verlag, 2014. 186 S., 19,80 Euro

Es ist nicht gerade häufig, dass Sachbücher von spanischen Autoren ins Deutsche übersetzt werden, es sei denn über den Umweg des Englischen. Die beiden Soziologen Josep Maria Antentas und Esther Vivas aus Barcelona, die auch in sozialen Bewegungen aktiv sind, haben ein Buch über die Indignados geschrieben, die gleich ihren US-Gegenparts von Occupy im Frühjahr 2011 durch die Besetzung der Plaza del Sol in Madrid und anderer Plätze weltweit Aufsehen erregt haben. Diese Bewegungen mit ihren «Tagen des Zorns» waren in starkem Maße von jungen Leuten geprägt, denen heute häufig nachgesagt wird, sie würden sich nicht für Politik interessieren, die jedoch plötzlich vielfältigen Formen der Selbstorganisation hervorgebracht haben.

Dem Buch ist ein Motto des 2010 verstorbenen marxistischen Philosophen Daniel Bensaïd über die «Empörung» vorangestellt: «Uns bleibt die unzerstörbare Kraft der Empörung, die das genaue Gegenteil der Gewohnheit und der Resignation darstellt. Wenn man den Gerechten die Gerechtigkeit verweigert, bleibt nur die Würde der Empörung und die bedingungslose Ablehnung der Ungerechtigkeit.»

Antentas und Vivas beschreiben die Folgen der kapitalistischen Krise als «irrationale Rationalisierung eines irrationalen Systems», in dem nicht nur Millionen Menschen Arbeitsplatz und Wohnung verlieren, sondern die neoliberale Politik des totalen Marktes auch zu einer tiefen Krise der bürgerlichen Demokratie führt. Die Menschen haben das Gefühl, dass ihre Stimmen in die Urnen fallen und dort in Frieden ruhen. Die Sozialdemokratie erlebt eine tiefe Krise, weil kaum noch Umverteilungsspielräume bestehen und der Sozialstaat überall abgebaut wird.

Das Buch beschäftigt sich auch mit den Folgen der Schuldenkrise, der «debtocracy», und den sozialen Kämpfen im Süden Europas (und in der arabischen Welt). Es geht auf die besondere Betroffenheit von Frauen ein, die weit stärker als Männer in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind und häufiger unbezahlte Arbeit leisten. Es behandelt die ökologische Krise und den Kampf für Klimagerechtigkeit. Und es analysiert das Auftauchen von Ansätzen eines «neuen Internationalismus» nach dem Untergang des «Realsozialismus», auch wenn in Teilen der (alten) Linken ein gewisses «Lagerdenken» (Syrien, Libyen) nach wie vor fröhliche Urstände feiert.

Macht und Recht im Betrieb – Der «Fall BMW-Berlin». Hrsg. Frank Steger. Berlin: Die Buchmacherei, 2014. 352 S., 14,95 Euro (+1,50 Euro Versand)

In den letzten Jahren haben Unternehmer vermehrt versucht, missliebige, weil den Interessen der Belegschaften verpflichtete Betriebsräte mit Kündigungen aus den Betrieben zu «mobben», stark zugenommen. Das Buch dokumentiert eine exemplarische Auseinandersetzung, die in den Jahren 1984–1987 im Berliner Motorradwerk der BMW AG stattfand: BMW versuchte durch Kettenkündigungen gegen kämpferische IG-Metall-Betriebsräte, sich einen dem Unternehmen genehmen Betriebsrat zu schaffen. Den Kollegen Peter Vollmer, Rainer Knirsch, Hans Köbrich und Gürsel Sucsuz wurde 21mal gekündigt. Obwohl die Berliner IG Metall die Kollegen erst gar nicht und später nur spärlich unterstützte, konnte durch ihre Standfestigkeit und die Öffentlichkeitsarbeit des «Solidaritätskomitees für die entlassenen BMW-Kollegen» erreicht werden, dass Arbeitsgerichte die Kündigungen allesamt zurückwiesen und 1990 die gewerkschaftliche Liste der Kollegen Vollmer, Knirsch und Köbrich mit 45% der Stimmen in den Betriebsrat gewählt wurde. Kernstück des Buches sind die vom Komitee für Grundrechte e.V. und dem BMW-Solidaritätskomitee 1985 und 1986 erstellten Dokumentationen «Gekaufte Vernunft – Ein Lehrstück über Demokratie und Meinungsfreiheit bei BMW». Hinzu kommen zwei Beiträge von Peter Vollmer und Bodo Zeuner, die nach dem Ende des Konflikts entstanden sind, sowie eine aktuelle Einleitung von Bodo Zeuner.

