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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Die Gedanken der Anderen

 

Ein Interview mit Max Blumenthal 

„Und das ist mein Einwand gegen den Pseudo-Humanismus: Dass er allzu lange schon die Rechte des Menschen gemindert hat, dass sein Begriff von diesen Rechten eng, fragmentiert, unvollständig, voreingenommen und letztendlich zutiefst rassistisch ist.“ 
Aimé Césaire (1955/1972), Diskurs über den Kolonialismus.

Max Blumenthal und David Sheen, der erstere Journalist aus den USA, der zweite ein kritischer Filmemacher aus Israel, waren Mitte November nach Berlin gekommen, um über die Folgen des Gazakriegs zu berichten. Der Veranstaltungsraum in der Volksbühne wurde ihnen verwehrt und die beiden als „Antisemiten“ bezeichnet. Anna-Esther Younes hat kurz danach mit Max Blumenthal das nachstehende Interview geführt.

AY: Herr Blumenthal, Ihr Aufenthalt in Deutschland war reichlich turbulent. Sie und David Sheen, ein Journalist aus Israel, hatten eigentlich über die Verbrechen sprechen wollen, die in diesem Sommer von der israelischen Armee in Gaza begangen wurden. Herr Sheen wollte über den Rassismus in Israel informieren, vor während und nach dem Angriff auf Gaza. Aufgrund einer Intervention seitens der LINKEN konnten sie jedoch nicht in der Volksbühne sprechen, Ihrem geplanten ersten öffentlichen Auftritt, der 15 Stunden vorher abgesagt wurde. Es wurde Ihnen „extremer Hass auf Israel“ und „Antisemitismus“ vorgeworfen, was für manche innerhalb der LINKEN offenbar der Grund war, Sie beide am Sprechen zu hindern. Sie sahen sich so gezwungen, in ein kleines und überfülltes Anti-Kriegs-Café in der Nähe auszuweichen. Während Sie dort sprachen, konnten weniger als einen Kilometer entfernt, mitten in Berlin, auf dem Alexanderplatz, Neo-Nazis ungehindert marschieren und demonstrieren. Außerdem sind jetzt die Abgeordneten der LINKEN, die Sie eingeladen haben mit einem öffentlichen Aufruf konfrontiert, der ihren Ausschluss aus der Partei fordert und in wenigen Tagen von ca. 1000 Personen unterschrieben wurde. Der Spiegel, das international bekannteste deutsche Magazin, ließ in einem Artikel von Sibylle Berg verlauten: „Fast schelmisch (urgs) wage ich freudianisch und natürlich völlig spekulativ zu vermuten, dass die Ursache ihres Grolls sexueller Natur ist.“ Der Artikel spielt auf die Idee an, dass die beiden Mitglieder des Bundestages sich hauptsächlich deswegen für Palästina interessieren, weil sie ein sexuell motiviertes Interesse an palästinensischen Männern und deren Revolution haben. Haben Sie etwas Derartiges erwartet, als Sie nach Deutschland kamen?

MB: Nach allem, was ich über Deutschland und seine nationale Pathologie wusste, darüber, dass es nicht geschafft hat, die richtigen Schlüsse aus der eigenen Geschichte zu ziehen, war ich über die Reaktionen kaum überrascht, mit denen ich angesichts meines Versuchs, die Situation in Israel/Palästina zu beschreiben, konfrontiert war. So war ich zum Beispiel nicht überrascht, dass es Versuche gab, meine Auftritte mit David Sheen zu verhindern. Als ich aber auf derart irrwitzige Weise als Antisemit dargestellt wurde und das auch noch von nicht-jüdischen Politikern wie Volker Beck, und das als ein völlig normales Verhalten in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen wurde – da, das muss ich schon sagen, war ich ein bisschen schockiert.

 

AY: Bezeichnen Sie uns also als pathologisch?

MB: Ja. Es ist eine kranke Gesellschaft, die sich nicht mit den zentralen politischen, psychologischen und gesellschaftlichen Strömungen auseinandergesetzt hat, die zum Holocaust geführt haben. Wenn sie irgendwas getan hat, dann diese Strömungen einfach unter einem Nebel aus Holocaust-Schuld neu zu verpacken.

 

AY: Aber “wegen des Holocaust brauchen wir Israel”. Das ist eine der wichtigsten Schlussfolgerungen für viele Menschen in diesem Land.

