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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2015 |

Joachim Sartorius: Niemals eine Atempause

Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014. 348 S., 22,99 Euro

von Dieter Braeg

Wir haben mit 2014 ein Jahr hinter uns gebracht, in dem wir viel «Geschichte» und «Gedenken» geboten bekamen. Der Autor Joachim Sartorius, der bereits mit seinen Anthologien Atlas der neuen Poesie, Minima Poetica und Alexandria Fata Morgana mehr als nur lyrische Kompetenz bewiesen hatte, hat nun das Handbuch Niemals eine Atempause herausgegeben. Darin beschreiben, schildern und kommentieren Schriftsteller anhand von neunzehn Ereignissen des vorigen Jahrhunderts mehr, als die Geschichtswissenschaft leisten kann.

In seinem kenntnisreichen, und bei dem Thema auch notwendigen, ausführlichen Vorwort schreibt Sartorius unter anderem: «Es gibt politische Gedichte ohne Zahl. Es ist ein Meer. Hängt man der These an, dass jedes Gedicht, auch das bukolische, gesellschaftliche Relevanz hat – quasi ex negativo –, so hat man es mit einem Ozean ‹politischer› Gedichte zu tun. Bei der Zusammenstellung dieser Anthologie und ihrer Engführung waren daher zwei Definitionen von zentraler Bedeutung: Was ist ein politisches Gedicht? Und wann ist ein politisches Gedicht ein gutes, ein gelungenes Gedicht?»

Die beiden Fragen beantwortet dieses Handbuch, die Auswahl war wohl auch durch einen vom Verlag vorgegebenen Umfang begrenzt. Der Erste Weltkrieg, die Russische Revolution, Lob des Kommunismus, das Jahr 1933, der Spanische Bürgerkrieg, Hitler und Stalin, Flucht, Emigration und Exil oder das Ende des Kalten Krieges sind einige der Themenkreise, die politische Poesie bieten.

Es fehlen mir allerdings in dieser Sammlung einige Ereignisse, die viel zu oft «übersehen» wurden: der Februar des Jahres 1934, als Österreichs Arbeiter im bewaffneten Widerstand gegen den Faschismus und die Ständestaatsdiktatur kämpften oder die verbrecherische Vernichtung der Literatur per Bücherverbrennung. Das hätte sicherlich dieses notwendige und wichtige Handbuch der politischen Poesie noch ein Stück großartiger werden lassen, als es trotz dieser Versäumnisse (wozu auch der von mir so verehrte und geliebte Dichter Jura Soyfer gehört, keines seiner vielen so wichtigen politischen Gedichte findet sich in diesem Buch). Bei allem Lob scheint Sartorius’ Wissen um weitere wichtige Lyriker, die man Österreich zurechnen muss, zu gering zu sein: Theodor Kramer, Ernst Jandl oder der von den Nazis ermordete Widerstandskämpfer Richard Zach etwa. Da diesem Buch eine zweite Auflage zu wünschen ist, wäre eine dahingehende Erweiterung sicherlich mehr als notwendig.

112 Lyrikerinnen und Lyriker sind mit ihren Gedichten in diesem Band versammelt, und sehr oft wird klar, wie wenig Kunst und Macht zusammenpassen. Das vergangene Jahrhundert hat, vor allem nach 1945 in Deutschland, wenig politisch-lyrische Spuren hinterlassen. Bis auf Erich Fried gab es auf der Linken nur kritische Liedermacherinnen und Liedermacher. Meist blieb ihnen ein Zugang zum breiten Publikum verwehrt. Die Zeit aber bräuchte mehr denn je das politische Gedicht.

Es war im Jahre 1983, als ein Hildesheimer Richter entschied, dass dem Häftling Armin Juri Hertel, einem Kriegsdienstverweigerer, die Bücher von Heinrich Heine, Heinrich Mann und Alfred Döblin, die ihm seine Mutter geschickt hatte, nicht ausgehändigt werden dürften, da es sich um Terroristenliteratur handelt.

Niemals eine Atempause ist eine Anthologie, die viele Fortsetzungen braucht. Ich könnte hier jetzt eines der vielen Gedichte, die alle mit gutem Grund in dieser Sammlung stehen, an das Ende meiner Kritik setzen. Ich tue es nicht. Hier ist eines, von Erich Fried, das nicht in diesem Handbuch steht:

Völlig veraltete Klassenkampftheorie

Was den Armen zu wünschen wäre

Für eine bessere Zukunft?

Nur dass sie alle

Im Kampf gegen die Reichen

So unbeirrbar sein sollen

So findig

Und so beständig

Wie die Reichen im Kampf

Gegen die Armen sind.

So viele Schurken, die alle Güter dieser Erde ihrem alleinigen Besitz unterwerfen, und so wenig Nachrichten von den Meisterinnen und Meistern der Sprache, Kunst und Musik, die für eine machtfeindliche, antireaktionäre und aufgeklärte Gesellschaft kämpfen. «Niemals eine Atempause» braucht viele weitere Beispiele politischer Poesie!


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