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National Gallery

Regie: Frederick Wiseman, 2014

von Angela Huemer

Mitunter scheinen Themen in der Luft zu liegen. Der Film Das große Museum über das Wiener Kunsthistorische Museum (siehe SoZ 11/2014) und Frederick Wisemans Film National Gallery über das gleichnamige Londoner Museum sind ziemlich zeitgleich entstanden. Auf den ersten Blick sind die beiden Filme sehr ähnlich, beide haben als Gegenstand ein großes Museum von internationalem Rang, beide sind auf traditionell dokumentarische Weise entstanden, im sog. «Direct-cinema»-Stil, d.h. der Filmemacher nimmt sich zurück, beobachtet, es gibt keine direkten Interviews und keine Einblendungen, durch die die Menschen, die man gerade sieht, genauer identifiziert werden, und es gibt keine Filmmusik. Frederick Wiseman, selber Pionier dieses dokumentarischen Filmstils (am 1.Januar wurde er 85 Jahre alt), filmt jedoch andere Filmteams dabei, wie sie Interviews aufnehmen, er ist als Zaungast präsent – und er tut dies fast zu oft.

Trotzdem sind die beiden Filme sehr unterschiedlich. Stand bei Johannes Holzhausens Film über das Kunsthistorische Museum in Wien (Das große Museum) ganz klar der Museumsapparat, die Struktur und indirekt auch die spezifische Mentalität – auch die wienerische/österreichische – im Mittelpunkt, legt Wiseman sein Augenmerk auf die Kunst selbst oder besser, das Anschauen von Kunst, das Betrachten, Interpretieren und Annähern daran. Auch bei ihm klingt an, dass die National Gallery eine nationale Institution ist, die als Hüterin großer bildnerischer Meisterwerke sehr achtsam mit ihrem eigenen Bild umgehen muss.

Außer bei Sonderausstellungen zahlt man in der National Gallery keinen Eintritt, die Sonderausstellungen haben größere Bedeutung als hierzulande. Im Film erhalten wir unter anderem Einblicke in eine Leonardo-Ausstellung. Und darauf, was die Leute bereit sind, auf sich zu nehmen, um eine Karte dafür zu erhalten.

Wir erfahren viel über Kunst, über die Reinigung von Bildern, wie Ebenholzrahmen geformt werden, wie genau die Maler früher auf das Licht achteten, wie am Beispiel von Rubens’ Bild «Simson und Delila» ein Bild genau für den Ort gemalt wurde, für den es bestimmt war – in diesem Fall hing das Bild ursprünglich über dem Kamin im Haus eines Freundes von Rubens.

Immer wieder kommen Museumsführer zu Wort und Künstler, die durch das Museum führen. Besonders eindrücklich ist im ersten Teil eine Art Seminar mit Sehbehinderten, denen ein Bild von Pissarro nahe gebracht wird. Wir sehen beim Aktzeichnen zu und können ganz unterschiedliche Resultate beurteilen.

Ein Bild erzählt eine Geschichte, erklärt einer der Kunstführer einer Gruppe von Jugendlichen. Doch während man ein Buch über Monate lesen kann, ein Film über Stunden den «plot» entwickeln kann, so hat ein Bild dafür nur ganz wenig Zeit, den kurzen Moment nämlich, in dem wir es ansehen.

Frederick Wiseman, d.h. die Filmkamera, sieht immer wieder auch die Bilder selbst an, gerne würde man länger verweilen. Die Sequenzen, in denen man Porträtdetails der Bilder sieht und dazu die Gesichter der Betrachtenden, gehen zu schnell vorüber. In diesen Sequenzen ist eine Art Zeitlosigkeit, die Gesichter von damals und heute überwinden die Jahrhunderte. Die alten Porträts erscheinen plötzlich wie Menschen von heute und man denkt, dass die Museumsbesucher gar nicht so anders aussehen, als die porträtierten Menschen von damals.

Mitunter hat man das Gefühl, Wiseman hat seinen filmerischen Standpunkt zu vage gelassen, keine klare Entscheidung getroffen, ob er nun einen Film über die Institution National Gallery macht oder über die Art, wie wir Kunst betrachten oder über Kunstvermittlung. Trotzdem lohnt sich der Kinobesuch. Man lernt sehr viel und genießt besonders die Szenen, in denen die Bilder durch eine andere Kunstform interpretiert werden – so findet einmal ein Klavierkonzert im Museum statt, ein anderes Mal eine Ballettvorführung.


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