MB: Laut dem allgemein gültigen deutschen Narrativ stellt Deutschland wegen des Holocaust Israel Dolphin-U-Boote zur Verfügung, die geeignet sind, Nuklear-Raketen abzuschießen. Und wegen des Holocaust überlässt Deutschland Israel verbilligt Korvetten, von denen aus Fischer im Gazastreifen angegriffen werden, Menschen, die gezwungen sind, in einem Ghetto zu leben und auf dem zweitdichtest bevölkerten Flecken Erde, eingeschlossen von Mauern mit Geschütztürmen, auf denen ferngesteuerte Maschinengewehre installiert sind – alles wegen des Holocaust. Wie das die Millionen ehren soll, die zu Asche wurden, ist mir vollkommen schleierhaft.

 

AY: Aber wenigstens sind doch jetzt die Juden stark und können sich zur Wehr setzen!

MB: In Deutschland, so wie es kulturell konstituiert ist, können Juden nur innerhalb des militarisierten israelischen Staates stark sein, das heißt, dass jüdische Stärke gleichbedeutend ist mit der Unterdrückung der Palästinenser_innen. Dieses verzerrte Verständnis von jüdischer Stärke macht alle Jüdinnen und Juden zu Mittäter_innen der Verbrechen Israels, etwas, was auch tatsächliche Antisemiten zu tun versuchen. Es höhlt darüber hinaus die Identität derjenigen Juden aus, die sich nicht für Israel interessieren oder nicht in diesem Land leben wollen. Sie werden auf diese Weise als schwache, minderwertige Juden dargestellt.

 

AY: Demnach sind Sie also ein schwacher Jude? Sehen Sie sich selber als solchen? Sind Sie in einem deutschen Verständnis überhaupt ein Jude?

MB: In Deutschland bin ich offenbar nicht so jüdisch wie Volker Beck, ein Mann, der weder seine Beschneidung noch seine Bar Mitzvah erlebt hat.

 

AY: Schließlich sind Sie und David Sheen ja auch noch des Antisemitismus bezichtigt worden. Wie fühlt sich das für Sie persönlich an?

MB: Meine Arbeit wurde von Volker Beck, der nichts von mir gelesen hat, in der Berliner Morgenpost als “indirekt antisemitisch” bezeichnet.

 

AY: Aber, wie fühlt sich das an, Herr Blumenthal?

MB: Ich bin/war nicht zum ersten Mal in Deutschland, aber es ist mein erster Besuch als politisch agierender Mensch. Und anfänglich hatte ich das Gefühl, ich bin ein Alien, der einen anderen Planeten erforscht. Nachdem ich inzwischen mehr Zeit hatte, mich mit dem politischen Umfeld vertraut zu machen, zeichnet sich für mich ab, was der Zionismus der jüdischen Identität antut und wie diese politische Ideologie unablässig verändert, was es bedeutet, Jude zu sein. Was ich feststelle, ist beängstigend.

Solange Judentum und Zionismus gleichgesetzt werden, kann ein nicht-jüdischer Mensch wie Volker Beck sich auf vielerlei Weise als jüdischer bezeichnen, als ich es bin, und ich kann im Grunde „ent-judaisiert“ werden; meine jüdische Identität kann negiert werden, schlicht und einfach, weil ich sie außerhalb der Grenzen des israelischen Nationalismus definiert habe und bis zu einem gewissen Grad gegen den Zionismus.

 

AY: Macht das Deutschland zu einem Land, das Juden gegenüber freundlich gesonnen ist?

MB: Es macht es zu einem weißen Land, in dem der Zionismus als Teil des vorherrschenden Narratives verordnet, jeder und jedem aufgenötigt und dazu benutzt wird, die Kultur des Weißseins weiterzuentwickeln. Deutschland ist das weißeste Land auf der Welt. Es ist so weiß, dass es gar nicht weiß, dass es das ist und nicht einmal, was Weißsein überhaupt ist.

 

AY: Können Sie bitte erklären, was Sie mit „Weißsein“ meinen?

MB: Weißsein ist die höchste Verkörperung von Privilegien. Weißsein drückt sich darin aus, dass gegen jegliche Forderung nach Gleichheit Macht in Stellung gebracht wird – und das bei gleichzeitiger Leugnung der Existenz genau des Privilegs, das überhaupt tun zu können – eine wohlweislich unterbleibende Selbstwahrnehmung des weißen Selbst.

