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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2015 |

Die Tage nach dem Attentat auf Charlie Hebdo

Reaktionen aus der Bevölkerung

von Sophia Deeg

Am 7.1., dem Tag des Attentats auf die Redaktion von Charlie Hebdo bin ich bereits seit Wochen in Paris. Ich treffe in dieser Zeit eine Freundin, Aktivistin der UJFP (Französisch-Jüdische Union für den Frieden), die mir eindringlich schildert, wie Muslime und Araber in Frankreich auf Schritt und Tritt rassistisch diskriminiert werden, im Alltag, in den Medien, von der Politik, von rechts bis weit hinein in die Linke.Als ich von den Hinrichtungen von Journalisten «gleich nebenan» erfahre, kann ich nicht fassen, dass so etwas mitten im 11.Arrondissement von Paris geschehen kann, einem Stadtteil, in dem die Bewohner eng und friedlich zusammenleben und es keinen Grund gibt, sich auf der Straße oder zu Hause zu fürchten. Speziell in meiner näheren Umgebung sind es vor allem Muslime und Juden, vorwiegend aus Nordafrika, außerdem Chinesen, Schwarzafrikaner, Bangladeshi, weiße Franzosen und andere, darunter neuerdings auch zahlreiche «junge Kreative» oder «Bobos». Das Straßenbild prägen Tür an Tür jüdische und muslimische Metzgereien, Restaurants, Patisserien, Lebensmittelgeschäfte, Synagogen und Moscheen und auch die Kneipen, Cafés, Ateliers und Büros der Bobos.

Am Tag des Attentats und in den darauffolgenden Tagen mit den Geiselnahmen und dem Überfall auf einen koscheren Supermarkt bricht in den Medien die Charlie-Hebdo-Hysterie los – in meiner Umgebung fühlt es sich an, als wäre nichts geschehen. Keine «Je-suis-Charlie»-Bekenntnisse, keine Hysterie, vielmehr quirliger Alltag wie immer. In den Cafés und auf den Trottoirs Gespräche wie immer, aber jetzt häufig darüber, welche Konsequenzen der Terror für uns alle, für die Gesellschaft und für das Viertel nach sich ziehen könnte.

Die Leere

Neuerdings kann es einem hier, in den teils dörflich wirkenden Gassen um den Boulevard de Belleville passieren, dass man plötzlich vor schwer bewaffneten und dick gepolsterten Soldaten steht, die eine der zahlreichen jüdischen Einrichtungen schützen. Einmal beobachte ich, wie eine junge Frau mit Hijab von mehreren dieser Bewaffneten umstellt ist und von ihnen befragt wird.

Vor dem Attentat hatte ich nur eine vage Vorstellung von Charlie Hebdo, das ich regelmäßig in den Kiosken ausliegen sah. Ich habe noch nie eine Ausgabe gekauft oder gelesen, erinnere mich aber, dass das Blatt seinerzeit die dänischen Mohammed-Karikaturen nachdruckte, und an eine Diskussion in diesem Zusammenhang. Charb, der Charlie-Herausgeber und Chefredakteur, diskutierte mit Tarik Ramadan, dem Vordenker eines europäischen Islam, über die Praxis der Wochenzeitung, von Muslimen als beleidigend empfundene Karikaturen zu bringen. Ramadan unterstrich bei dieser Gelegenheit, das Blatt habe selbstverständlich die Freiheit, das zu tun (er hatte sich seinerzeit auch gegen die Fatwa gegen Salman Rushdie ausgesprochen). Sich über Muslime oder deren Religion lustig zu machen, halte er aber angesichts der Tatsache, dass diese heutzutage eine vielfach stigmatisierte und angegriffene Community seien, für eher feige und politisch fragwürdig. Ramadan verwies darauf, dass mit der Freiheit auch eine Verantwortung verbunden sei.

