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«Friedliches Zusammenleben der Völker»

Gespräch mit Amina Ossi, stellvertretende Ministerin
der Autonomen Regierung Cizîrê in Syrisch-Kurdistan

Vom 1. bis 9.Dezember 2014 hielt sich eine zehnköpfige akademische Delegation mit Teilnehmern aus mehreren europäischen Ländern und den USA in Rojava auf. Das Ziel war, die Solidarität mit Rojava auch in universitären Kontexten zu verankern und Grundlagen für weiterführende Publikationen zu erarbeiten. Organisator war das Kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad in Frankfurt. Die Delegation reiste von Sêmalka im Osten bis Serekaniye/Ras al-Ain im Westen des Kantons Cizîrê und führte zahlreiche Gespräche mit Angehörigen der Asayis (Sicherheitstruppen), Frauenorganisationen, Frauenverteidigungseinheiten, der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft (TEV-DEM) und Verantwortlichen für die wirtschaftliche Entwicklung, besuchte Flüchtlingslager, Kooperativen, Gesundheitszentren und wichtige wirtschaftliche Einrichtungen. Christian Zeller traf Amina Ossi im Rahmen dieser Delegationsreise. Sie ist stellvertretende Ministerin für auswärtige Angelegenheiten der Autonomen Regierung Kantons Cizîrê in Syrisch-Kurdistan. Zeller führte das nebenstehende Interview am 9.Dezember auf der Fahrt von Rimelan nach Sêmalka in Cizîrê. Dervis Çimen übersetzte das Gespräch.

Wie entwickelt sich die Situation in Kobanê, nachdem der sog. Islamische Staat (IS) Ende November sogar direkt aus der Türkei die Volksverteidigungseinheiten und Frauenverteidigungseinheiten in Kobanê angegriffen hat?

Der Islamische Staat greift seit drei Monaten Kobanê an. Er ist eine schlagkräftige Organisation. Er eroberte im Juni 2014 in 24 Stunden Mossul, die zweitgrößte Stadt im Irak. Dabei erbeutete er auch zahlreiche schwere Waffen. Die Banden des IS stützen ihre Schlagkraft darauf, dass sie enorme Angst verbreiten. Sie konnten viele Städte in Syrien und Irak ohne großen Widerstand unter Kontrolle bringen. Das verlieh ihnen eine Aura der Unbesiegbarkeit.

Wir wussten, dass der IS, nachdem er Mossul eingenommen hatte, umgehend uns angreifen würde. Bereits vor der Großoffensive Mitte September hatte der IS Kobanê ein Jahr lang angegriffen. Aber diese Angriffe waren nicht so umfassend. Es war uns klar, dass wir bei einem erneuten Angriff nicht einfach aufgeben, sondern überall Widerstand leisten würden, auch in Kobanê.

Am Beispiel Shengal haben wir gesehen, dass wir uns organisieren und vorbereiten müssen, um den nötigen Widerstand leisten zu können. Der IS griff mit großem Propagandaaufwand, zahlreichen schweren Waffen und mit der Unterstützung der Bevölkerung in den von ihm kontrollierten Gebieten Kobanê erneut an. Er kündigte über seine Medien und sozialen Netzwerke an, er werde Kobanê unter seine Kontrolle bringen. Kaum waren seine Banden da, ließ er über seine Propagandakanäle verlauten, Kobanê sei gefallen. Regionale Mächte wie die Türkei wollen ihrerseits eine Pufferzone einrichten, um die Region besser zu kontrollieren.

Für den IS ist Kobanê zu einer Prestigefrage geworden. Doch unser Widerstand beschädigt sein Image der Unbesiegbarkeit. Der Widerstand hat seine Besatzungsversuche unterbunden. Mittlerweile haben wir den IS in eine Verteidigungssituation gedrängt. Doch je mehr wir ihn zurückdrängen, desto stärker wird er aus der Türkei unterstützt.

