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Boko Haram:

Räuberbande mit ideologischem Mäntelchen

von Klaus Engert

Eigentlich sollten am 14.Februar in Nigeria die Präsidentschaftswahlen stattfinden. Der amtierende Präsident Goodluck Ebele Jonathan von der People’s Democratic Party tritt gegen den Ex-Militärdiktator Muhammadu Buhari vom All Progressives Congress an. Es ist der dritte Versuch Buharis, erstmals auf demokratischem Weg an die Macht zu kommen, und diesmal hat er durchaus Chancen zu gewinnen.

Der Wahltermin wurde jedoch verschoben: Am 7.Februar, nur eine Woche vor dem geplanten Wahlgang, beschloss die Unabhängige Nationale Wahlkommission (INEC) eine Verschiebung auf den 28.März. Offizielle Begründung: Die Situation im Nordosten des Landes, wo die Kämpfe mit der Gruppe Boko Haram andauern, lasse keine sichere und faire Wahl zu.

Richtig ist, dass bei den anhaltenden Kämpfen und Anschlägen im Nordosten und der unsicheren Lage, einschließlich der großen Zahl von Binnenflüchtlingen, eine einigermaßen ordnungsgemäße Durchführung der Wahl nicht zu gewährleisten ist. Dass es allerdings gelingen könnte, diese seit mindestens sechs Jahren andauernde Situation binnen sechs Wochen entscheidend zu ändern, ist blanker Unsinn. Und so wird Boko Haram zum willkommenen Vorwand für die Verschiebung der Wahl.

Der Aufstieg von Boko Haram

Zunächst einmal muss man klarstellen, dass der von den westlichen Medien immer noch hartnäckig benutzte Name Boko Haram – der etwa «Betrügen ist schandbar» bedeutet, wobei das «Betrügen» sich auf westliche Bildungsinhalte beziehen soll – längst von der Organisation selbst in «Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und Jihad» geändert wurde. Aber die von den Medien immer wieder präsentierte Übersetzung «Westliche Bildung ist Sünde» liefert natürlich ein erheblich plakativeres Feindbild.

Boko Haram ist eine ursprünglich in der nordostnigerianischen Stadt Maiduguri beheimatete, 2005 gegründete muslimische Sekte, die die Sharia einführen und die parlamentarische Demokratie beseitigen will. Für ihren Aufstieg seit dem Tod des Sektengründers Ustaz Mohammed Yusuf 2009 zu einer schlagkräftigen bewaffneten Organisation, die inzwischen auch Überfälle in den Nachbarstaaten Niger, Tschad und Kamerun verübt und auf deren Konto mindestens 13000 Tote gehen, gibt es nicht nur einen Grund.

In der Presse ist wahlweise von einer «Sekte», einer kriminellen Bande oder auch davon die Rede, dass die Gruppe aus innenpolitischen Gründen am Leben gehalten bzw. zu innenpolitischen Zwecken instrumentalisiert werde. Kurz gesagt: Das stimmt alles, ist aber noch nicht alles.

Komplizierte Scheidelinien

Geschichtlich und kulturell ist Nigeria wie die meisten künstlich durch den Kolonialismus entstandenen Staatsgebiete ein gespaltenes Land. Insgesamt gibt es über 500 Sprachen und Dialekte und ebenso viele Ethnien. Etymologisch gehört der größte Teil, nämlich der Süden mit den Yoruba, dem ehemaligen Königreich von Benin, der Deltaregion und den Igbo-Gebieten zur Niger-Kongo-Sprachfamilie, während der Norden zum größten Teil zur afroasiatischen (zum kleineren Teil zur nilosaharischen) Sprachfamilie gehört.

Geschichtlich kam der Norden mit den muslimischen (ehemaligen) Herrschaftsgebieten der Hausa-Fulani erst sehr spät zum (heutigen) Nigeria, nämlich als von der englischen Kronkolonie Lagos aus das Königreich Benin von den Engländern erobert und dann die Emirate bzw. Kalifate im Norden im Gefolge der Berliner Westafrikakonferenz von 1884/1885 unterworfen wurden.

Oberflächlich gesehen ist also etwas dran an der Annahme einer «Scheidelinie» zwischen den islamisch geprägten Ethnien des Nordens und den christianisierten des Südens. Aber so einfach ist die Sache nicht: Die Yoruba, eine der größten Ethnien Nigerias, sind z.B. zu einem Drittel Muslime und zu zwei Dritteln christlich (eine Folge von Ereignissen, die vor der Kolonialisierung datieren) – die Trennlinie, wenn es denn eine geben sollte, verläuft also mitnichten nur zwischen den Ethnien oder entlang gewisser geografischer Grenzen.

