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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2015 |

Die Attraktion des «Kalifats»

Was bietet der Jihad?

von Helmut Dahmer

Eines der beunruhigenden und noch unzureichend verstandenen Phänomene der Gegenwart ist der von islamistischen Gruppen ausgerufene neue «Heilige Krieg» oder Jihad, der sich gegen den Westen und die westliche Lebensform insgesamt, gegen Andersgläubige und Ungläubige, vor allem aber auch gegen zu Nichtmuslimen erklärte Muslime nichtsunnitischen oder – enger noch – nichtwahhabitischen Bekenntnisses richtet.Als besonders beunruhigend und gefährlich nahmen Berufspolitiker, Sicherheitsdienste und Teile der Bevölkerung in Deutschland und Österreich zur Kenntnis, dass die Jihad-Armeen, die sich zunächst vor allem aus Afghanistan- und Tschetschenien-Kämpfern sowie aus der früheren irakischen Armee rekrutierten, inzwischen nicht nur Zulauf aus vielen anderen, muslimisch dominierten Staaten haben, sondern auch auf junge Männer und etliche junge Frauen aus den reichen, kriegsentwöhnten, westlichen Oasenländern einen Sog ausüben. Man schätzt, dass einige tausend Europäer und Amerikaner als «Freiwillige» über die Türkei nach Syrien «ausgereist» sind, um sich den Jihad-Kämpfern als Helfer und Söldner anzudienen. Mehrere hundert von ihnen sind in Deutschland oder Österreich aufgewachsen. Einige von ihnen sind, aus verschiedenen Gründen, auch schon zurückgekehrt und gelten nun als ein besonderes «Sicherheitsrisiko».

Der Schweizer Nahostkommentator Arnold Hottinger schreibt im Journal 21 vom 5.12.2014: «Der Einsatz von Selbstmordbombern [in mit Explosivstoffen gefüllten Lastwagen] zur Eröffnung von Kämpfen» setzt voraus, «dass große Zahlen von Selbstmordkandidaten zur Verfügung stehen. Sie müssen in einer ‹Sonderausbildung› psychisch konditioniert werden. Es handelt sich bei ihnen um eine Art ‹Kanonenfutter›, für welches sich kämpferisch unausgebildete und psychisch verletzte oder angeschlagene Freiwillige aus dem Innenbereich [des IS] und aus der Außenwelt eignen.»

Dass in europäisch-amerikanischen Gesellschaften lebende, zumeist dort aufgewachsene junge Leute zwischen 17 und 40 – radikalisierte Muslime und Konvertiten – ihren Familien und dem ihnen vertrauten Milieu Valet sagen und sich im Nahen Osten, den sie nicht kennen, in blutige Kämpfe stürzen, die sie nicht verstehen, hat hiesige Zeitungsleser und Fernsehzuschauer beunruhigt und verwirrt. «Was bietet denen der Jihad?», lautet ihre Frage.

Das Erstaunen über die Faszination, die vom Jihad und von seinen Untaten ausgeht, ist keineswegs ein naives, sondern ein Produkt der Abwehr, nämlich der Erinnerungsverweigerung. Helfen wir der Erinnerung ein wenig auf: Gedenken wir der Jugend des deutschen Jihad, die unter Führung eines braunen Kalifen in Blitzkriegen halb Europa eroberte und im Zeichen der Siegrune und des Totenkopfs Grausamkeiten verübte, die im Unterschied zu denen des IS wahrlich unvorstellbar sind. Erinnern wir uns der Schrecken der jahrhundertelang wütenden christlichen Konfessions- und Kolonialkriege, und vergessen wir nicht die Kriegs- und Todesbegeisterung der Generation, die vor 100 Jahren in die Vernichtungsschlachten des Ersten Weltkriegs zog.

Frust an der Moderne

Von den Motiven, die die ahnungslosen jungen Leute aus dem «Westen» an die Front des Glaubenskriegs treiben, sind einige schon angedeutet. Hottinger spricht zum einen beiläufig von der Rekrutierung «verbitterter» Jugendlicher aus der muslimischen Diaspora und verweist zum anderen auf die (kulturell verpönte) Lust am Entsetzlichen. Bei Christoph Reuter heißt es ergänzend im Spiegel («Chronik 2014», vom 4.Dezember 2014):

«Dass die vermummten Dschihadisten, die Sonnenbrille im Haar, auf ihren Pickups im Ausland eine gewisse Faszination hervorrufen, ist nicht zu übersehen. Die militärischen Erfolge des IS, die Umtriebigkeit auf Twitter, Facebook oder YouTube lassen einen Sog entstehen, der auch in Europa und Asien Gefolgschaft anzieht: unter den Verlierern der zweiten Einwanderergeneration in den Vorstädten von Metropolen in Frankreich, England, Belgien, Deutschland, in den Armenvierteln von Jordanien, Saudi-Arabien, unter Pakistans Taliban und nordafrikanischen Radikalengruppen.»

