Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2015 |

Bergarbeiterstreik 1984/85 in Großbritannien

COAL NOT DOLE – Fotos* von Michael Kerstgens vom

von Rolf Euler

Coal not dole. The Miner’s Strike 1984/1985. Zu beziehen bei Hannes Wanderer, Peperoni Books, Berlin (www.kerstgens.de, www.peperoni-books.de/“>www.peperoni-books.de)

Dreißig Jahre ist es her, dass der einjährige Streik der britischen Bergleute in Wales und Yorkshire zu Ende ging – mit einer Niederlage nicht nur der Bergleute, sondern für die ganze britische Arbeiterbewegung.Zur Erinnerung brachte der Fotograf Michael Kerstgens seine damals gemachten Fotos in eine Ausstellung im «Haus der Geschichte» in Bochum, und aus dem dazu gehörenden Fotoband stammen die Fotos von dieser Seite.

«Kohle – kein Arbeitslosengeld!» heißt das Motto der Kumpel und ihrer Familien, der ganzen Bergbauregionen. Mit immenser Solidarität, mit unermüdlichen Streikposten und trotz eines gesperrten Streikfonds hielten die Bergleute lange durch, bis zum bitteren Ende, das die sofortige Schließung von 20 Zechen und Entlassung von 70000 Bergleuten brachte.

Michael Kerstgens, in Wales geboren, in Deutschland ausgebildet, ging 1984 ins walisische Bergbaurevier, um zu fotografieren. Hier kam er nicht recht an die Streikenden heran und wurde nach South Yorkshire vermittelt, wo er in der streikenden Familie von Spud und Marsha Marshall unterkam. Diese waren im Laufe der Kämpfe zu Sprechern ihrer Leute geworden. So kam er mit seinem Fotoapparat mehrere Wochen unmittelbar in die Viertel der Dörfer und Städte, zu Demonstrationen, Streikposten, in Streiklokale. Dann zu den Frauen, die mit Hilfe der Women Against Pit Closures (Frauen gegen Zechenschließungen) Solidaritätsaktionen organisierten, radikale Reden hielten, ins Ausland zum Spendensammeln reisten oder die unmittelbare Not mit Suppenküchen zu lindern vermochten.

Erinnert sei an die Veranstaltungen, die mit britischen Bergleuten auch in Deutschland organisiert wurden, gegen den Widerstand der offiziellen Gewerkschaften, die noch nicht einmal den offiziellen Beauftragten der National Union of Mineworkers (NUM), Joe Holmes, akzeptierten. Which side are you on? – die Frage der englischen Kollegen wurde sehr unterschiedlich beantwortet. Weil die NUM kurz vorher dem Internationalen Freien Gewerkschaftsverband beigetreten war und der NUM-Präsident Arthur Scargill als Kommunist geschnitten wurde, hatte die IG Bergbau und Energie keinerlei offizielle Kontakte zulassen wollen und nur «unter der Hand» humanitäre Hilfe geleistet, aber auch kaum eine Hand gerührt, Streikbrecherkohle nach England zu behindern. (Hier sei an die damalige Dokumentation «Auf welcher Seite stehst du?» mit Analysen und Dokumenten über die Ereignisse in der BRD von Joe Holmes erinnert. Auch die Erfahrungen der Unterstützer und ihre Auseinandersetzung mit den Gewerkschaftsvorständen sind hier dokumentiert.)

Kohle ist schwarz – Michael Kerstgens fotografierte damals in schwarz-weißen beeindruckenden Szenen die Menschen und ihre Städte, ihre Versammlungen, ihre Familien. Und er kam nach fast 30 Jahren wieder, um dort noch einmal zu fotografieren, wo die Folgen der Zechenschließungen nachhaltig in Arbeitslosigkeit und verlassenen Vierteln zu sehen sind. Er fotografierte Schilder an Häusern und Läden «Zu verkaufen», die Fahne der NUM schon gerissen. Die Niederlage hatte eine zerstörerische Wirkung auf die Bergbaugemeinden.

Der Fotoband lässt eine Generation von Bergleuten aufscheinen, über die Kerstgens im Vorwort schreibt: «Anders als der politische Radikalismus Scargills … war der Radikalismus, den ich hier erfahren habe, tief verwurzelt in den Traditionen der Bergbauindustrie und der Bergbaugemeinden. Die Menschen hier wussten, woher sie kamen, und sie waren stolz darauf … Der Streik markierte das Ende der Bergbauära in Großbritannien, und er endete in einer bitteren Niederlage für die Bergleute. Ganze Gemeinden verschwanden von der Landkarte – und mit ihnen eine Tradition der Kohleförderung, die generationenüberspannend war.»

Dreißig Jahre nach dem Ende des Streiks ist Michael Kerstgens ein beeindruckender Erinnerungsband gelungen.

* Beispiele für die Fotos in der Printausgabe!


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.