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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Werner Scholem, eine Biografie

Mirjam Zadoff: Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem. München: Hanser, 2014. 382 S., 24,99 Euro

von Hermann Dworczak

Wer den Namen Scholem hört, denkt unwillkürlich an den jüdischen Religionswissenschaftler Gershom Scholem, den Freund und Briefpartner von Walter Benjamin. Aber es gibt noch einen anderen Scholem, den Bruder Werner – revolutionärer Marxist, Kritiker Stalins und im KZ Buchenwald ermordet. Die vorliegende Biografie leistet einen wesentlichen Beitrag, diesen in Vergessenheit geratenen Kämpfer der Arbeiterbewegung wieder einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Die Brüder Gershom (Gerhard) und Werner Scholem – aus dem «angepassten» jüdischen liberalen (oft deutschnational orientierten) Bürgertum kommend – gingen in den Jugendjahren ähnliche Wege: Sie rebellierten gegen die «Welt der Väter», sympathisierten mit Sozialismus und Zionismus. Während sich Gerhard in die Schweiz absetzen konnte, mußte Werner im Ersten Weltkrieg einrücken, erlebte dessen Schrecken unmittelbar mit, wurde an der Ostfront schwer verwundet.

Werner hatte sich schon früh in der Arbeiterbewegung verankert, spielte inbesonders in der Jugendarbeit eine wichtige Rolle, radikalisierte seine politischen Positionen unter dem Eindruck des Krieges und des Verrats der sozialdemokratischen Führung (Zustimmmung zu den Kriegskrediten, «Burgfrieden»…) und fand über die USPD schießlich den Weg zur KPD.

Gerhard hingegen nahm sein politisches Engagement immer mehr zurück, verstärkte seine zionistische Haltung und Gläubigkeit. An die Stelle fundierter Gesellschaftsanalysen trat die Beschwörung von «Dämonen» – ähnlich wie bei dem «Arier» Heimito von Doderer. Immer schärfer wurde auch die Kritik am politischen Verhalten des Bruders.

Die Autorin schildert kenntnisreich das Auseinanderdriften des ungleichen Brüderpaars: Der eine wird Revolutionär, verurteilt den Stalinismus, wird ein Weggefährte Trotzkis und schließlich – nach langen Jahren politischer Gefangenschaft – 1940 von den Nazis im KZ Buchenwald umgebracht. Der andere wird weltbekannter Religionswissenschaftler, geht nach Palästina und hilft dort, den Zionismus praktisch umzusetzen – mit all den bekannten katastrophalen Folgen für die arabische Bevölkerung.

Nicht übergangen wird das weitgehend traditionelle Frauenbild, das dem Revolutionär Scholem eigen war, obwohl seine nichtjüdische Gattin selbst politisch aktiv und belesen, also alles andere als ein «Hausmütterchen» war.

Über einige Punkte würde ich gerne mit der Autorin einen kritisch-solidarischen Dialog führen: Die Auseinandersetzung mit der «jüdischen Utopie» etwa erscheint mit etwas zu kurz geraraten, Michael Löwy hat dazu einige wunderbare Bücher geschrieben. Die harten «21 Bedingungen» für Parteien, die in die Kommunistischen Internationale aufgenommen werden wollten, wurden in der Realität recht flexibel gehandhabt (etwa gegenüber der italienischen Linken). Das Konzept der Arbeitereinheitsfront, eine Schlüsselfrage revolutionärer Strategie und Taktik und für Trotzki die Kardinalfrage im Kampf gegen den Nationalsozialismus, wird in dem Buch nicht stringent behandelt.


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