Dem ist hinzuzufügen, dass die neuen Kamikaze-Kämpfer aus Deutschland, Frankreich, Skandinavien oder aus den angelsächsischen Ländern vor allem von ihrem Degout an ihrem Leben als Marginalisierte in den reichen Oasenländern dieser Welt getrieben sind. Sie wollen heraus aus ihrem Leben zwischen zwei Kulturen, in deren keiner sie sich recht zuhause fühlen. Sie suchen den Kontrast zu all dem, was sie kennen und verachten, und hoffen, sie fänden irgendwo eine radikal andere Lebensform: Krieg statt Frieden, Askese statt Überfluss, männerbündlerische Gemeinschaft statt des verwirrend-provozierenden Zusammenlebens der Geschlechter und ihrer Zwischenformen, Todesverachtung statt Sicherheit, Restauration eines goldenen Zeitalters par force, also die Wiederherstellung einer vorkapitalistischen Welt anstelle der frustranen Gegenwart.

Die neue Mahdi-Bewegung hat nicht nur diesem oder jenem Regime, dieser oder jener konkurrierenden Miliz den Kampf angesagt, sondern der westlichen Moderne insgesamt, mit der die tausende, die ihr jetzt aus den kapitalistischen Zentren zuströmen, nicht zurechtkommen. Auf den Trümmern gescheiterter Staaten wollen sie ein transnationales Imperium errichten.

Die Flüchtlinge aus dem Goldenen Westen erfahren schon im Augenblick, da sie die Grenze zum Kalifat überschreiten, eine enorme Nobilitierung. Sie gehören nun – lebend oder tot – zu den Auserwählten, denen (vom undenkbaren Ungehorsam gegenüber dem einzigen Gott und seinem Kalifen einmal abgesehen) «alles» erlaubt ist. Gestern noch ein ohnmächtiger Anonymus unter Millionen von Seinesgleichen, ist der Jihadist plötzlich Herr über Leben und Tod «aller» für «ungläubig» Erklärten, gleichgültig, ob sie sich selbst für Christen, Juden oder Muslime halten.

Die Welt ist voll von Ketzern, die vom wahren Glauben abgefallen sind, und von Götzendienern, die Nation und Demokratie huldigen, sie ist also voll von Feinden und potentiellen Opfern. Wer jahrelang Frustrationen in sich hineinfraß, kann nun endlich einmal guten Gewissens seinen aufgestauten Aggressionen freien Lauf lassen, für alle ihm widerfahrene Unbill sich rächen. Als Vorkämpfer eines künftigen Gottesstaats, als Berserker im Heiligen Krieg sind ihm die Sünden seines vorherigen Lebens in den gottlosen Ländern erlassen, bleibt ihm selbst im Jenseits die Höllenstrafe erspart. Dafür scheint kein Preis zu hoch.

No alternative – der Wert des Jenseits

Nach dem Scheitern, der Niederschlagung, dem «Verrat» oder der Bürokratisierung zahlloser Aufstände und veritabler Revolutionen gegen den nationalen und internationalen Status quo erscheint dieser mehr und mehr Menschen als «alternativlos». Ist aber im Reich des Profanen, im Diesseits, keine Hoffnung mehr auf einen grundlegenden Wandel der Lebensverhältnisse, dann gewinnt die Sphäre des Sakralen, gewinnt das «Jenseits» wieder an Faszination.

Darum beerben die islamistischen Bünde und Sekten gegenwärtig die steckengebliebenen antikolonialen Befreiungsbewegungen und die säkularen Parteien und Regime, die aus ihnen hervorgingen, und darum fällt es frommen Fanatikern leicht, das Vakuum zu füllen, das die antidespotischen arabischen Aufstände und die imperialistischen Interventionen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte hinterlassen haben.

Der Arbeiter-Internationalismus des 19. und des frühen 20.Jahrhunderts ist nur mehr eine ferne Erinnerung. Der zuletzt von der kubanischen Regierung praktizierte staatliche Internationalismus Moskauer und Pekinger Prägung ist tot. Die «Bewegung der Blockfreien Staaten» ist Geschichte. An die Stelle von Pan-Afrikanismus und Pan-Arabismus sind seit der iranischen Revolution und der Vertreibung der sowjetischen Truppen aus Afghanistan der Pan-Schiismus und der (mit ihm konkurrierende) Pan-Sunnitismus getreten.

