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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2015 |

Durchs halb so wilde Kurdistan

Ein Reisebericht

von Leo Gabriel

Der Wiener Journalist und Koordinator der Friedensinitiative «Peace in Syria» (www.peaceinsyria. org) war gemeinsam mit Kollegen in der von Kurden kontrollierten syrischen Provinz Rojava unterwegs. Dies ist sein Bericht.

Angesichts der weltweiten Bedrohung durch die als Islamischer Staat (IS) bezeichnete Terrororganisation sind Journalistenreisen durch die Kampfgebiete Syriens heute eine Seltenheit geworden. Zu groß ist die Angst der Berichterstatter vor den orangenfarbigen Hemden, die so manchem Kollegen zum tödlichen Verhängnis wurden.

Auch unserem kleinen Team verschlug es zunächst den Atem. Das bestand aus dem spanisch-stämmigen Kameramann Fernando Romero, der sich im Westjordanland und im syrischen Aleppo seine ersten Sporen verdient hatte, dem kurdischen Journalisten und Politaktivisten Mustafa Ilhan und mir, der ich seit zwei Jahren – nicht gerade sehr erfolgreich – versuche, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen und die internationale Friedensinitiative www.peaceinsyria.org voranzutreiben.

Wir waren wie vor den Kopf geschlagen, als wir vom kurdischen Bürgermeister von Mardin an der syrisch-türkischen Grenzstadt erfuhren, leider sei es nicht möglich, den direkten Weg nach Syrien zu nehmen, weil uns der vom türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogan eingesetzte Gouverneur der Provinz keine Einreiseerlaubnis nach Syrien gegeben hatte.

Wir wussten nur zu gut, dass der andere Weg, ins syrische Kurdengebiet zu gelangen, über den nicht ganz ungefährlichen Irak führte. Und dort hatten zwar die irakisch-kurdischen Peshmergas weitgehend die Kontrolle übernommen, aber wir wussten auch, dass sich in unmittelbarer Nähe die vom IS besetzen Städte Mossul und Al Hasaka befanden, was unserer Meinung nach die Gefahr mit sich brachte, in einen Hinterhalt der radikal-islamistischen Kräfte zu gelangen.

Überraschung

Deshalb bestanden wir gegenüber den Vertretern der PYD (Partei der Demokratischen Union), die für unsere Sicherheit verantwortlich waren, darauf, dass uns wenigstens im syrischen Teil der etwa 400 Kilometer langen Strecke ein bewaffneter Konvoi begleiten sollte. Doch es kam anders: Während wir im irakischen Teil noch auf eine relativ lückenlose Kontrolle der Peshmergas stießen, waren nach der Überquerung des Tigris an der Grenze vom Irak nach Syrien mit einer für europäische Verhältnisse ziemlich vorsintflutlichen Fähre weit und breit keine Bewaffneten zu sehen.

Stattdessen erwartete uns der Koordinator der kurdischen Journalistenvereinigung mit einer Dolmetscherin und quittierte unsere angsterfüllten Blicke mit einem breiten Lächeln: «Sie befinden sich von nun ab im sichersten Teil Syriens» – eine Botschaft, an die wir nicht so recht glauben wollten.

Was wir nicht wussten, war: Der gesamte ca. 200 Kilometer lange Landstreifen entlang der syrisch-türkischen Grenze kann inzwischen im wahrsten Sinn des Wortes als «befreites Gebiet» angesehen werden, in ihm haben die PYD bzw. deren bewaffnete Arme, die YPG und das Frauenbataillon YPJ, die absolute Kontrolle übernommen. Ihnen war es gelungen, nach der Wiedereroberung Kobanes im November vergangenen Jahres nicht nur den IS zu besiegen, sondern auch die syrische Armee Bashar al-Assads auf einige wenige Positionen zurückzudrängen. Gekämpft wird allerdings noch weiter im 100 Kilometer von der Grenze entfernten Hasaka, der offiziellen Provinzhauptstadt.

Neue Ordnung in Rojava

Als wir schließlich ziemlich erleichtert Qamishli, die Hauptstadt der von den Kurden kontrollierten Provinz Rojava erreichten, kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Der PYD war es hier tatsächlich gelungen, innerhalb von etwas mehr als einem Jahr in diesem kargen Gebiet eine für Syrien völlig neuartige politische Ordnung auf die Beine zu stellen. Diese setzt bei den sog. Komins (Kommunen) an, verfügt über ein Parlament mit einer Frauenquote von 40% und weist als Führungsgremium ein kompliziertes System von über einem dutzend ineinander verflochtenen Parteien auf, in dem aramäische Christen ebenso vertreten sind wie sunnitische Araber und Armenier.

«In unserer Selbstverwaltungsdemokratie werden die Entscheidungen von der Basis getroffen und nicht von oben her verordnet. Im Unterschied zu Europa werden die Beschlüsse hier in den Wohnvierteln und Gemeinden gefasst und an ein kollektives Gremium an der Spitze weitergeleitet», erklärt uns Akram Hisso, der «Ministerpräsident» des Kantons Cizîrê, der seine Funktion als die eines Regierungskoordinators, also eines primus inter pares beschreibt.

