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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2015 |

Charlie sein oder nicht sein, das ist nicht die Frage

Stellungnahme der Französischen Jüdischen Union für den Frieden (UJFP)

In dem Chaos, hervorgerufen durch das monströse Attentat, das zwölf Menschen das Leben gekostet hat, fällt es zunächst schwer, sich zurechtzufinden und zu unterscheiden zwischen denen, die unter dem Banner des Slogans „Je suis Charlie“ einzig ihren gerechtfertigten Schmerz und ihre Wut zum Ausdruck bringen, denen, die „das Amalgam (die Verwechslung oder Gleichsetzung von Islam und Terrorismus) fürchten“ und denen, die zur nationalen (und internationalen) Einheit gegen den radikalen Islamismus aufrufen.
Wenn auf dieses Verbrechen selbstverständlich mit Schmerz und Wut reagiert wird, fragt sich doch – Wut auf wen genau?

Zu diesem hässlichen Massaker bekennen sich Leute, die sich als Mitglieder von Al Qaida bezeichnen. Die unleugbare Notwendigkeit, den obskurantistischen Strömungen des radikalen Islamismus entgegenzutreten, darf uns jedoch nicht dazu verleiten zu vergessen: Es sind Bewegungen, die sich mit Mitteln des Terrors durchsetzen und dabei behaupten, ihre Verbrechen im Namen des Islam zu begehen. Sie konnten sich jedoch nur dank westlicher imperialistischer Interventionen, der Zerstörung staatlicher Strukturen und dadurch entwickeln, dass der Westen sich ihrer bediente, um progressive Kräfte zu bekämpfen. Wenn diese Strömung, von der sich in Frankreich tatsächlich nur eine kleine Randgruppe von Jugendlichen – unterschiedlichster Herkunft, doch allesamt ohne Zukunft – angesprochen fühlt, dann ist dafür eindeutig die unerträgliche soziale Situation einer Bevölkerung verantwortlich, die aus der post-kolonialen Immigration hervorgegangen ist, sowie der staatliche Rassismus, die Islamophobe und Diskriminierung, die Stigmatisierung oder auch die gängigen ethnisch motivierten Polizeikontrollen.

Es ist nicht zu leugnen, dass Amalgame im Zusammenhang mit diesem Verbrechen zu befürchten sind. Doch sind sie neu? Charlie Hebdo, für uns lange Zeit gleichbedeutend mit der Impertinenz, der Unverfrorenheit des Mai 68, mit Wolinski, Cabu, der Ökologie, dem RESF (Solidaritätsnetzwerk für die Kinder ohne ordentlichen Aufenthaltssatus in F.) – ist dieses Charlie Hebdo nicht seit Jahren schon dazu übergegangen, sich der graphischen und politischen Kunst des Amalgams zu befleißigen? Und um Missverständnisse zu vermeiden: Niemand unsererseits spricht ihm die Freiheit ab, dazu ab, und er hat sie jahrelang gehabt.

Auch nur die geringste Nachsicht mit den Mördern von Zeichnern oder das mindeste Verständnis für sie und überhaupt für die Tötung von Menschen wegen ihrer Ideen zu haben, steht nicht zur Debatte.

Doch Charlie Hebdo hat einen politischen Kampf geführt. Und den Kontext, in dem die Zeitung ihre Karikaturen veröffentlichte, zu verschleiern und vergessen zu machen, war ein Teil ihrer politischen Stellungnahme.

Kann man sich für die 30er Jahre, als der Antisemitismus und die Verfolgung der Juden im Aufschwung begriffen waren, fortschrittliche Zeitungen vorstellen, in denen Karikaturen erschienen wären, die die jüdische Religion kritisieren? Und hier sprechen wir nicht von antisemitischen Karikaturen jener Zeit, sondern von solchen, die die jüdische Religion angreifen.

Wie kann die Kritik von Religionen das Verhältnis Herrschender/Beherrschter ausblenden? Wenn man eine Religion kritisiert, dann geschieht das auch in einem bestimmten Kontext, in einer politischen Situation, die bezüglich der Muslime keineswegs neutral ist. Das Handeln von Charlie Hebdo – und Karikaturen und Artikel stellen eine Form des Handelns dar – haben zur Entwicklung der Islamophobie in Frankreich beigetragen, dazu, dass sich Verachtung und Rassismus gegenüber allen Muslimen entwickelt hat, zu Gesetzen, die „den Laizismus à la francaise“ gegen sie schützen sollen, dazu, dass Moscheen angegriffen wurden, dass es zu tätlichen Angriffen auf Menschen kommt, die „wie Muslime aussehen“. Dass man sie durch das Mittel des „Amalgams“ zu Sündenböcken der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise macht, unter der auch sie und häufig in besonderem Maße leiden – das ist eine Entwicklung, die wir seit Jahren beobachten.

