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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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«Ich bin nicht Charlie»

Gegen die stupide Vermengung von Islam und Terror

von Shlomo Sand

Nichts kann einen Mordanschlag rechtfertigen, schon gar nicht einen kaltblütig ausgeführten Massenmord. Was Anfang Januar in Paris geschehen ist, ist ein absolut unentschuldbares Verbrechen. Das zu sagen, ist nicht originell: Millionen Menschen denken und empfinden so, und dies völlig zurecht.Jedoch ist eine der ersten Fragen, die mir angesichts dieser entsetzlichen Tragödie in den Sinn gekommen ist, die folgende: Muss der unbedingte tiefe Abscheu vor dem Mord zwangsläufig die Identifikation mit den Handlungen der Opfer zur Folge haben? Muss ich Charlie sein, weil die Opfer die höchste Verkörperung der Ausdrucksfreiheit waren, wie der Präsident der Republik erklärt hat? Bin ich Charlie nicht nur, weil ich ein laizistischer Atheist bin, sondern auch wegen meiner fundamentalen Abneigung gegen die unterdrückerischen Grundlagen der drei großen westlichen monotheistischen Religionen?

Manche der in Charlie Hebdo veröffentlichten Karikaturen, die ich schon vor einiger Zeit gesehen hatte, erschienen mir von schlechtem Geschmack; nur die wenigsten von ihnen brachten mich zum Lachen. Aber nicht darin besteht das Problem! Bei den meisten der von dem Wochenblatt in den letzten zehn Jahren zum Islam veröffentlichten Karikaturen habe ich einen manipulatorischen Hass entdeckt, der dazu bestimmt ist, immer mehr Leser, vornehmlich Nichtmuslime, zu verführen. Die Wiederveröffentlichung der seinerzeit in der dänischen Zeitung veröffentlichten Karikaturen erscheint mir scheußlich. Bereits damals, 2006, hatte ich die Zeichnung von Mohammed mit dem von einer Granate flankierten Turban als eine reine Provokation empfunden. Dies war weniger eine Karikatur gegen die Islamisten als eine stupide Vermengung des Islam mit dem Terror; dasselbe als würde man das Judentum mit Geld identifizieren!

Man kann geltend machen, dass Charlie sich unterschiedslos alle Religionen vorknöpft. Aber das ist eine Lüge. Gewiss hat sich das Blatt über Christen mokiert, und manchmal auch über Juden. Jedoch würden sich weder die dänische Zeitung noch Charlie – glücklicherweise – erlauben, eine Karikatur zu publizieren, die den Propheten Mose, mit Kippa und Quasten, als Wucherer mit durchtriebener Miene an einer Straßenecke darstellt. Es ist wirklich gut, dass es in der heutzutage als «jüdisch-christlich» bezeichneten Zivilisation nicht mehr möglich ist, öffentlich antijüdischen Hass zu verbreiten, wie es in gar nicht so entfernter Vergangenheit möglich war. Ich bin für die Freiheit des Ausdrucks, doch gegen rassistische Hetze. Ich kann gut damit leben, dass es Dieudonné* verboten wurde, seine antijüdische «Kritik» und antijüdischen «Scherze» öffentlich zu äußern. Ich bin aber entschieden dagegen, dass er physisch misshandelt wird, und wäre, falls ihn irgendein Idiot attackieren würde, sehr schockiert… aber ich würde nicht so weit gehen und ein Schild mit der Aufschrift «Ich bin Dieudonné» tragen.

Im Jahr 1886 erschien in Paris La France juive (Das jüdische Frankreich, ein antisemitisches Pamphlet) von Edouard Drumont, und 2014, am Tag des von den drei kriminellen Idioten begangenen Attentats, erschien von Michel Houellebecq Soumission, «La France musulmane» (Unterwerfung, «Das muslimische Frankreich»). La France juive war Ende des 19.Jahrhunderts ein echter Bestseller; Soumission war bereits vor seinem Erscheinen in den Buchläden ein Bestseller! Beide Bücher profitierten, jedes zu seiner Zeit, von einer breiten und herzlichen journalistischen Rezeption. Was ist der Unterschied zwischen beiden? Houellebecq weiß, dass es zu Beginn des 21.Jahrhunderts unzulässig ist, eine jüdische Gefahr zu beschwören, aber nicht inakzeptabel, die muslimische Gefahr an die Wand zu malen.

Alain Soral**, der weniger durchtrieben ist, hat das noch nicht verstanden, deshalb wird er von den Medien ausgegrenzt… und das ist gut so! Houellebecq jedoch wurde mit allen Ehren in die Abendnachrichten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eingeladen – am Vorabend des Erscheinens seines Buches, das ebenso wie die perversen Schriften Sorals Hass und Angst verbreitet.

