Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2015 > 03 > Wer-rettet-wen

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2015 |

Wer rettet wen?

Deutschland 2015, Regie: Leslie Franke, Heidolor Lorenz

von Angela Huemer

Athen. Die Akropolis. Straßenzüge, die weniger schönen Seiten werden sichtbar. Am Pier, Dämmerung. Junge Leute erzählen von ihren Lebensumständen. «In 8 Stunden verdiene ich 15 Euro.» «Es gibt keine Geld, kaum Arbeitsplätze, ich persönlich überlege, ins Ausland zu gehen», sagt ein junger Mann. «Heute hab ich eine Stellenausschreibung gesehen. Dort wird ein Jahr Arbeitserfahrung verlangt», sagt eine junge Frau, die ratlos ist, wie sie die kriegen soll, wo doch niemand jemand einstellt. «Es muss was passieren», folgert ein junger Mann, «die Dinge beim Namen nennen und Widerstand leisten.» Konkrete Auswirkungen einer seit Jahren andauernden Krise, ein seit Jahren andauerndes Tauziehen, halbherzigen Reformen und Massnahmen, die vor allem diejenigen treffen, die ohnehin nicht viel hatten.

Der Wirtschaftswissenschaftler Leinidas Vatikiotis erklärt, dass, während die Banken zu 100% gerettet wurden, die griechischen Sozialversicherungen wie alle anderen Besitzer von Anleihen behandelt wurden. Sie wurden nicht entschädigt und verloren 80% ihres Grundkapitals, denn sie waren gezwungen worden, in Staatsanleihen zu investieren. Solidaritätskliniken fangen den Zusammenbruchs de Gesundheitsversorgung auf. Ein Zahnarzt mit privater Praxis erzählt, dass er einen Tag in die Solidaritätsklinik kommt. Medikamente werden gespendet.

Eine der wohl schlimmsten Auswirkungen der Krise. «Nach der Umschuldung 2012 hatte Griechenland wesentlich mehr Schulden als vor dem sog. Schuldenschnitt, der sog. Rettung Griechenlands,» erklärt Leonidas Vatikiotis. Wie lässt sich so ein Paradoxon erklären, fragen die Filmemacher? Sie versuchen es mit Hilfe einer Grafik:

«Internationale Banken hatten Griechenland Geld geliehen. Die Banken halten dafür Anleihepapiere in ihren Büchern. Diese Anleihen verloren aber in der Krise stark an Wert, auch weil Hedgefonds auf fallende Werte wetteten. Als der Marktwert der Anleihen ins Bodenlose stürzte, wollten die Banken die Verluste nicht selber tragen und schlugen Alarm. Die Eurostaaten eilten ihnen zu Hilfe. Sie kauften den Banken die mittlerweile fast wertlosen Anleihen ab, weit über dem Marktwert, für 200 Milliarden Euro. Weitere 50 Milliarden gaben sie, um die Banken in Griechenland zu retten. Diese 250 Milliarden Euro stellten sie anschließend Griechenland als neuen Kredit in Rechnung. So wurden nicht die Griechen gerettet, Griechenland hat vielmehr die Banken gerettet und mehr Schulden als zuvor. Und die meisten schuldet das Land nun den Bürgern der Eurostaaten, weil deren Politiker es vorzogen, die Banken zu retten.»

Der Film nimmt eine Herkulesaufgabe auf sich (die nicht umsonst ihren Ursprung in antiken Griechenland hat). Nicht nur die griechische Krise versucht er zu erklären, auch die spanische, irische und die ganz andere Variante, wie es in Island funktioniert hat. Die Filmemacher versuchen das allen Krisen zugrunde liegenden Problem aufzudecken. Das verlangt dem Zuseher viel ab, ist aber auch sehr, sehr interessant. Schwierig, ein solch abstraktes Thema in Form eines Films zu packen und zu vermitteln.

Betroffene, Entscheider und solche, die sich gegen all das wehren, kommen zu Wort. Die Macher haben einen guten Rhythmus gefunden, gute Beispiele, die die Absurditäten und krassen Auswirkungen spürbar machen. Und ein wenig versteht man am Ende auch, warum. Mehrmaliges Ansehen ist aber durchaus nützlich und auch nicht langweilig.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.