In meinem Land haben wir jüdische Amerikaner_innen im Allgemeinen die WASPs als neue Elite, als die neuen „Weißen“ sozusagen abgelöst. Aber im Unterschied zu anderen weißen Amerikaner_innen können wir uns auf die Verfolgung berufen, wenn uns irgendjemand unser Privileg streitig machen will, und der Hinweis auf unsere Verfolgung wird sehr ernst genommen. Wenn beispielsweise jüdische Studierende sich bei der Universitätsleitung beklagen, dass sie sich durch eine Solidaritätsdemonstration mit Palästina in ihrer jüdischen Identität angegriffen fühlen, und die Teilnehmer dieser Demo überwiegend Muslime waren, dann werden häufig diese bestraft oder sanktioniert. Das haben wir kürzlich an der Loyola-Universität in Chicago erlebt, wo eine Gruppe wohlhabender, weißer Studierender behauptete, sie sei von palästinensisch-amerikanischen Studierenden belästigt worden. Diese hatten versucht, sich für Birthright Israel einzuschreiben, die kostenlose Reise ins Heilige Land, zu der nur Juden zugelassen sind. Schließlich wurde den palästinensisch-amerikanischen Studierenden angelastet, sie hätten sich des Vergehens der „Diskriminierung“ schuldig gemacht – weil sie gegen eine „nur für Juden“ angebotene Luxustour ins historische Palästina protestiert hatten. Können Sie sich vorstellen, was passiert wäre, wenn afro-amerikanische Studierende dafür bestraft worden wären, dass sie gegen eine Ferienreise in den amerikanischen Süden protestiert hätten, zu der nur Weiße zugelassen wären? Es hätte einen landesweiten Aufschrei gegeben. Daher funktionieren in meinen Augen die pro-israelischen Organisationen an den US Colleges als Weiße Studierenden-Vereinigungen, die man begünstigt, anstatt sie anzuprangern. Und sie zeigen, wie das „Antisemitismus-Narrativ“ dazu genutzt wird, um Weißsein vor Infragestellung zu schützen.

 

AY: Und was hat dieses Weiß-Waschen von jüdischer Identität auf einer transnationalen Ebene mit der Politik in Europa, Nordamerika und Israel/Palästina zu tun? Wo sind da die Verbindungslinien?

MB: Das vollständig monokulturelle Narrativ dessen, was es bedeutet, Deutsche_r zu sein, geht davon aus, dass der Holocaust alle anderen Verbrechen haushoch überragt, dass diejenigen, die dabei vernichtet wurden, die ultimativen Opfer der Geschichte waren, und dass daher die jüdische Nation, die in der Folge entstand, jenseits von und über aller historischen Bodenhaftung schwebt. Bewusst oder unbewusst instrumentalisiert Deutschland den Holocaust und den Zionismus, um das Recht muslimischer und arabischer Einwanderer auf Einbürgerung zu beeinträchtigen, um ihre Narrative zu unterdrücken, um ihren Einbürgerungsprozess zu erschweren. Das hegemoniale Narrativ macht Weißsein zum deutschen Einbürgerungskriterium schlechthin, denn nur weiße deutsche Eingeborene können sich für die Verbrechen schuldig fühlen, die ihre eigenen Vorfahren begangen haben, und nur weiße Deutsche können wirklich ihre Schuld in unverbrüchliche, gedankenlose Unterstützung für den jüdischen Staat verwandeln. Und, wie Sie in Ihrem Artikel darlegen, ebnet dieses Narrativ darüber hinaus einem neuen Sicherheits-Diskurs den Weg, ein Diskurs, der sich – in Deutschland und darüber hinaus – direkt mit der Konstituierung der Figur des Moslem als unerwünscht, sich der Eingliederung wiedersetzend und als ganz „offensichtlich antisemitisch“ verbinden lässt. Das wiederum ist mit dem Recht oder der Verweigerung des Rechts verbunden, die  Staatsangehörigkeit erwerben zu können – oder eben nicht. Dies drückt sich beispielsweise im hessischen Einbürgerungstest bereits insofern aus, als Immigrant_innen verschiedene Fragen zum Holocaust vorgelegt und im Grunde aufgefordert werden, „Israels Existenzrecht“ anzuerkennen. Auf der Grundlage ihrer Beantwortung dieser Fragen kann ihnen tatsächlich die deutsche Staatsbürgerschaft vorenthalten werden.                   

