Robert Wyatt: Different Every Time


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2014/12/robert-wyatt-different-every-time/
Veröffentlichung: 01. Dezember 2014
Ressorts: Musik

 Doppel-CD, Domino Records

von Dieter Braeg

1973 stürzt der 1945 in Bristol geborene Jazzdrummer Robert Wyatt nach reichlichem Alkoholgenuss aus einem Fenster im vierten Stock und sitzt seitdem im Rollstuhl. «Als ich nach fast einem Jahr aus dem Krankenhaus kam und wieder eine Platte aufnahm, war ich richtig euphorisch. Ich hatte überlebt und einen Weg gefunden, weiterzuarbeiten. Es war ein fast ekstatisches Gefühl. Glück im Unglück. Ich habe vieles ausprobiert, habe zur Musik anderer Leute Schlagzeug gespielt und versucht, ein bisschen dazu zu singen. Aber was ich wirklich wollte, war, mich mit einem Keyboard hinzusetzen und meine eigene Musik zu komponieren, dazu war ich bestimmt, und der Unfall hat es mir ermöglicht!»

In den 60er Jahren war Wyatt Drummer und Sänger der Progressive-Avantgarde-Jazz-Legendenband Soft Machine. Er tourte durch Amerika mit Jimi Hendrix. Nach dem Unfall stellte er sich als Sänger und Komponist völlig neu auf. Sein außerordentlich beachtenswertes Album Rock Bottom hat ihm eine treue Anhängerschaft nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Frankreich, Italien und Deutschland beschert. Wyatt war längere Zeit Mitglied der KP. Unabhängig davon war seine Soloarbeit immer politisch.

Der Titel des Doppelalbums Different Every Time ist auch der Titel der von britischen Musikjournalisten verfassten Biografie von Robert Wyatt, die im Verlag Serpent’s Tail im April 2014 erschienen ist. Wyatt ist ein gefragter Musiker und gastierte u.a. mit Björk, Brian Eno, Scritti Politti, David Gilmour und Hot Chip.

Die Doppel-CD ist auch eine Biografie, eine zweigeteilte Werkretrospektive. Auf der ersten CD, Ex Machina, gibt es dreizehn repräsentative Titel, die Wyatt selbst ausgesucht hat. CD Nummer 2, Benign Dictatorships, präsentiert 17 Titel. Da spielt Wyatt mit anderen Musikerinnen und Musikern. Der Ohrenschmaus beginnt mit dem Soft-Machine-Stück «Moon In June» von 1970 – das sind zwanzig Minuten seiner Jazz/Prog-Exkursionen. Der feine Titel «The Age of Seif» (1985), oder aus 1997: «Free Will and Testament» (1997) sind nur ein Teil seiner außergewöhnlichen musikalischen Biografie. Großartig auch die Titel «Beware» von 2003 und «Just as you are» von 2007, die am Schluss der zweiten CD zu hören sind.