Shir Hever: Die Politische Ökonomie der israelischen Besatzung. Unterdrückung über die Ausbeutung hinaus. Köln: Neuer ISP Verlag, 2014. 263 S., 19,80 Euro.

Der Autor ist Mitarbeiter des Alternative Information Center (AIC), einer palästinensisch-israelischen NGO, die in Jerusalem und Beit-Sahour tätig ist. In den besetzten Gebieten hat Israel die Entwicklung einer palästinensischen Industrie verhindert. So sind inzwischen die Löhne der Palästinenser, die in Israel, in den jüdischen Siedlungen und in den Golfstaaten arbeiten, die Haupteinnahmequelle. Die besetzten Gebiete sind auf internationale Hilfe angewiesen, diese ist jedoch keineswegs die höchste der Welt, wie vielfach angenommen wird. Auch wenn Israel lange von der Ausbeutung palästinensischer Arbeitskraft und dem Absatzmarkt in den besetzten Gebieten profitiert hat, so sind inzwischen die Kosten der Besatzung höher als die sich aus der Besatzung ergebenden materiellen Vorteile. Ein Grund für die explodierenden Kosten ist der anhaltende Widerstand der Palästinenser. Im Kapitel «Trends in der israelischen Wirtschaft» arbeitet Hever heraus, dass sich Israel in einer politischen Krise befindet. Die abgestufte Diskriminierung und Unterdrückung der Palästinenser und ihre ökonomische Bedeutung werden am Beispiel der Trennmauer konkretisiert. Zum Schluss werden verschiedene Theorien zur Ökonomie der Besatzung diskutiert sowie Chancen und Schwierigkeiten des Zweistaatenmodells gegen das Einstaatenmodell abgewogen.

Hans Jürgen Krysmanski: Die letzte Reise des Karl Marx. Frankfurt a.M.: Westend, 2014. 109 S., 10 Euro.

Zu den weniger bekannten Details im Leben des Karl Marx gehören seine Aufenthalte in Algier und in Monte Carlo im Frühjahr 1882, ein Jahr vor seinem Tod. Seit längerem leidet er an den «Karbunkeln», also an Hautausschlägen, die ihn häufig an der Arbeit hindern. Mit der Zeit sind eine chronische Bronchitis und eine Bauchfellentzündung hinzugekommen. Und der Alkoholkonsum hat seine Spuren in der Leber hinterlassen. Last but not least ist am 2.Dezember 1881 seine Frau Jenny verstorben, mit der er seit 1843 verheiratet war. Immer muss er an sie denken.

Die Doktoren und Freunde, vor allem Friedrich Engels, raten ihm, sich zur Kur in sonnige, südliche Gefilde zu begeben. Also reist er von London über Paris, wo er seine Tochter Laura und die vier Enkel trifft, und Marseille nach Algier, um sich dort, einigen reichen Briten gleich, von Dr. Stephann behandeln zu lassen. Es ist Marx’ einziger Aufenthalt außerhalb Europas. Doch selbst in Algerien gibt es preußische Spitzel, die nach Berlin Bericht erstatten.

In Monte Carlo beobachtet er das Getriebe in der Spielbank der Grimaldis, den «Casinokapitalismus». Wegen des Verbotes von Glückspielen in Frankreich und im Deutschen Reich erfährt der einstige Piratenhort zu der Zeit eine erste Blüte als Treffpunkt der «spielsüchtigen» europäischen Bourgeoisie.

Der Soziologe und Konfliktforscher Hans Jürgen Krysmanski hat aus Briefen, Erinnerungen und Biografien ein flott geschriebenes Büchlein zusammengestellt, eine Art Collage, die die Atmosphäre jener Zeit beleuchtet. Um die Anfänge der Frauenbewegung zu integrieren, hat er die Figur der Vera Stirner hinzu erfunden, die Bebels Die Frau und der Sozialismus rezipiert und in Algier als Bedienstete arbeitet. In den Debatten geht es auch um Fragen des Verhältnisses der sozialistischen Bewegung zur Dritten Welt. Eine schöne Lektüre für ruhige Stunden.


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