 

AY: Aber ist es nicht zutiefst antisemitisch, Juden als ein besonderes Volk anzusehen oder als besondere Opfer?

MB: Ja, sicher. Die Deutschen, die die Juden für ein besonderes Übel hielten, sind jetzt der Auffassung, dass die Juden ganz besondere Opfer sind, die einen ethnisch exklusiven Staat als Ausgleich für ihr Leiden benötigen. Sie sind nicht in der Lage, Juden einfach als ganz normale Menschen wahrzunehmen, die, wie alle anderen auch, Unterdrücker sein, ein System der Apartheid anwenden oder Extremist_innen hervorbringen können, die sich fast genauso verhalten wie christliche Neo-Nazis. Wir müssen uns vor Augen halten, dass der Siedler-Kolonialismus, wie ihn Israel praktiziert, im Kontext der westlichen Geschichte ein völlig normales Projekt ist. Westliche Weiße haben auch schon früher ethnische Säuberungen durchgeführt und tun es wahrscheinlich auch wieder. Deutschland ist eines dieser „normalen“ Nationen – die Eingeborenen zu verdrängen ist ein völlig normales europäisches Vorgehen. Doch durch die Fetischisierung der Juden und die unheilvolle Gleichsetzung von Judentum und Zionismus erhebt das deutsche Meta-Narrativ Israel in einen Raum jenseits der Geschichte und jenseits der Möglichkeit, diesen Staat genauer zu untersuchen.

 

AY: Warum sind Juden unter all denen, die von weißen Europäer_innen rassifiziert und genozidal vernichtet wurden, ihrer Meinung nach, unter diesen rassistisch Verfolgten in Europa herausgehoben worden?

MB: Weil europäische Juden weiß waren und es in diesen Gesellschaften das hegemoniale Narrativ verlangt, dass Weißsein als Repräsentation nationaler Identität hochgehalten wird. Die einzigen Opfer, die man respektieren kann, sind die weißen. Das muss der Grund dafür sein, warum wir einen ungleich lauteren Aufschrei vernehmen, wenn irgendein dahergelaufener Neo-Nazi bei einem Berliner Protest gegen den Angriff auf Gaza etwas Anti-Jüdisches schreit, als wenn die deutsche Regierung ein Gesetz verabschiedet, dass es ermöglicht, Roma massenhaft in angeblich „sichere“ Länder im Osten zu deportieren.

 

AY: Aimée Césaire argumentiert ganz ähnlich, wenn er behauptet, dass der Faschismus während des Zweiten Weltkriegs aus den Kolonien nach Europa zurückkam. Césaire zeigte auf, dass faschistische Methoden bereits in den Kolonien und von Europa auch schon lange vor dem Holocaust angewandt worden waren, allerdings nicht innerhalb Europas selber. Was bedeutet das für Menschen, die sich gegen ein faschistisches Narrativ wenden? Und was bedeutet es für Juden, die gegen ein solches Narrativ sind?

MB: In Deutschland werden Juden wie ich, die von Christen wie Volker Beck als Antisemiten bezeichnet werden, zum „Anderen“ gemacht, wenn nicht sogar rassifiziert. Man wirft uns mit den anderen in Deutschland zusammen, die das hegemoniale Narrativ nicht akzeptieren – Muslime und schwarze Immigranten – und deren deutsche Staatsangehörigkeit daher in Frage gestellt wird.

 

AY: Wie unterscheidet sich Ihre Erfahrung in Deutschland, wenn Sie sich als Antirassist und allgemein als Kritiker äußern, von der im US-amerikanischen Kontext?

MB: Was ich hier in Deutschland erlebt habe, war etwas völlig Anderes als meine Erfahrungen in den USA. Die Art Anwürfe, wie sie hier gegen mich vorgebracht wurden, nimmt man in den USA überhaupt nicht ernst, außer vielleicht bei rechten pro-israelischen Kräften, die jede Menge Geld, aber keine Basis in der Bevölkerung haben. Jon Stewart, der die beliebteste Talk Show des Landes hostet, bezeichnete vor Kurzem die Attacken von Rechten gegen Israel-Kritiker als „faschistisch“ und äußerte etwas, was die Deutschen offenbar nicht in der Lage sind zu begreifen: „Die Gefahr, die Unterdrückung mit sich bringt, ist nicht nur die, unterdrückt, sondern auch die, zum Unterdrücker zu werden.“

Trotzdem sind wir in den USA natürlich noch weit davon entfernt,

dass Auffassungen wie meine vom Mainstream geteilt werden. Aber wir haben Traditionen, die miteinander konkurrieren und eine diversifizierte Gesellschaft, die ständig in Bewegung ist. Daher lassen sich neue Gedanken zu angeblich tabuisierten Themen einbringen, ohne dass man deshalb von einem eindimensionalen, alles unter sich begrabenden Super-Narrativ, zermalmt wird.