Die Kurden leisteten in Kobanê mit sehr wenigen Mitteln Widerstand. Erst nach drei Wochen begann eine internationale Diskussion über die Unterstützung des kurdischen Widerstands. Es wurde klar, dass der IS keine Grenzen kennt und eine Gefahr für die Menschen ist. Anfänglich hatte die internationale Koalition keine wirkliche Strategie gegen den IS. Sie will ihn im Irak vernichten, in Syrien aber nur schwächen. Sie begann, den IS aus der Luft zu bombardieren. Das kam spät, war in Kobanê allerdings eine Hilfe für den Widerstand. Unser Widerstand ist jedoch nicht auf Kobanê beschränkt. Seit Jahren kämpfen wir gegen den IS, andere islamistische Gruppierungen und gegen das Assad-Regime, die ihre jeweilige Vernichtungspolitik durchzusetzen versuchen. Kobanê ist ein Symbol geworden gegen die dunklen Kräfte des IS, nicht nur für die Kurden, sondern für die gesamte Region.

Wir schätzt du die Rolle der Türkei ein? Wie werden sich die Beziehungen zwischen Rojava und der Türkei entwickeln?

Seit drei Monaten dauert der Widerstand in Kobanê an. Die internationale Allianz möchte die Türkei mit einbeziehen. Aber diese Bemühungen haben die Türkei nicht dazu gebracht, ihre Politik zu ändern. Trotz vieler Informationen, Belege und offensichtlicher Erkenntnisse unterstützt die Türkei den IS weiterhin. Sie versucht alles, um die Errungenschaften in Rojava in Nordsyrien zu zerstören.

Die Doppelmoral der türkischen Regierung ist offensichtlich. In der Türkei gibt sie vor, den Friedensprozess zu unterstützen, doch in Rojava führt sie über den IS Krieg gegen uns. Die türkische Regierung will nicht verstehen, dass wir freundschaftliche Nachbarschaftsbeziehungen entwickeln wollen. Wir wollen unserem Nachbarn keinen Schaden zufügen.

Seit drei Monaten fordern wir die Einrichtung eines humanitären Korridors nach Kobanê, um den Widerstand zu unterstützen. Noch leben viele Menschen in Kobanê. Doch trotz dieser leicht umsetzbaren Forderung passiert nichts. Die Regierungen schauen zu.

Wir können jedoch nicht weiter auf eine Lösung der kurdischen Frage warten, weder in der Türkei noch hier in Syrien oder in anderen Ländern. Sowohl Rojava als auch der Widerstand in Kobanê zeigen, dass eine Lösung dieser Frage unumgänglich ist.

Kürzlich wurde das Duhok-Abkommen zwischen der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft (TEV-DEM) und dem Nationalen Rat der syrischen Kurden (ENKS) vereinbart. Das Abkommen beinhaltet auch eine Aufteilung der Sitze für eine gemeinsame kurdische Übergangsversammlung. Bedeutet dies, dass die Bestrebungen von TEV-DEM für den Aufbau von lokalen Räten in den Gemeinden, in den Kommunen und in den Städten in Frage gestellt werden?

Nicht nur mit dem Duhok-Abkommen, bereits zuvor gab es Bemühungen, alle kurdischen Kräfte in eine Übergangsregierung einzubinden. Doch der EKNS besteht aus mehreren Parteien. Das führt dazu, dass der ENKS langsam handelt und keine schnellen Beschlüsse fassen kann. Die Parteien des ENKS hatten bereits am ersten Tag der Revolution keinen Glauben daran, dass die Menschen hier etwas Neues aufbauen können und dann Errungenschaften zu verteidigen haben. Bis jetzt haben sie nichts gegen die Armut, gegen das Embargo und gegen die Angriffe unternommen. Sie haben sich nicht am Widerstand beteiligt. Wir konnten nicht auf sie warten. Wir sind in einer Kriegssituation und mussten uns organisieren, und TEV-DEM war eine gut verankerte Kraft, die sich bereits frühzeitig auf eine derartige Situation vorbereitet hatte. Dennoch sollen sich alle politischen Kräfte am Aufbau beteiligen und ihren Beitrag leisten. Das Duhok-Abkommen sieht vor, dass TEV-DEM und ENKS ihre Delegationen in eine gemeinsame Versammlung entsenden.

