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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2015 |

Betr.: Charlie Hebdo und Berliner Zeitung, SoZ 2/2015

Charlie Hebdo: Groteske Zuschreibung, Nazi-Verharmlosung und ein tatsächlicher Fehler
von Bernard Schmid

In ihrer letzten Ausgabe ist die SoZ einer schweren journalistischen Verfehlung, für welche ein bürgerliches Presseorgan die Schuld trägt, aufgesessen. Man sollte den bürgerlichen Zeitungen eben nie zu viel Glauben schenken! In diesem Falle ist es die Berliner Zeitung, die dafür verantwortlich zeichnet, und also zu einer Entschuldigung allen Grund hätte – eine solche wird durch die SoZ auch erwähnt, allerdings aus einem anderen Motiv als dem, das tatsächlich vorliegt.

Drei Karikaturen werden in der Ausgabe Nr. 02/2015 der SoZ auf Seite 2 der im Monat zuvor bei einem Attentat angegriffenen französischen Satirezeitung Charlie Hebdo zugeschrieben. Die SoZ hatte es von der Berliner Zeitung übernommen. In einer Reihe stehen dabei: ein Titelblatt von Charlie Hebdo, das Papst Benedikt XVI. darstellt, ein Cover von Scharia Hebdo aus dem Jahr 2011 sowie eine antisemitische und den Holocaust offen relativierende Karikatur unter dem Titel Shoah Hebdo. Alle drei stammen angeblich von der ursprünglich einmal linksradikalen, heute eher linksliberalen Zeitung Charlie Hebdo. Die Aufreihung soll die These illustrieren, unter dem Deckmantel von Satire werde hier offen rassistische Hetze betrieben.

@FT:Es handelt sich, werte Kolleginnen und Kollegen von der Berliner Zeitung, um einen echten, tiefen Griff ins Klo. Denn das Machwerk unter dem Titel Shoah Hebdo hat nun wirklich nichts, aber auch gar nichts mit der erstmals 1970 gegründeten, seit 1992 neu erscheinenden Wochenzeitung Charlie Hebdo zu tun. Das offen antisemitische und den Holocaust zumindest in Frage stellende Organ Shoah Hebdo ist vielmehr das alleinige Werk eines hauptberuflichen Antisemiten und Verschwörungstheoretikers Noël Gérard, der unter dem Pseudonym Joe le Corbeau („Joe, die Krähe“) publiziert. Der 33jährige zählt zum Umfeld der antisemitischen Agitatoren Alain Soral und, vor allem, Dieudonné M’bala M’bala.*

Noël Gérard lehnt sich in seinem Stil tatsächlich in aller Regel an fremde Werke an, um auf einen „Wiedererkennungseffekt“ zu setzen. Mal handelt es sich um den Karikaturenstil von Charlie Hebdo, mal um den des populären Comicstrips „Tim und Struppi“ oder um andere Verfremdungen bekannter Zeichenstile.

Seine Machwerke, die einem unverhohlenen ideologischen Zweck dienen, Charlie Hebdo zuzuschreiben, ist grotesk, absurd und eine schwere Beleidigung an die Adresse der mehrheitlich aus der Linken stammenden Zeichner (und weniger zahlreichen Zeichnerinnen) der Satirezeitung. Vor allem aber ist es eine grob fahrlässige Verharmlosung der Umtriebe eines hauptberuflichen Antisemiten. Es ist ungefähr so als würde in Deutschland eine Publikation von Holocaustleugnern den Stil des Monatsmagazins Titanic nachahmen – und dies würde dann benutzt, um den endgültigen „Nachweis“ zu führen, welch menschenverachtendes Organ doch die Titanic sei.

Selbst einen (politischen) Fehler hingegen beging Charlie Hebdo mit ihrer Sonderausgabe Scharia Hebdo, welche im November 2011 veröffentlicht wurde und der Zeitung einen Brandanschlag auf ihre Redaktionsräume eintrug. So richtig und wichtig es war, sich mit ihr gegen den Anschlag zu solidarisieren, so inhaltlich falsch, ja dumm war ihre Begründung für die Herausgabe dieser Sondernummer. Denn die Redaktion von Charlie Hebdo behauptete damals, diese sei eine Reaktion auf „die Wahlergebnisse in Tunesien“ vom 23.Oktober 2011, als die islamistische Partei En-Nahdha für drei Jahre zur stärksten politischen Kraft wurde. Die Behauptung, dies stehe irgendwie im Zusammenhang mit einer Einführung der Scharia in Tunesien, war jedoch schlicht grober Unfug. Teile der Islamisten hätten dies ja vielleicht gewollt. Allein, sie konnten absolut nicht, wie sie vielleicht gemocht hätten. Die Scharia galt und gilt in Tunesien keineswegs, sondern eine aus dem Jahr 1957 stammende, weitgehend auf Rechtsgleichheit von Frauen und Männern aufbauende Zivilgesetzgebung. Diesen historischen Fortschritt schreibt die Verfassung aus dem Jahr 2014 fest, der damals – unter erheblichem gesellschaftlichem Druck – auch En-Nahdha zustimmen musste. Inhaltlich war die Sichtweise von Charlie Hebdo dazu also eine Karikatur, jedoch eine unfreiwillige.

* Wer mehr über ihn wissen möchte, findet Ausführlicheres zum Thema unter dem Link www.trend.infopartisan.net/trd5614/t425614.html


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