 

AY: Sehen Sie die Möglichkeit einer Entwicklung, auf längere oder kürzere Sicht für Deutschland? Haben Sie den Eindruck, dass Sie diesen Diskurs hier ein wenig aufgemischt haben? Haben Sie etwas erreicht?

MB: Mir scheint, den cyborg-artigen deutschen Medien ist es gelungen, mit der Effizienz einer Maschine das dominante Narrativ zu verstärken. Ob es die Axel Springer-Medien waren, deren Mitarbeiter_innen allesamt ihre Loyalität gegenüber der besonderen Beziehung Deutschlands zu Israel erklären müssen, oder ob es der links von der Mitte angesiedelte Spiegel war – sie alle haben dieselben verzerrten Geschichten über mich zusammengeschustert und verbreitet. Sie haben mich gleichlautend als Antisemiten dargestellt, ohne jemals Bezug auf den Inhalt meiner Arbeit als Journalist zu nehmen. Niemand wandte sich an mich und forderte mich zu einer Stellungnahme auf, und alle wirkten zusammen, um die Öffentlichkeit gegen eine andere Darstellung der Dinge abzuschirmen. Ich kann also nicht behaupten, dass ich die Debatte eröffnet hätte. Mir scheint es auf der Hand zu liegen, dass Deutschland von einer Art psychologischer Mauer umgeben ist, die mindestens genauso schädlich für seine Kultur ist wie die Berliner Mauer. Den einzigen Weg, den ich mir vorstellen kann, wie es in Deutschland zu einer Veränderung kommen könnte, wäre die Beteiligung von Immigrant_innen auf gesellschaftlich entscheidenden Ebenen. Sie könnten den monokulturellen nationalen Diskurs aufbrechen.

 

AY: Haben Sie von niemandem sonst Zuspruch erhalten?

MB: Ich habe durchaus einige weiße Deutsche getroffen, die sich für die Idee einsetzen, dass Palästinenser_innen grundlegende Menschenrechte haben. Und diese Leute sind auch bereit, etwas dafür zu tun. Aber mir scheint, sie werden in ihrer eigenen Gesellschaft als Irre angesehen. Wie Erich Fromm es ausdrückte, der Gesunde wird in einer ungesunden Gesellschaft immer als ungesund dargestellt.

 

AY: Was also haben die deutschen Eliten davon, das Antisemitismus-Narrativ zu benutzen?

MB: Überzeugte linke Antirassist_innen sind normalerweise für die Rechte der Palästinenser_innen. Und die deutschen Eliten sind mittels des Meta-Narrativs vom Antisemitismus in der Lage, die Linke zu schwächen und zu spalten, indem sie ihre konsequentesten Aktivist_innen als Juden-Hasser_innen brandmarken; sie können die Solidarität zwischen Palästinenser_innen und schwarzen Deutschen sowie Flüchtlingen in Deutschland beeinträchtigen, indem sie von diesen die Unterstützung Israels verlangen. Und natürlich profitiert Deutschland von der militärischen Kooperation mit Israel. Die Waffenexporte und –verkäufe finden nicht nur in Form zwischenstaatlicher Transaktionen statt, sondern sie nutzen auch der söldnerhaften Macht von Frontex, die dazu da ist, die von Deutschland gewollte Bastion Europa aufrechtzuerhalten.

 

AY: Sollten Sie noch mal nach Deutschland kommen, würden Sie etwas anders machen?

MB: Wenn ich wieder kommen sollte, dann eher in der Rolle eines Beobachters und Chronisten. Es ist wirklich faszinierend, diese Freakshow von außen zu beobachten. Und als Amerikaner fühle ich mich selbstverständlich von Freakshows angezogen.

 

AY: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview wurde im Original in English geführt und bei Mondoweiss veröffentlicht: http://mondoweiss.net/2014/11/others-interview-blumenthal

 


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