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Die Therapeutin und der Wahnsinn

Profitorientierung im Gesundheitswesen *

von Olga Dedinus

Paula ist dreizehn Jahre alt und hat seit einem Autounfall Schwierigkeiten, in der Schule mitzuhalten. Eine psychometrische Diagnostik soll Aufschluss geben. Johannes ist erst fünf, aber bereits im Kindergarten durch Unruhe, Impulsivität und Langsamkeit aufgefallen. Bevor er im nächsten Jahr eingeschult wird, soll eine psychologische Untersuchung Aufschluss darüber geben, ob er unter ADHS leidet. Beide sind leichte Fälle, da aber die Wartelisten bei einer niedergelassenen Therapeutin bis zu einem Jahr lang sein können, haben ihre Eltern sich dennoch für die stationäre Aufnahme entschieden, damit die Probleme ihrer Kinder endlich geklärt werden.

Phillip ist schon sechzehn und leidet unter starken Kopfschmerzen, die beinahe täglich auftreten, sobald er in der Schule belastende Fächer hat. Sie alle erhoffen sich von ihrem Klinikaufenthalt eine erfolgreiche Behandlung ihrer Probleme. Sie erwarten, dass ihnen im Behandlungszimmer eine freundliche, kompetente, ausgeglichene, gut ausgebildete Therapeutin gegenüber sitzt, die individuell auf ihren Fall zugeschnittene Therapie und Diagnostik anbietet.

Aber wer sitzt ihnen gegenüber? Ich. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung, im allerersten Ausbildungsmonat.

Beispiel psychologische Versorgung

Nur in Deutschland ist der Beruf «Psychotherapeutin» ein gesetzlich geregelter Beruf, mit einer speziellen Ausbildung und einem eigenen Psychotherapeutengesetz. Psychologin darf sich jede nennen, die erfolgreich ein Studium der Psychologie abgeschlossen hat. Psychotherapeutin darf sich nur nennen, wer nach einem fünfjährigen Studium der Psychologie, Pädagogik oder Sozialpädagogik noch einmal eine dreijährige Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin durchlaufen hat. Und das ist gut so. Psychotherapeutin ist ein anspruchsvoller Beruf, der viel Fachwissen, aber auch viel Erfahrung, Menschenkenntnis und Selbstwert erfordert.

Während der Ausbildungszeit müssen unter anderem zwei Praktika absolviert werden, insgesamt eineinhalb Jahre. In diesem Teil der Ausbildung stecke ich gerade. Psychotherapeutinnen in Ausbildung, kurz PIAs, sind in Kliniken gern gesehene, hochqualifizierte Billigarbeitskräfte. Für meine 30-Stunden-Woche erhalte ich eine monatliche Aufwandsentschädigung von 280 Euro, umgerechnet etwa 2,50 Euro pro Stunde. Wesentlich günstiger also als eine ausgebildete Psychotherapeutin. Trotzdem kann die Klinik für etwa eine Stunde Diagnostik mit mir rund 84 Euro bei der Krankenkasse abrechnen. Reingewinn: 82 Euro. Pro Stunde.

Doch zurück zur Perspektive der Patientinnen. Denn dieses Geschäft mit den PIAs ist für eine profitorientierte Klinik noch bei weitem nicht profitabel genug. In der Klinik, in der ich arbeite, sind Zeiten für die Vor- und Nachbereitung der Therapie nicht vorgesehen. Größtenteils im Halbstundentakt folgt eine Patientin auf die andere. In einer niedergelassenen Praxis sind die Therapiestunden oft 50 Minuten lang, die letzten zehn Minuten der Stunde dienen der Therapeutin zum kurzen Durchatmen, Aufräumen der alten Materialien und Hervorholen der neuen. Hier in der Klinik, wo obendrein noch Hände, Tisch und Stühle nach jeder Patientin desinfiziert werden müssen, ist für solche Nebensächlichkeiten schlicht keine Zeit eingeplant. Zwischen zwei Patientinnen ist schlicht null Minuten Pause.

Diese Handlungen Vor- und Nachbereitung werden auf Kosten der ohnehin schon knappen Therapiezeit, oder aber auf Kosten des Feierabends für die Kolleginnen verrichtet.

Ich sitze also Paula gegenüber. Ich habe es gerade noch rechtzeitig geschafft, mir die richtige Akte zu greifen, jedoch nicht, sie zu lesen. Also muss Johannes’ Mutter alles noch einmal berichten, was sie bei der Einweisung in die Klinik ohnehin schon berichtet hat. Das ist absolut ineffizient und nützt weder mir noch Johannes den Patientinnen. Aber die Klinik kann eine Extrastunde Diagnostik abrechnen. Null Minuten Pause und der kleine Johannes steht vor der Tür. Der Verdacht auf ADHS hat sich mittlerweile bestätigt, und wo er schon einmal bei uns in der Klinik ist, soll ich seine Aufmerksamkeitsfähigkeiten schulen. Weil die Vorbereitungszeit für Therapiestunden fehlt, sind die Kolleginnen häufig gezwungen, Schema F abzuspulen. Schade nur, dass ich als Anfängerin noch gar kein fertiges Schema zum Abspulen habe. Ich merke, wie ich schlechte Arbeit leiste, auch wenn ich es so gerne anders wollte. Warum muss ich trotzdem mit dem Patienten alleine Therapie machen? Weil das die Klinik nur 2,50 Euro in der Stunde kostet. Dass ich nach einem Monat Ausbildung noch nicht in der Lage bin, eine fertige Therapie anzubieten, soll keinesfalls heißen, dass mein Hungerlohn gerechtfertigt ist. Schließlich bin ich Diplompsychologin, und es gibt auch bereits allerhand Tätigkeiten, die ich jetzt schon qualifiziert verrichten kann. Wenigstens der Mindestlohn von 8,50 Euro sollte also drin sein.

Arbeit nicht zu schaffen

Um die Plätze voll zu kriegen, was am rentabelsten ist, werden obendrein immer wieder Patientinnen aufgenommen, die in unserer Klinik eindeutig fehl am Platz sind. Beispielsweise Patientinnen, die an neurologischen Erkrankungen leiden, die wir aber trotzdem psychotherapeutisch behandeln sollen.

Da ich aber in einem sozialen Beruf arbeite, ist es sehr schwer, die Arbeit, die eigentlich zu viel ist, nicht zu schaffen. Ich fühle mich für meine Patientinnen verantwortlich. Dabei ist es ein Dilemma: Ist es wirklich das Beste für die Patientinnen, wenn ich bei diesem Spielchen mitmache? Für die Patientinnen wäre es wesentlich besser, weniger, aber dafür gut vorbereitete, auf sie persönlich abgestimmte Therapiestunden zu bekommen.

Das würde auch wesentlich weniger Verschleiß am Humankapital, also an uns Therapeutinnen bedeuten. Weniger Therapiestunden bedeuten jedenfalls auch weniger Einnahmen. Deshalb wird alles so bleiben, wie es ist. Das Gesundwerden oder Krankbleiben der Patientinnen ist in diesem System Nebensache. Es stört nicht, wenn die Patientinnen gesund werden. Aber worauf es ankommt ist, dass die Einnahmen stimmen.

Und was ist, wenn einmal schwer magersüchtige oder suizidgefährdete Patientinnen bei uns eingewiesen werden, deren Überleben von einer guten Therapie abhängt? Dann wird sich zeigen, ob dieses Gesundheitssystem auch bereit ist, über Leichen zu gehen.

* Die Namen der Patienten wurden für diesen Artikel geändert.


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