Leserbrief zu Charlie Hebdo, SoZ 02/2015


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2015/03/leserbrief-zu-charlie-hebdo-soz-022015/
Veröffentlichung: 07. März 2015
Ressorts: Leserbrief

Der Leserbrief bezieht sich vor allem auf die auf Seite 2 abgebildeten Karikaturen sowie insgesamt auf das Dossier zu Charlie Habdo in der Ausgabe.

Liebe SoZ,
zu eurem Dossier Charlie Hebdo in der aktuellen Nummer ein paar Kommentare.
Zunächst auf eurer Seite zwei, dort bildet ihr drei vermeintliche Titelblätter von Charlie Hebdo ab, übernommen von der Berliner Zeitung, und
kritisiert im Kommentar daneben, dass sich die Zeitung für diese Publikation danach entschuldigt habe.

Die beiden Titelblätter rechts sind Originale, jeweils korrekt signiert von Charb. (ermordet am 7. Januar) und von Luz. (er hat überlebt und zeichnet verantwortlich für das Titelblatt der aktuellen Ausgabe von Charlie Hebdo). Die Karikatur rechts mit Überschrift „Shoah Hebdo“ ist hingegen eine Fälschung, also eine Parodie auf Charlie Hebdo, die rechtsextreme Kreise zu verantworten haben. Diese Karikatur trägt die Unterschrift Joelecorbeau.comeinem Zeichner aus dem Umfeld des Komikers Dieudonné. Dieser kommt ursprünglich aus der antirassistischen Linken und hat sich mittlerweile zu einem Gefolgsmann der Rechtsextremen gewandelt (Jean-Marie Le Pen ist Pate
von Dieudonnés Tochter namens Plume). In seinem Auftritten und sonstigen Äusserungen macht Dieudonné regelmässig Aussagen, die die Gaskammern der Shoah auf äusserst fragwürdige Art ins Spiel bringen. Beispielsweise kritisierte er den Radiojournalisten Patrick Cohen mit den Worten «Wenn ich den Patrick Cohen reden höre, dann sage ich mir, ja die Gaskammern… Schade!»

Mehrere Zeitungen sind nach dem Attentat auf Charlie Hebdo auf diese Fälschung hereingefallen, so auch die Berliner Zeitung, und haben sich dafür entschuldigt. Diesen Sachverhalt erwähnt die SoZ aber mit keinem Wort, was schwer verständlich ist. Und die SoZ übernimmt diese Karikatur unbesehen, auf der ein Rabbiner verkündet: «1 Million Rabatt von den 6 Millionen, im Austausch gegen Palästina!» Das kann man ungefähr so verstehen: «Wenn ihr uns dafür Palästina überlässt, gehen wir mit der [angeblichen] Opferzahl der Shoah um eine Million runter.» Dass man gegenüber einer solchen Darstellung zum Schluss kommt, das sei Antisemitismus, ist nachvollziehbar. Ich frage
mich, warum dies der SoZ nicht selber aufgefallen ist. Abgesehen davon, dass die genauen Umstände der Entschuldigung durch die Berliner Zeitung offenbar nicht zur Kenntnis genommen wurden. Die SoZ veröffentlicht ein antisemitisches Bild und setzt das zudem noch gleich mit der Arbeit von Charlie Hebdo – eine posthume Beleidigung der Karikaturisten, scheint mir.

Zur Vermischung von Originaltitelblätter von Charlie Hebdo mit dieser rechtsextremen Fälschung siehe:
http://www.huffingtonpost.fr/2015/01/14/shoah-hebdo-charlie-hebdo-dieudonne_n_6469634.html.

Die gleiche Quelle berichtet auch, dass die Nachrichtenfernsehsendung LGJ die Titelblätter von Charlie Hebdo nach Themen gezählt hat und zu folgenden Ergebnissen gekommen ist: Auf den 52 letzten Titelbildern von Charlie Hebdo wurde 35 Mal die Politik verspottet, 10 Mal die rechtsextremen Front National, 2 Mal die Katholiken, 1 Mal Israel und 1 Mal Mohammed.