Die neue jihadistische Bewegung und ihr Kampf für ein neues heiliges Land mit unbestimmten Grenzen sind das jüngste Glied in einer langen Reihe von messianischen Aufbruchsbewegungen, als deren (vorläufig) letzte in Deutschland – wenn wir einmal von der rassistischen Karikatur des Millenarismus durch die Nazis absehen – der Münsteraner Täuferstaat («Neues Jerusalem») der Jahre 1534/35 in Erinnerung ist, der in einer Schreckensherrschaft endete.

Dem weltweiten regressiven Trend, Sinn nicht mehr im weltlichen Leben und in der menschlichen Geschichte zu suchen, sondern in der Heilsgeschichte und in der Vorbereitung auf das erhoffte eigentliche Leben in einem imaginierten Jenseits, werden die Ideologen des Kalifats gerecht, die sich und ihre Gefolgschaft in einem apokalyptischen Endkampf wähnen, der den Schrecken unserer Endzeit ein Ende macht und nach Verdammung aller Ungläubigen zur Etablierung eines Gottesstaats führt, in dem die Gerechten mit dem wiedergekehrten Messias tausend Jahre lang ein paradiesisches Leben führen werden. Sie erneuern damit, unter Rückgriff auf mittelalterliche Schriften, einen alten Mythos, der sich, mit Varianten, in allen Weltreligionen findet und vielleicht am prägnantesten von dem iranischen Religionsstifter Mani im 3.Jahrhundert u.Z. formuliert worden ist.

Wer kontrolliert die Befreier?

Den jungen Muslimen und Christen, die verzweifelt nach einem Sinn, einem Halt, einer Orientierung suchen, die sie in ihren Familien, Peergroups und Gemeinden nicht finden, müssen die Individuen und Gruppen, denen das Schicksal dieser Flüchtlinge aus der Moderne nicht gleichgültig ist, laut und deutlich sagen,

– dass die Flucht aus ihrem Herkunftsmilieu ins derzeit von den Jihad-Kämpfern gehaltene Territorium, die Flucht aus der Jetztzeit in eine imaginäre Vergangenheit, in den Mythos der Heiligen der letzten Tage, eine Flucht ins Elend des modernen Kriegs, eine Reise ins Nichts ist;

– dass das Kalifat über kurz oder lang das Schicksal der zahllosen Sektenkolonien teilen wird, die mit unendlicher Anstrengung als Vorposten eines besseren, richtigeren Lebens, einer Zukunftsgesellschaft gegründet wurden und, nach Jahren oder Jahrzehnten, von der sie umgebenden, technisch und kommerziell überlegenen Mehrheitsgesellschaft erdrückt wurden, nicht ohne sich zuvor in endlosen internen Fraktionsstreitigkeiten aufgerieben zu haben;

– dass ferner die Untergangspropheten, denen sie vertrauen, ihre militärischen und geistlichen Führer, selbst nur Schachfiguren, Marionetten im globalen Stellvertreterkrieg der Randstaaten Syriens und der Großmächte sind, von denen sie, je nach Opportunität, alimentiert oder im Stich gelassen werden;

– dass sie nicht nur danach fragen müssen, wer die Muslime in den Ländern des Nahen Ostens mit wessen Hilfe unterdrückt, sondern wer deren selbsternannte Befreier, den neuen Kalifen und seine Truppen kontrolliert;

– dass sie ihr Leben für eine verlorene Sache einsetzen, dass sie, ohne militärische Ausbildung und unzureichend bewaffnet, als «Kanonenfutter» in Konflikten, die sie nicht überschauen, verheizt werden;

– dass die Kalifats-Jihadisten auch darum keine Chance haben, weil sie – wie einst Pol Pots «Rote Khmer» oder die Fanatiker vom «Leuchtenden Pfad» in Peru – nicht bloß gegen den «Westen» und die «Abtrünnigen» Krieg führen, sondern auch gegen die Mehrheit derjenigen, die sie ins tausendjährige Reich führen wollen und die keineswegs an der ihr aufgenötigten asketischen Lebens- und Kriegsführung interessiert sind und nur mit Terror und Massakern zu ihrem vermeintlichen «Glück» gezwungen werden können.

Helmut Dahmer war Mitherausgeber der Zeitschrift Psyche und der Trotzki-Werkausgabe.


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