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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Zwei Tage, eine Nacht

Belgien 2014. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne.
Mit Marion Cotillard

von Angela Huemer

Eine junge Frau schläft. Etwas klingelt, nachdrücklich – zunächst glaubt man, es ist der Wecker. Es ist ihr Telefon. Es braucht eine Weile, bis sie aufwacht – fast möchte man sie wecken, dann, endlich, wacht sie auf und geht ans Telefon. Sie erhält keine gute Nachricht, ist aufgebracht. Warum, erfahren wir später.

Unspektakulär, normal, geraten wir in das Leben von Sandra, einer jungen Frau, die mit ihrer Familie, ihrem Mann und zwei Kindern, in einem kleinen Haus wohnt.

Sie telefoniert mit ihrem Mann, unterbricht, damit sie den Kuchen aus dem Ofen holen kann und teilt ihm die schlechte Nachricht mit, sie soll entlassen werden. Doch es gibt Hoffnung. Es hatte eine Abstimmung gegeben: Entweder behält Sandra ihren Job, oder ihre 16 Kollegen kriegen eine Prämie von je 1000 Euro. 14 von 16 Kollegen hatten sich für die Prämie und gegen sie entschieden. Nun soll die Abstimmung wiederholt werden – dank einer beherzten Kollegin, die Sandra davon überzeugt, das von ihrem Chef zu verlangen. Der Grund: Der Vorarbeiter hatte die Leute manipuliert und geängstigt, auch ihr Job wäre gefährdet, falls Sandra bleibt.

Es ist Freitag, Sandra hat bis Montag früh, also zwei Tage Zeit, um ihre Kollegen zu überzeugen, sich gegen die Prämie und für sie zu entscheiden. Der Film ist total unspektakulär, Sandra hat ganz festen Rückhalt durch ihren Mann, Manu, und ihre Kinder. Manu bestärkt sie, mit allen Kollegen einzeln zu reden und so zu versuchen, sie umzustimmen. Ein Telefonat mit einem ihrer Kollegen, Kader, überzeugt auch Sandra, denn er verspricht, für sie zu stimmen. Sandra ist nicht stabil, immer wieder nimmt sie Tabletten und ihr bleibt die Luft weg. Nach und nach erfahren wir, dass sie eine Weile krankgeschrieben war – wegen Depressionen.

Wenn man Filme der Dardenne-Brüder sieht, dann vergisst man meist nach wenigen Minuten, dass man einen Film anschaut. Man taucht vollständig in ein anderes Leben ein und vergisst, dass ein großes Team, Make-up, Kostüme usw. notwendig waren, um die Filmwelt zu erschaffen. Das Besondere an ihren Filmen ist auch, dass die Dinge nie schwarz-weiß sind, es gibt kein Gut-Böse-Schema, die Dardenne-Brüder zeigen den Zuschauern die vielen Grauschattierungen, die unsere Welt ausmacht. Sie drehen alle ihre Filme in Seraing, einem Industrievorort von Lüttich, dort sind sie aufgewachsen.

Hier begibt sich Sandra am Samstagmorgen auf den Weg, zunächst per Bus, und geht von einem ihrer Kollegen zum nächsten. Gemeinsam mit Sandra erhalten wir Einblicke in sehr unterschiedliche Lebenswelten, Wohnblocks, kleine Reihenhäuser, mitunter fast dörfliches Ambiente. Seraing erlebte seinen Boom Anfang des 19.Jahrhunderts, als die Ortschaft von 2000 auf über 30000 Einwohner wuchs.

Wie die einzelnen Kollegen reagieren, sei hier nicht verraten. Ihre Lebenswelten und Beweggründe sind sehr unterschiedlich und keineswegs gibt es hier richtig Gute oder Böse, oftmals wird der Zuschauer überrascht. Offenbar trugen die Brüder Dardenne die Idee für einen Film dieser Art schon lange in sich, dann lasen sie von der Praxis, die den Motor zum Film abgibt, dass nämlich Firmen ihre Angestellten vor Entscheidungen stellen, wie die Kollegen von Sandra sie treffen müssen. Eine perfide Praxis. Sandra geht in diesen zwei Tagen und eine Nacht absolut an ihre Grenzen. Sie ist stets der Fokus des Films, und Marion Cotillard, aktuell eine der besten und erfolgreichsten französischen Schauspielerinnen (für ihre Rolle als Edith Piaf gewann sie den Oscar), glänzt so sehr, dass man ganz vergisst, dass sie als sog. Diva bzw. Superstar gehandelt wird. Hier spielt sie zwar die Hauptrolle, nimmt sich aber sehr zurück. Ebenso wie alle anderen sieht sie nicht aus wie eine Schauspielerin, wie ein Star, sondern wie eine Frau von nebenan.

Am Ende des Films gibt es dann eine Abstimmung – auch hierzu will ich nichts preisgeben, doch ich will noch etwas Bemerkenswertes anmerken, das mir erst beim Nachspann auffiel: Der Film verzichtet auf Filmmusik, d.h. für den Film komponierte Musik, die aus dem Off kommt. Musik gibt es im Film, aber nur, wenn es das Geschehen vorgibt. Noch ein Rat zum Schluss: Falls möglich, empfehle ich, den Film im französischsprachigen Original zu sehen, einige Kinos bieten das an.


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