Wir trauern um Hermann Weber (1928–2014)


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2015/02/wir-trauern-um-hermann-weber-19282014/
Veröffentlichung: 01. Februar 2015
Ressorts: Zur Person

von Wolfgang Feikert und Wilfried Dubois

Am 29.Dezember 2014 ist Hermann Weber im Alter von 86 Jahren gestorben. Er war einer der führenden Historiker zur Geschichte des deutschen Kommunismus und zur Geschichte der DDR.Er vertrat Zeit seines Lebens die Auffassung: «Die große Sozialutopie der Arbeiterbewegung hat wenig von ihrer historischen Aktualität eingebüßt. Und daher sollte das hohe Ideal einer Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung, ohne Entbehrung und Zwang, ohne Chauvinismus, Rassenhass und Völkerkriege weiterhin als Richtschnur von Politik gelten.» Allerdings glaubte er, die Partei des demokratischen Sozialismus, in der auch Platz für einen «demokratischen Kommunismus» in der Tradition von Rosa Luxemburg und Paul Levi sein müsse, sei die SPD.

Seine Lebensgeschichte kann hier nur kurz skizziert werden:

1945 kam Hermann Weber als Mannheimer Jungkommunist zur gerade wieder zugelassenen KPD. Bald bekam er Zweifel an der Ideologie und Politik der stalinistischen KPD, die sich während seines Studiums an der SED-Parteihochschule «Karl Marx» (1947–1949) noch verstärkten.

1950 wurde er von Erich Honecker als Chefredakteur der FDJ-Zeitung Junges Deutschland abgesetzt, weil er ein Stalin-Telegramm von zwei Zeilen nur als kleinen Kasten auf der Titelseite veröffentlicht hatte.

Auf der Parteihochschule lernte er seine Frau Gerda kennen, mit der er dann über 60 Jahre verheiratet war. 1953 wurden er und Gerda Opfer des Kalten Krieges, vom westdeutschen Staat ins Gefängnis gesteckt und erst 1954 freigelassen. Im gleichen Jahr wurden beide als «Agenten» aus der KPD ausgeschlossen. Zeit ihres Lebens blieben sie der Arbeiterbewegung als Mitglieder der SPD auf deren linken Flügel verbunden, immer auf der Suche nach einem «dritten Weg» jenseits von Kapitalismus und Stalinismus.

Von 1956 bis 1960 wirkte Hermann Weber zusammen mit anderen Linken, zu denen auch Genossen der IV. Internationale wie Ernest Mandel, Willy Boepple, Georg Jungclas und Jakob Moneta gehörten, an der Zeitschrift Sozialistische Politik mit, die sich an SPD-Mitglieder und Gewerkschafter richtete.

Webers Ruf begründet sich jedoch hauptsächlich auf seine Arbeiten zum deutschen Kommunismus vor 1933: Als den Fund seines wissenschaftlichen Lebens bezeichnete Weber die Entdeckung im Jahr 1968 des Originaltextes des Protokolls des Gründungsparteitags der KPD 1918/1919, das 50 Jahre lang nicht auffindbar gewesen war. Nach einer Vielzahl von Aufsätzen erschien 1969 bei der Europäischen Verlagsanstalt (EVA) das monumentale zweibändige Werk Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. Es enthält zahlreiche Biografien kommunistischer Funktionäre, darunter auch zahlreicher Oppositioneller von rechts bis links.

Weber war damals zusammen mit Ossip K. Flechtheim der Vertreter einer unabhängigen Kommunismus-Forschung, die nicht – wie die zahlreichen Publikationen in der DDR – apologetische Interessen verfolgte. Er begann eine akademische Karriere und wurde 1975 bis zu seiner Emeritierung 1993 Professor für Politische Wissenschaften und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim.

Der Aufbruch in der Sowjetunion unter Gorbatschow ab 1987 beflügelte die Forderung nach Rehabilitierung aller Opfer des Stalinschen Terrors. Auf Anregung des ISP-Verlags veröffentlichte Weber 1989 ein Taschenbuch mit dem Titel «Weiße Flecken» in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung. Es enthält Kurzbiografien von 242 ermordeten und 25 Kommunisten, die Haft- und Lagerjahre in der Sowjetunion überlebten. Das Echo auf das Buch war so enorm, dass der Rezensent Karl-Heinz Janßen im April 1990 in der Zeit feststellt: «Bücher haben nicht nur ihre Geschichte, manchmal machen sie auch Geschichte.» Im Zuge der antibürokratischen Massenbewegung in der DDR erschien das Buch im April 1990 auch im Christoph Links Verlag, Berlin, in erweiterter Form.

Weber gründete 1993 das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, das seit 2003 bei der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung für Kommunismusforschung angesiedelt ist. Ein weiteres monumentales Werk kam kurz vor seinen Tod zum Abschluss: Deutschland, Russland und die Komintern (1918–1943), es besteht aus einem Analyse- und Diskussionsband und einem Dokumentenband. Dankenswerterweise können die PDF-Dateien der umfangreichen und nur für Bibliotheken erschwinglichen Bände kostenlos von der Webseite des Verlags De Gruyter heruntergeladen werden.

Eine ausführlichere Darstellung des Werks von Hermann Weber findet sich auf der Seite des Neuen ISP Verlags, www.neuerispverlag.de.