Dies ein Hinweis dafür, dass eure Charakterisierung von Charlie Hebdo als islamfeindliches Blatt nicht zutrifft. Hier sitzt ihr einem medialen Hipe auf, der aus Charlie Hebdo fälschlicherweise etwas macht, was im Trend der vorherrschenden Politik liegt. Charlie Hebdo hat sich über radikale Islamisten und Dschihadisten lustig gemacht, nicht über den Islam oder über Muslime. Charb., der am 7. Janaur ermordete Chefredaktor von Charlie Hebdoäusserte sich beispielsweise 2011 in der Zeitung Libération wie folgt, nachdem auf die Räumlichkeiten der Redaktion von Charlie Hebdo ein islamistischer Anschlag mit Brandflaschen verübt worden war: «Ich habe die Nase voll davon, dass man immer die moderaten Muslime auffordert, Stellung zu nehmen. […] Niemand denkt, dass der Islamismus in Frankreich die Macht
übernehmen wird, man weiss, dass er eine winzig kleine Minderheit darstellt, das sind vielleicht fünfzehn Nasen, die da demonstrieren. Dasselbe gilt für fundamentalistische Katholiken. Man fragt sich, warum moderate Muslime nicht Stellung nehmen – dabei gibt es ganz einfach keine moderaten Muslime in Frankreich, es gibt überhaupt keine Muslime – es gibt nur Menschen islamischer Kultur, die den Ramadan einhalten, wie ich zum Beispiel Weihnachten feiere und bei meinen Eltern die Weihnachtsgans verspeise. Diese Menschen haben keine besondere Pflicht, sich als moderate Muslime gegen den radikalen Islamismus zu engagieren, denn sie sind keine moderaten Muslime,
sie sind einfach unsere MitbürgerInnen. […] Was mich anscheisst, ist dass man sie immer als moderate Muslime anspricht, das gibt es gar nicht. Es ist wie wenn man mir sagen würde: Jetzt nimm mal als moderater Katholik Stellung! Ich bin kein moderater Katholik, ich bin nicht mal getauft. Ich bin überhaupt nicht katholisch». Siehe: http://www.liberation.fr/culture/2015/01/10/charb-en-2011-j-en-ai-marre-qu-on-s-inquiete-de-voir-les-musulmans-moderes-ne-pas-reagir_1177658

Das sind nicht gerade die Worte eines Aushängeschildes der Islamfeindlichkeit. In der Einschätzung von Charlie Hebdo liegt die SoZ
daneben, so scheint mir. Wenn irgendeine bürgerliche Zeitung das Engagement der Satirezeitung für Streiks der Lohnabhängigen und für Obdachlose jeglicher Nationalität oder Religion oder Kultur – ein zentrales Merkmal von Charlie Hebdo – nicht zur Kenntnis nimmt, erstaunt das nicht weiter. Schade, dass die SoZ dies ebenfalls übersieht.

Aus all diesen Gründen ist auch die Gleichsetzung des oben erwähnten Komikers Dieudonné mit Charlie Hebdo, die in einem eurer Beiträge
vorgenommen wird, ein krasse Fehleinschätzung. Es tut mir leid zu sagen, dass in meinen Augen eurer Dossier zum Thema insgesamt ein Fehlgriff ist, der sich zudem durch reichlich schwammige Formulierungen auszeichnet, etwa in der Art „Satire darf zwar alles, aber sie hat auch eine aufklärerische Funktion und gesellschaftliche Verantwortung“ (Seite 2)… Ja was nun? Darf Satire doch nicht alles? Oder hatte Charlie Hebdo keine aufklärerische Funktion in der Kritik der religiösen, obskurantistischen Führungsfiguren?
Haben wir wegen der grassierenden Islamophobie, die zu Recht zu bekämpfen ist, kein Recht, religiöse Machthaber und Fundamentalisten zu kritisieren?

Freundlich
Karin Vogt