Ein übler Wind, ein fauler Wind von gefährlichem Rassismus weht durch Europa: Es ist ein grundlegender Unterschied, ob man eine in einer Gesellschaft dominierende Religion oder einen vorherrschenden Glauben attackiert oder ob man gegen die Religion einer beherrschten Minderheit hetzt. Wenn heute in der jüdisch-muslimischen Zivilisation – etwa in Saudi-Arabien, in den Emiraten am Golf – Proteste und Warnungen gegen die herrschende Religion erhoben würden, die tausende Arbeiter und tausende Frauen unterdrückt, hätten wir die Pflicht, die zu unterstützen, die protestieren und verfolgt werden. Doch bekanntlich unterstützen die westlichen Führer, weit davon entfernt im Mittleren Osten «Voltairianer» und «Rousseauisten» zu ermutigen, die repressivsten religiösen Regime.

Dagegen ist in Frankreich oder Dänemark, in Deutschland oder Spanien, wo tausende muslimische Werktätige leben – meist dazu bestimmt, die mühseligsten Arbeiten zu verrichten, auf der untersten Ebene der sozialen Stufenleiter – die größtmögliche Vorsicht bei der Kritik am Islam angebracht, der vor allem nicht in vulgärer Weise lächerlich gemacht werden darf.

Heute, und ganz besonders nach diesem schrecklichen Massaker, gilt meine Sympathie den Muslimen, die in den an die Metropolen grenzenden Ghettos leben und stark Gefahr laufen, das zweite Opfer der mörderischen Anschläge auf Charlie Hebdo und den Supermarkt «Hyper Casher» zu werden. Mein Bezugspunkt bleibt weiterhin der echte «Charlie», der große Charlie Chaplin, der sich nie über die Armen und Unwissenden lustig gemacht hat.

Im Wissen, dass jeder Text einen Kontext hat, muss man über die Tatsache nachdenken, dass seit über einem Jahr so viele französische Soldaten in Afrika sind, «um die ‹Jihadisten› zu bekämpfen», während es in Frankreich keine ernsthafte öffentliche Debatte über Nutzen und Schaden dieser Militärinterventionen gibt. Der kolonialistische Gendarm von gestern, der unbestreitbar Verantwortung für die chaotische Hinterlassenschaft der Grenzen und Regime trägt, wird heute wieder «aufgefordert», mit Hilfe seiner neokolonialen Gendarmen das «Recht» wiederherzustellen. Gemeinsam mit dem amerikanischen Gendarmen, der für die enorme Zerstörung des Irak verantwortlich ist, ohne darüber je ein Wort des Bedauerns geäußert zu haben, ist er an der Bombardierung der Basen des «Islamischen Staates» beteiligt. Im Bunde mit «aufgeklärten» saudischen Führern und anderen begeisterten Verfechtern der «Meinungsfreiheit» im Mittleren Osten schützt er die Grenzen der unlogischen Teilung, die er vor einem Jahrhundert gemäß seinen imperialistischen Interessen gezogen hat. Er wird gerufen, jene zu bombardieren, die die kostbaren Ölquellen bedrohen, deren Produkt er konsumiert, ohne zu begreifen, dass er sich, indem er dies tut, die Terrorgefahr in die eigene Metropole holt.

Im Grunde aber hat er es wohl verstanden! Der aufgeklärte Westen ist vielleicht nicht das naive und unschuldige Opfer, als das er sich gerne darstellt! Natürlich muss man ein grausamer und perverser Mörder sein, um kaltblütig unschuldige und unbewaffnete Personen zu töten, aber man muss ein Heuchler oder ein Dummkopf sein, um die Augen vor dem Hintergrund zu verschließen, vor dem sich diese Tragödie abspielt.

Es ist auch ein Ausdruck von Blindheit, wenn man nicht begreift, dass diese konfliktträchtige Situation sich verschärfen wird, wenn wir nicht gemeinsam, Atheisten und Gläubige, wirkliche Perspektiven des Zusammenlebens ohne Hass auf den Anderen entwickeln.

Shlomo Sand lebt und lehrt in Tel Aviv (Israel) und ist u.a. Autor von Die Erfindung des jüdischen Volkes (Berlin: Propyläen, 2010).

 *Dieudonné ist ein zeitgenössischer rechtsextremer französischer Komiker.

**Alain Soral ist ein schweizerisch-französischer rechtsextremer Essayist.


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