Am Abend nach dem Anschlag auf das Charlie-Hebdo-Büro fragt mich eine Nachbarin (Lifestylejournalistin), ob ich mitkomme zur spontanen Demo auf der Place de la République. Auf dieser ersten Kundgebung nach dem Attentat, noch am selben Abend und noch nicht oder kaum von Politikern instrumentalisiert, sah ich kaum einen Menschen, der nicht mittelständisch und weiß gewesen wäre und nicht den diskreten Charme einer liberalen Intelligentsia verströmt hätte – und das in einer Stadt und einem Viertel, in dem es viele andere «Farben» gibt. So wie ich es erlebte, hatte diese Veranstaltung etwas erschreckend Einheitliches. Wie würden sich Freundinnen mit Hijab hier fühlen?

Natürlich waren sie nicht gekommen, obwohl sie wie alle entsetzt sind über die Morde und wie alle die Meinungs- und Pressefreiheit hochschätzen. Selbstverständlich hatte unmittelbar nach der Tat Dalil Boubakeur, Präsident des französischen Muslimrats und Rektor der Grande Mosquée de Paris, den Anschlag als einen auf die Freiheit aller Franzosen verurteilt, der insbesondere die muslimische Gemeinde Frankreichs hart treffe. Doch von Muslimen persönlich waren kaum derartige Äußerungen zu hören, was nur zu verständlich ist, so wie sich die Stimmung im Land in den Tagen nach den mörderischen Überfällen der drei islamistischen Täter entwickelte (und wie sie auch zuvor schon war).

Es ist eine Zumutung, in einer – keineswegs neuen, staatlich mit angeheizten – rassistischen, islamophoben Atmosphäre als Moslem in vorauseilender Unterwürfigkeit versichern zu sollen, dass man selber oder die eigene Religion «nicht so ist» wie die Extremisten, die sich auf sie berufen. Es ist auch eine Zumutung, wenn Hollande oder Merkel herablassend die «guten Muslime» einladen, dazuzugehören (zum nationalen Konsens, der nicht zuletzt das umfasst, was unter dem Motto des «Kampfes gegen den Terror» insbesondere an Araber und Muslimen weltweit verbrochen wurde und wird), wobei die Drohung durchscheint, was es bedeutet, wenn sie die Einladung ausschlagen.

Auf der allegorischen «Republik» (auf dem gleichnamigen Platz), die bei Demos und Kundgebungen als «prop» einbezogen wird, hampeln am Abend des 7.Januar Gestalten herum, die, im Hipsterstil gekleidet, hin und wieder «liberté» in die Mikrofone rufen und dafür beklatscht werden. Ist ihre Freiheit, Webseiten und Fashion zu kreieren, in irgendeiner Weise bedroht oder eingeschränkt?

Niemand scheint bei dieser Kundgebung etwas zu sagen zu haben. Es geht um nichts. Dabei denke ich bei dem traurigen Anlass nicht an flammende politische Reden. Doch es lässt sich für mich auf der Place de la République an diesem Abend so an, wie es Olivier Besancenot (NPA) in seiner ersten Stellungnahme zu dem Attentat in bezug auf Hollandes leeres Geschwätz feststellte: «Er hat selbst angesichts des Dramas nichts zu sagen.»

Moralische Hysterie

In diese Leere strömte in den folgenden Tagen der Jagd auf die Täter, der Geiselnahmen, des antisemitischen Überfalls, weiterer Toter und des zweifelhaften Triumphs der Sicherheitskräfte die Propaganda der nationalen und internationalen Einheit «im Kampf gegen den Terror».

Dankbar aufgenommen wurde diese Propaganda von Millionen, die es auf die Straßen drängte, um die Ideale der Republik und die ermordeten Redakteure von Charlie Hebdo als Helden zu feiern. Der britische Philosoph Brian Klug bemerkt dazu, diese Menschen seien zwar keine Heuchler, doch sie seien außer sich in ihrer moralischen Hysterie, deren Implikationen sie in dieser Verfassung nicht überblickten. Sie glaubten, eine absolute Meinungsfreiheit hochzuhalten, die sie selber nicht befürworten könnten, wenn etwa ihre Helden von Charlie Hebdo derb verhöhnt würden. Sie nennen es Mut, auf dieser grenzenlosen Freiheit der Parodie, Herabwürdigung, Respektlosigkeit ungeachtet der Konsequenzen zu bestehen, und glauben, das sei es, was sie von den Mördern unterscheidet und von jedem, der der Auffassung ist, dass es Grenzen dessen gibt für das, was gesagt oder gedruckt werden kann.