Ein gutes Beispiel dafür, dass es keinen «Religionskrieg» als solchen in Nigeria gibt, ist der Stadtmoloch Lagos mit seinen inzwischen etwa 20 Millionen Einwohnern: Hierhin strömen Menschen aus allen Gegenden des Landes, um ihr Glück zu machen. Hier stehen Moscheen unmittelbar neben katholischen, protestantischen oder freien Kirchen, aber religiöse Auseinandersetzungen gibt es praktisch nicht. Was die Menschen an erster Stelle eint, ist ihre soziale Lage. Lagos liegt im christlichen Teil von Yorubaland, aber der Gouverneur, Babatunde Fashola, ist muslimischer Yoruba.

Öl, soziale Lage und Klimawandel

Betrachtet man die ökonomische Situation, so ist ein Süd-Nord-Gefälle nicht zu übersehen. Die Ölfelder liegen im Nigerdelta bzw. offshore, und Nigeria hängt mit seinem Staatshaushalt zu 90% vom Öl ab. Der Verteilungsschlüssel für die Einnahmen ist ein ständiger Quell der Auseinandersetzung zwischen den ölfördernden Bundesstaaten und dem Rest des Landes. Und er ist der Schlüssel zur Macht – denn nigerianische Politik ist Klientelpolitik, die Wahlen werden mit Geld entschieden, sowohl auf nationaler wie auf bundesstaatlicher Ebene.

Die soziale Lage im Norden ist desolat. Zwar trifft das insgesamt für die Mehrzahl der Bewohner des Landes zu, denn der objektive Reichtum des Landes kommt nur bei einer kleinen superreichen Schicht an, aber im Norden ist die Lage besonders prekär. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt real bei über 60%, Aussicht auf Besserung besteht nicht, und die Landwirtschaft wird durch die fortschreitende Versteppung infolge des Klimawandels zunehmend unwirtschaftlich. Die im Norden beheimateten Fulani, traditionell Viehzüchter und Nomaden, heute zum größeren Teil sesshaft, finden z.B. immer weniger Weideland für ihre Tiere, was zu regelmäßigen Konflikten mit Farmern führt. Jeden Monat gibt es kleinere oder größere Zusammenstöße, bis hin zu Überfällen, Niederbrennen von Dörfern und Erschießungen von Dorfbewohnern – was zwar mit Boko Haram nichts zu tun hat, aber den gleichen sozioökonomischen Hintergrund widerspiegelt.

Woher kommen Geld und Waffen?

Boko Haram ist offensichtlich gut ausgerüstet. Bei den regelmäßig vom nigerianischen Militär bekannt gegebenen «Erfolgen» werden angeblich jeweils geländegängige Fahrzeuge und Waffen aller Art und Schwere sichergestellt. Bei der eben geschilderten sozialen Lage der Jugend kann man unschwer verstehen, dass es der Gruppe leicht gelingt, Nachwuchs zu rekrutieren (einmal abgesehen von Zwangsrekrutierungen, die es ebenfalls gibt). Es stellt sich deshalb vor allem die Frage, wo das Geld (und die Waffen) herkommen.

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Eine Quelle ist simple Kriminalität: Kidnapping/Lösegeld, Schutzgelder, Raub und Menschenhandel, wie im Falle der im vergangenen Jahr entführten 200 sog. Chibok-girls – wobei Boko Haram bei ihren Überfällen auf Dörfer und Städte regelmäßig zahlreiche Kinder und Jugendliche entführt, die Aufregung im genannten Fall entstand lediglich wegen der großen Zahl. All diese Aktivitäten sind fester Bestandteil von Boko Haram, möglicherweise auch Drogenhandel, aber dafür fehlen bisher konkrete Beweise.

Von höchster Stelle

Doch eine weitere wichtige Geldquelle bilden offensichtlich Zuwendungen von einer Seite, von der man das nicht so schnell vermuten würde. Das nigerianische Wochenmagazin Tell zitierte in einem Artikel mit dem Titel «Politicians who front for Boko Haram» im Dezember 2014 den Generaldirektor der Abteilung für staatliche Geheimdienste, Ita Ekpeyong. Dieser hatte bei einem Treffen zunächst geäußert, die Gruppe werde von hochrangigen Politikern unterstützt, er legte dafür konkrete Beweise einschließlich Summen und Zahlungsmodalitäten vor. Er erklärte, eine Reihe von Parlamentsmitgliedern würden regelmäßig hohe Summen auf Konten einzahlen, die Boko Haram zugerechnet werden.

