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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Mr Turner

Großbritannien 2014. Regie: Mike Leigh. Mit Timothy Spall

von Angela Huemer

Sonnenaufgang. Ein Windmühle, ein Kanal, zwei Frauen in alter holländischer Tracht gehen daran entlang. Entlang des Kanals steht der Maler William Turner und betrachtet das Licht.Oje, denkt man einen Moment lang, Klischeealarm. Zu Unrecht. Kaum hat man sich’s versehen, kehrt er schon nach Hause zurück. Eine Frau begrüßt ihn, Hannah, seine Haushälterin. Zunächst meint man, es sei seine Ehefrau. Turner war aber nie verheiratet. Sein Vater begrüßt ihn, und auf Anhieb erfühlt der Zuseher die tiefe Verbindung zwischen den beiden. Turners Vater William war ein Barbier und Perückenmacher, seine Mutter die Tochter eines wohlhabenden Fleischhauers. Sie starb jung, offenbar war sie geisteskrank. Turner hatte eine kleine Schwester, diese wird nicht erwähnt im Film. Sein Vater ist auch sein Assistent. Und so nebenbei bekommen wir mit, dass er sehr wohl eine Art Familie hat, eine Frau, die ihre Rente regelmäßig holt, und zwei Töchter. Seine langjährige Haushälterin ist sehr angetan von ihm – er behandelt sie jedoch nicht wirklich gut, meist bemerkt er sie gar nicht und hie und da beutet er ihre Zuneigung aus.

Der Regisseur Mike Leigh hat in der Vergangenheit oft ohne Drehbuch gearbeitet, dabei aber rigoros, in monatelanger Vorbereitung und Zusammenarbeit mit den Schauspielern seine Filme vorbereitet. Eigentlich ist Mr Turner ja ein sog. Biopic, also eine filmische Biografie, doch Leigh versucht, sich den Zwängen dieses Genres zu entziehen. Wir erhalten Schlaglichter auf Turners Leben und Arbeiten, fast so, wie das Licht in seinen Bildern, das mitunter wie hingeworfen wirkt.

Nach einem kurzen Aufenthalt zuhause ist er Gast in Petworth House, der Besitzer, der dritte Earl of Egremont war ein Mäzen von Turner. In einer der Szenen ist ein Bild von Turner fast eins zu eins nachgestellt, «The artist and his admirers» von 1827. Turner malt in einem Raum mit einem riesigen Fenster, die Sonne scheint herein. Zwei junge Damen und die Dame des Hauses bewundern seine Arbeit und befragen ihn dazu.*

Timothy Spall ist großartig als William Turner. Gut, den Film im Original gesehen zu haben, ich kann mir die Synchronisation nur schwer vorstellen. Oft kommuniziert Spall als William Turner durch ein leichtes Murren, man könnte auch respektlos Grunzen sagen, das je nach Situation etwas anders klingt. Und das Englisch ist das der Zeit, «How are you faring» heißt es da beispielsweise, statt «How do you do».

Turners Vater ist sichtlich stolz auf ihn, er assistiert ihm – tatsächlich lebte er 30 Jahre lang mit seinem Sohn. Sein Tod trifft Turner schwer.

Immer wieder besucht Turner die Akademie. Die Kollegen grüßen freundlich, er gehört dazu. Doch er steht auch in gewisser Weise abseits, besonders als seine Bilder immer mehr fast nur aus Licht und Farben bestehen, wodurch er oft als Vorläufer der Impressionisten bzw. der abstrakten Malerei gilt (Turner lebte von 1775 bis 1851). Einmal sehen wir Königin Victoria und ihren Mann Albert durch die Ausstellung gehen, beide äußern sich abfällig zu Turner.

Für seine Kunst gibt Turner alles. Einmal lässt er sich an den Mast eines Schiffes im Sturm binden, nur um die Wirkung der Elemente genau beobachten zu können. Auf vielen seiner Bilder scheinen die Gegenstände fast verschwunden zu sein, es gibt Farbflecken und Flächen, die jedoch klar als Wolken und Meereswellen zu erkennen sind. Mit Begeisterung nimmt er technische Entwicklungen wahr: Eines seiner berühmtesten Bilder ist «Rain, steam and speed – The Great Western Railway» von 1844. Und er lässt sich auch mit der Gefährtin seiner letzten Jahre, Sophia Booth, fotografisch verewigen. Dabei fragt er den Fotografen, ob er denn auch draußen in der Natur fotografiert, was dieser bejaht. Erleichtert hört dann Turner, dass es noch lange dauern wird, bis man so auch Farben einfangen kann.

Fazit: Der Film taugt sowohl für die, die sich mit Turner und seiner Zeit auskennen, als auch für jene, die sich bislang mit ihm noch nicht beschäftigt haben. Nach dem Film verspürt man vor allem erst mal eine große Lust, Turners Bilder im Original zu sehen.

 *Im Petworth House, Sussex, läuft ab dem 10.Januar 2015 eine Turner-Ausstellung, auch zu den Filmarbeiten.


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