Aber werden eure Bestrebungen, die Selbstverwaltungsstrukturen in den Gemeinden und Städten aufzubauen, durch dieses Abkommen beeinträchtigt?

Die Menschen haben ihre Einstellung geändert und sich organisiert. Diese Organisierung hat uns Freiheit und andere Errungenschaften gebracht. Diese werden wir nicht aufgeben, ganz im Gegenteil, wir werden weiter daran arbeiten, lokale Strukturen und Räte aufzubauen. Wir haben keine Angst vor einer organisierten Bevölkerung. Der ENKS sollte wissen, dass wir die gesamte Organisierung der Bevölkerung nicht einfach seinem Willen unterstellen. Wir werden die Organisierung der Bevölkerung weiterhin vorantreiben. Das ist eine Bereicherung. Wer Ideen und Konzepte hat, soll sie einbringen.

Ich möchte noch gern auf den größeren Kontext in Syrien zu sprechen kommen. Die Partei der Demokratischen Union (PYD) und TEV-DEM setzen sich für eine demokratische Autonomie in Rojava innerhalb eines demokratischen und föderalen Syrien ein. Dazu braucht es Bündnispartner. Wer können diese sein? Mit welchen Kräften in Syrien könnt ihr in eine solche Richtung arbeiten?

Wir stellen die demokratische Autonomie in den allgemeinen Kontext. Wir wollen damit die Probleme, die das Regime seit Jahren aufgebaut hat, anpacken und demokratische Strukturen aufbauen. Unser Projekt basiert auf der Vorstellung, die Gleichstellung der Völker ohne Nationalismus und ohne Unterdrückung zu organisieren. Das erwarten wir auch von den Menschen und den politischen Organisationen in Syrien.

So wie wir für uns Freiheit und Demokratie und Gleichheit fordern, so tun wir das auch für unsere Nachbarn und unsere Mitmenschen. Mit unseren Bemühungen und Bestrebungen beeinflussen wir auch die Entwicklungen in der arabischen Bevölkerung in Syrien. Wir erwarten von den fortschrittlichen arabischen Bewegungen und Organisationen, dass sie die arabische Bevölkerung in diesem Sinne organisieren. Doch müssen wir abwarten, wie sich das entwickelt.

Wir glauben an die Geschwisterlichkeit und das friedliche Zusammenleben der Völker. Dafür setzen wir uns ein und dafür wollen wir Partner, die im gleichen Sinne arbeiten und uns entgegenkommen.

Alle, die uns vor bald vier Jahren kritisiert haben, finden jetzt unsere Bestrebungen gut und sagen, sie hätten sich auch so vorbereiten sollen. Das zeigt, dass wir wirklich ein Hoffnungsträger für die Demokratisierung von Syrien und der Region sind. Wir zeigen mit unseren Bestrebungen, dass in Syrien und im Nahen Osten eine Demokratisierung möglich ist und dass man sich dafür organisieren muss. In dieser Perspektive versuchen wir überall, wo wir sind, uns zu organisieren und dabei auch andere zu beeinflussen und mit einzubeziehen. Wir wissen, dass die Angriffe auf die Region andauern werden und wir uns in einem langfristigen Prozess befinden.

Alle, die keine Demokratisierung in der Region wollen und die Errungenschaften der Kurden zerstören wollen, werden weiterhin finstere Kräfte wie den IS unterstützen. Wir werden unseren Widerstand gegen diese Angriffe fortsetzen. Eine freie Gesellschaft in Syrien, eine Geschwisterlichkeit und ein Zusammenleben der Völker sind möglich. Wir werden daran arbeiten, dass die Völker in diesem Land zusammenleben können. Ganz wichtig sind die Frauen, dass sich die Frau beteiligen, mitorganisieren und mitgestalten kann.

Vielen Dank Amina. Ich wünsche euch einen langen Atem in eurem Kampf.


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