Ghettos und Diskriminierung, das scheint heute nicht auf der Tagesordnung zu stehen. Die “nationale Einheit” lässt sich mit dem Blut all dieser Toten trefflich erreichen – und gegen die Muslime. Die Moscheen brennen bereits (und noch), der Boden dafür ist seit langem schon bereitet.

Der “französische Selbstmord” ist auf dem Vormarsch, hat im Dezember ein anderer Witzbold (franz. Charlot) verkündet.

“Die Nationale Einheit” und “die Heilige Einheit” – kaum war das Massaker begangen worden, versuchte man uns derartige Emotionen aufzunötigen, durch die das legitime Entsetzen und die Abscheu manipuliert und in den Dienst ganz anderer, komplexer und zweifelhafter Bedeutungszusammenhänge gestellt wurden. Die Meinungsfreiheit ist in Frankreich nicht bedroht, nicht einmal die, extrem rassistischste Äußerungen zu publizieren.

Wir gehören nicht zu denen, die den staatlichen Rassismus oder imperialistische Interventionen unterstützen. Wir akzeptieren die Vorstellung vom „clash of civilizations“ genauso wenig wie die Logik „Terrorismus/Antiterrorismus“. Wir weisen bereits im Voraus alle gegen die Muslime gerichteten neuen „Sicherheitsgesetze“ und neuen Formen der Diskriminierung oder an sie ergehenden Aufforderungen zurück, wie sie von dieser nationalen Einheit zu erwarten sind.

Alors aujourd’hui craindre l’amalgame nous semble plus qu’insuffisant. La France se dit un État de droit, les criminels doivent être arrêtés et jugés pour leurs crimes. Mais leur crime va bien au-delà, il vient en réalité de libérer la politique de l’amalgame, et du bouc émissaire. En ce sens les bourreaux comme les victimes de l’attentat étaient partie prenante de la guerre des civilisations. En ce sens, si les assassins nous font horreur, Charlie n’était pas et n’est pas pour autant notre ami et « nous ne sommes pas Charlie ». Si notre solidarité et notre profonde compassion vont à tous les journalistes, salariés, policiers, victimes innocentes de cette tragédie et à leurs familles, l’union qu’il faut construire aujourd’hui est celle d’une France qui accepte d’être enfin celle de tous ses citoyens, musulmans inclus. La bataille contre le terrorisme passera par la bataille pour l’égalité, la justice, la reconnaissance de la France d’aujourd’hui dans toute sa diversité source d’immense richesse. Pour qu’au bout de cette nuit, le jour se lève, nous devons être aujourd’hui des musulmans.

Heute nur das Amalgam zu fürchten, scheint uns nicht hinreichend. Frankreich bezeichnet sich selber als Rechtsstaat. Die Täter müssen verhaftet und für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Doch über diese Taten geht ihr Verbrechen weit hinaus. Es hat vielmehr die Politik entlastet, das Amalgam und den Sündenbock erneut zu evozieren. In diesem Sinne waren die Schlächter genau wie die Opfer Partei im clash of civilizations. In diesem Sinne machen uns die Schächter selbstverständlich Angst, doch auch Charlie war nicht und ist nicht unser Freund, und „wir sind nicht Charlie“. Wenn unsere Solidarität und unser tiefes Mitgefühl bei den Journalisten, den Angestellten, den Polizisten, den unschuldigen Opfern dieser Tragödie und bei ihren Angehörigen ist, dann ergibt sich daraus als Einheit, die heute aufgebaut werden muss, die eines Frankreich, das sich endlich bereit ist, das Land aller seiner Bürger, auch der Muslime, zu sein. Der Kampf gegen den Terrorismus kann nur über den für die Gleichheit, die Gerechtigkeit, die Wahrnehmung Frankreichs in all seiner Vielfalt, Quelle eines außerordentlichen Reichtums geführt werden. Damit am Ende dieser Nacht der Tag dämmert, müssen wir heute Muslime sein.

Nationales Büro der UJFP (Union Juive francaise pour la paix)
9. Januar 2015

Während wir dies schreiben, erfahren wir von der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt bei der Porte de Vincennes in Paris, ein Ereignis das Teil eines größeren Angriffs zu sein scheint. Mehr noch als bisher werden wir als UJFP alles daran setzen, das „Gemeinsame“ auf der Grundlage der universellen Werte aufzubauen, von denen wir oben gesprochen haben. Als Jüdinnen und Juden sind wir immer auf der Seite der Unterdrückten, des Rassifizierten, des Diskriminierten, sei er Moslem, Rom, Jude …


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