Die beschuldigten Abgeordneten und Senatoren aus dem Norden stritten das nicht etwa ab, sondern führten als Begründung respektive Entschuldigung an, wenn sie nicht zahlten, könnten sie ihre Wahlkreise nicht mehr besuchen bzw. sie müssten ihre Familien schützen. Zu diesem Szenario der Kumpanei passt auch, dass nach der Entführung der «Chibok-girls» die regionalen Machthaber im Norden verhinderten, dass die wenigen Mädchen, die entkommen waren, zu den Vorkommnissen und dem Verbleib ihrer Leidensgenossinnen befragt werden konnten.

Die Waffen von Boko Haram wiederum stammen, wenn sie nicht auf dem Schwarzmarkt besorgt werden, zum Teil aus der nigerianischen Armee selbst. Die allgemeine Korruption in Nigeria macht auch vor der Armee nicht Halt, und der Verkauf von militärischem Gerät ist eine willkommene zusätzliche Verdienstquelle. Die nigerianische Armeeführung beschuldigte am 14.Februar ihrerseits die Regierung des Niger, Boko Haram zu unterstützen.

Militärische Lösung?

Was die Brutalität des Vorgehens betrifft, so steht Boko Haram dem IS in nichts nach: Enthauptungen, Entführungen, Vergewaltigungen und Zwangsverheiratungen, wahllose massenhafte Erschießungen von Dorfbewohnern einschließlich des Niederbrennens ganzer Ortschaften, sowie Selbstmordattentate, für die mit Vorliebe Frauen und Kinder vorgeschickt werden (vor einigen Tagen sprengte sich in Gombe ein zehnjähriges Mädchen in die Luft), sind an der Tagesordnung. Selbst Gruppen wie al-Qaeda oder die Taliban gehen inzwischen auf Distanz zu ihrem nigerianischen Pendant – denn die Opfer sind in erster Linie Muslime.

Eine multinationale Task Force von etwa 8000 Soldaten, die von den betroffenen Staaten (Nigeria, Kamerun, Niger, Tschad) mit Unterstützung der notorischen «internationalen Gemeinschaft» gebildet wurde, soll das Problem nun möglichst bis zur Wahl militärisch lösen. Die USA, die bisher schon zeitweise die nigerianische Armee unterstützt hatten, haben von letzterer allerdings die Nase voll – sie behaupten, das Militär sei selbst von Unterstützern von Boko Haram unterwandert, und lehnen es deshalb ab, Geheimdiensterkenntnisse auszutauschen.

Im übrigen hat die nigerianische Armee erhebliche Disziplinprobleme, wegen Desertion bzw. Feigheit wurde in jüngster Zeit eine Reihe von Todesurteilen gesprochen. Hintergrund für den mangelhaften Kampfeswillen ist u.a. die im Vergleich zu den Separatisten teilweise schlechtere Ausrüstung, was wiederum darauf zurückzuführen ist, dass Geld für Waffen regelmäßig in dubiosen Kanälen versickert. So wurden etwa mehrere Millionen Euro, die für Waffenkäufe vorgesehen waren, in Südafrika aufgefunden.

Im übrigen ist das nigerianische Militär, wie Menschenrechtsgruppen immer wieder monieren, in seinen Methoden von seinem Gegner nicht sehr weit entfernt. Erschießungen ohne Verhandlung, willkürliche Verhaftungen und Folterung gehören zum gängigen Repertoire.

Eine militärische Lösung wird es nicht geben, jedenfalls keine endgültige, auch wenn es in den nächsten Monaten zu einer Eingrenzung des Konflikts kommen sollte. Boko Haram – und das ist die eigentliche Gemeinsamkeit mit islamistischen Gruppen in anderen Ländern – ist ein Produkt der desolaten sozialen Lage im Norden Nigerias im besonderen und der empörenden ungleichen Einkommensverteilung im allgemeinen, und das in einem Land, das unermesslich reich ist. Bei Boko Haram handelt es sich in erster Linie nicht um eine «islamistische» Gruppe, sondern um eine organisierte Räuberbande, die sich ein ideologisches Mäntelchen umhängt. Aber letztendlich steht und fällt sie mit der Perspektivlosigkeit, die die jungen Leute im Norden Nigerias in ihre Arme treibt. Daran werden allerdings weder eine militärische Strategie noch die bevorstehenden Wahlen etwas ändern.

Lagos, 16.2.2015


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