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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2015 |

Die 70er und 80er Jahre in Köln

Irgendwie so wird es wohl gewesen sein

von Thies Gleiss

Die Stadt, das Land, die Welt verändern. Die 70er/80er Jahre in Köln – alternativ, links, radikal, autonom. Hrsg. Reiner Schmidt, Anne Schulz, Pui von Schwind. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014. 627 S., 29,99 EuroAngefangen hat es 1998, als ein Buch über 1968 in Köln herauskam. Ein schöner Fotoband mit kurzen Texten. Schnell entstand die Idee, man müsste doch ein Buch über die Folgezeit von 1968 herausbringen, mit mehr Text, mehr Argumenten und Berichten. Dann ging los, was Ende 2014 in einem gut ein Kilogramm schweren Band, geschrieben von 121 Autorinnen und Autoren endete. «Das Buch», so wurde immer ehrfürchtig geflüstert, gefühlt tausende von Treffen und Beratungen fanden dazu statt.

Reiner Schmidt und Pui von Schwind, beide Urgestein der linken Szene in Köln und seit annähernd fünfzig Jahren in diversen Aktionen, Bewegungen und Organisationen unterwegs, sind wahrscheinlich die einzigen lebenden Kölner, die für die Herausgabe eines solches Bandes in Frage kamen. Sie fanden im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch und dem Lektor Helge Malchow für heutige Verhältnisse geradezu paradiesische Verhältnisse, die ihnen erlaubten, das Projekt nach einer Austragungszeit von fast einem Jahrzehnt doch noch zu verwirklichen.

Das Buch lässt kein Thema aus, das in den letzten 45 Jahren die jugendliche und dann älter werdende, die linke und sozial engagierte, die autonome und sich dann doch parteilich festlegende, die bewegungsorientierte, aber doch auch nach Strukturen lechzende, die strömungsübergreifende, aber auch fraktionierte Szene in der viertgrößten Stadt Deutschlands und Umgebung irgendwie in Bewegung und zum Diskutieren gebracht hat. Es schreiben Beteiligte an den jeweiligen Aktionen und Initiativen – heute naturgemäß fast alle mehr oder weniger gut situiert im Rentenalter. Aber in den meisten Texten schimmert noch erfreulich viel Vitalität und der Anspruch durch, dass der Kampf irgendwie und immer noch weiter geht. Manchmal schwingt viel Trauerarbeit mit, aber insgesamt strahlt das Buch in fast allen Kapiteln die Überlegenheit des «Oral-history»-Konzepts gegenüber den historistischen Verrissen über diese Zeit aus, die aus der Feder einzelner Größen stammen.

Viele Themen sind nicht exklusiv Kölner Angelegenheiten. Der Übergang aus der 68er Bewegung mit SDS, Schüler- und Lehrlingszentren, Republikanischer Club, die Bildung autonomer Frauengruppen und unabhängiger, linker betrieblicher und gewerkschaftlicher Strukturen, all das gab es in anderen Städten auch, oft früher und heftiger als in Köln. Ebenso die teilweise bizarre Organisationsphase der Linken mit ihren maoistischen, stalinistischen, trotzkistischen, anarchistischen Ausformungen und natürlich die ewig doppelt und dreifach strategisch belegten Linken bei SPD und Jusos. Dazu kam die internationale Solidarität mit den Klassenkämpfen in Indochina, Südeuropa, Lateinamerika, aber auch mit der unabhängigen Gewerkschaft in Polen und den Dissidenten in der DDR. Aber alle Texte – durch die Bank so kurz gehalten, dass sie jeweils gut zwischen zwei Straßenbahnstationen gelesen werden können – bringen auch originär Kölner Erfahrungen und Sichtweisen mit. Das Buch beantwortet die Frage, was es alles gab und gibt im Sinne einer Sammlung von Anregungen und nur ganz selten mal als Abrechnung und noch seltener als Selbstrechtfertigung.

Einiges ist kölsch entstanden und geblieben, aber weit über die Stadtgrenzen bekannt geworden: die Besetzung des Fabrikgeländes Stollwerck, das bis heute selbst verwaltete Bürgerzentrum Alte Feuerwache, das legendäre Wolf-Biermann-Konzert 1976 in Köln, der wilde Fordstreik von 1973 und natürlich die Stunksitzung als Mutter allen alternativen Karnevals.

Der Band ist natürlich ein Buch für alle, die dabei gewesen sind oder in anderen Städten ähnliches erlebt haben. Ein Buch zum Ärgern und Freuen, zum Wiedererkennen und Nachfragen. Es ist aber auch ein Buch für alle Jüngeren, die nachvollziehen wollen, warum die alten Linken so sind, wie sie sind und die auch ein wenig lernen wollen. Nicht zu viel, dafür waren die Niederlagen und schlechten Erfahrungen zu zahlreich, aber doch ein wenig.

Der Ansatz des Buches, die «oral history», bringt es mit sich, dass am Ende jedes Beitrags die Frage aufkommt: «Und wie weiter, was kam dann?» Das ist in fast allen Fällen eher konstruktiv und trotz oder besser, wegen des offenen Ausgangs, immer auch ein Fingerzeig in die Gegenwart. Manchmal ist es aber auch lästig, weil doch zu viele Fragen aufgekommen sind. Nehmen wir es mal als Aufforderung, weitere solcher Bücher über die reale Bewegung zu schreiben. Die Herausgeber haben an das Ende des Buches sieben leere Seiten heften lassen, da kann man die ersten spontanen Bedürfnisse weiterzuschreiben unmittelbar umzusetzen.


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