Als am vergangenen Sonntag Staatschefs, darunter Kriegsverbrecher und Verächter der Meinungsfreiheit, zur selbstgerechten Feier ihrer Einigkeit nach Paris strömten und den Marsch der Millionen Charlies anzuführen schienen (tatsächlich drückten sich die Herrschaften für ihren Fototermin in einer Nebenstraße herum), da hatte sich eine unheilschwangere Wolke über Paris zusammengezogen: Eine unüberschaubare Menschenmenge war zusammengekommen, um der Aufforderung der Regierung zur Akklamation zu folgen. Die unter dem inzwischen völlig idiotischen Slogan versammelten Massen, hatten nichts zu sagen oder auszudrücken als ein Abstraktes: Wir sind uns einig, wie schön!

Es gab wohl auch genauso viele Unsichtbare, die unter diesen Umständen Abstand davon nahmen, an dem Massenaufmarsch teilzunehmen: religiöse und ungläubige Französinnen und Franzosen, die aus Ländern muslimischer kultureller Prägung stammen; Antirassisten; Linke – auch Leute wie meine Nachbarin, der es angesichts der totalitären Vereinnahmung der Trauer um die Ermordeten graute.

Die Linke

In dieser Situation machte die Linksfront (Front de Gauche) einen, wie ich finde, guten Vorstoß, indem sie zu einer unabhängigen Demo aufrief, die es Leuten wie meiner Nachbarin und mir und vielen anderen ermöglichte, öffentlich etwas jenseits der Vereinnahmungen zum Ausdruck zu bringen.

Die einige tausend Teilnehmende umfassende Alternativdemo hatte zwar auch nicht viel mehr zu sagen als «Je suis Charlie», doch immerhin wurde hier auch darauf hingewiesen, warum einzelne junge Männer (und Frauen) aus den traurigsten Lebensumständen in den französischen Vorstädten und anderswo zu Terroristen mit islamistischer Ideologie werden.

Für den Sonntag nach dem Massenaufmarsch hatten Riposte Laique und Résistance Républicaine im Verein mit Pegida – ja, die gibt’s auch in Frankreich, und nicht nur in Paris!, als stolzen deutschen Exportartikel – mit sehr konkreten Inhalten (etwa: «Ausweisung aller Islamisten!») eine Kundgebung auf einem Platz im Zentrum von Paris angemeldet, die ihnen untersagt wurde. Begründung: Aufstachelung zum Hass. Eine der eingeladenen Rednerinnen und Redner war eine gewisse Melanie Dittmer, verantwortlich für Pegida-Kögida-Dügida (Düsseldorf und Köln). Die Organisatoren waren empört, dass ihre Meinungsfreiheit (sic) nicht respektiert wird.

Anarchisten, antirassistische Gruppen, solche der Palästina-Solidarität und junge Aktivisten mit migrantischen Wurzeln aus der Banlieue riefen, aus der Schreckstarre erwacht, zu einer Gegenkundgebung auf, zu der ein paar hundert Teilnehmende kamen. Von linken Parteien wie NPA oder Front de Gauche waren nur einzelne Vertreter zu sehen. Neben überwiegend jungen Anarchisten, Antifas und Mitgliedern der UJFP prägten die Demo, auch mit Redebeiträgen, die jungen Frauen (mit und ohne Kopftuch) von Femmes en Lutte 93 aus den Vororten, die deutlich sagten, sie seien «nicht Charlie, sondern Revolutionärinnen» und sie setzten auf den gemeinsamen Kampf gegen Imperialismus, soziales Elend, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung und jede Art von Rassismus, einschließlich Islamophobie und Antisemitismus.


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