Zum erstenmal in der Geschichte des etwa 3–4 Millionen Einwohner umfassenden, in drei Kantone gegliederten Rojava (Westkurdistan) ist es auch gelungen, Kurdisch neben Arabisch und Aramäisch als offizielle Amtssprache zu etablieren, die auch in den Schulen unterrichtet wird. Eine Selbstverständlichkeit? Keineswegs: «Als ich klein war, habe ich oft von meinem Lehrer Schläge bekommen, als er mich dabei ertappte, wie ich mit den anderen auf Kurdisch schwätzte», erinnert sich der über die Grenzen des Landes hinaus bekannte Dichter und Philosoph Taha Khalil, dessen Tochter im Kampf um Kobane gefallen ist.

Eben dieser politischen Struktur und nicht den US-amerikanischen Bombardements war es hauptsächlich zu verdanken, dass die Kurden Kobane nach monatelangen schweren Gefechten zurückerobern konnten. Die Kurden nennen es in Qamishli das «Konzept der integralen Verteidigung»: Es besteht darin, dass nach der Einnahme von Kobane durch den IS die YPG/YPJ ihre Feuerkraft zunächst aus einiger Entfernung auf eine Flanke konzentrierte, während die nach Stadtteilen organisierte PYD nach und nach die gesamte Zivilbevölkerung Kobanes inklusive der Alten und der Kinder evakuierten.

Mit der Unterstützung der Freien Syrischen Armee aus Aleppo, den kurdisch-irakischen Peshmergas und nicht zuletzt auch der US-amerikanischen Luftwaffe wurden die IS-Kämpfer solange beschossen, bis sie um einen Waffenstillstand flehten, den sie selbst ihren Verlieren nie zugestehen wollten und wollen.

Die Angst vertreiben

Über die sog. Religiosität der IS-Kämpfer hat der Dichterphilosoph Taha Khalil, der übrigens in der Schweiz studierte und deshalb ausgezeichnet deutsch spricht, so manche Anekdote zu erzählen. «Als wir einmal mitten im Ramadan einen gefangenen IS-Kämpfer interviewten, hat uns der gesagt, er wünsche sich noch vor Sonnenuntergang erschossen zu werden, damit er gemeinsam mit dem Propheten das Fastenbrechen feiern könne.»

Irgendwie passe das zu den Erklärungen kurdischer Soldaten, die in den Lagern der IS hunderte von Pillen gefunden haben – anscheinend wurden sie den in- und ausländischen Kämpfern des IS gegeben wurden, um ihnen die Angst zu vertreiben, meint Khalil.

Angst ist das vorherrschende Gefühl auch bei vielen aramäisch-orthodoxen Christen, die hierzulande Syriacs genannt werden. Das gesteht uns auch Saliba Abdallah, das Oberhaupt der größten Christengemeinde, St.Mary, als wir ihn nach einem Fernsehinterview nach seinen wahren Beweggründen dafür fragen, warum er nach wie vor ein Anhänger von Bashar al-Assad sei: «Weil wir Angst davor haben, dass uns die Kurden letztendlich doch im Stich lassen, wenn die Daesh (IS-Kämpfer) kommen und uns massakrieren.»

Aber auch den kurdischen Geistlichen von der muslimischen Gemeinde in Qamishli steht der Schweiß auf der Stirne, als wir sie zum theologischen Fundament der sog. «Fundamentalisten» befragen: «Die Daesh haben den Koran nie wirklich gelesen», sagt der Präsident der Union der Islamwissenschaftler von Cizîrê, Scheich Mohammed al-Gharzi. Er lehnt den Begriff «Politischer Islam» ab und will lieber von einem «sozialen und demokratischen Islam» reden. Dabei fällt ihm einer seiner Kollegen ins Wort: «Die wenigsten stützen ihre Argumentation auf die 47 überlieferten Texte Mohammeds … es ist nach dessen Tod so viel Unsinn geschrieben worden.»

Als wir nach einigen Tagen, voller neuer Erkenntnisse und wesentlich ruhiger als bei der Hinfahrt, unsere Rückreise wieder via Irak nach Mardin antreten, jener türkischen Grenzstadt, deren Ausläufer wir von Qamishli aus mit freiem Auge sehen konnten, drängt sich uns unwillkürlich eine Frage auf: Warum, verdammt nochmal, mussten wir diese beschwerliche Tour um den türkischen Grenzzaun auf uns nehmen, wenn doch Mardin, geographisch gesehen, kaum eine Stunde von Qamishli entfernt liegt?

Anstelle großer Worte drückte uns einer unserer türkisch-kurdischen Kontakte einen USB-Stick samt Video in die Hand, das wir uns nach unserer Rückkehr in Wien anschauten. Darauf ist zu sehen, wie Offiziere der türkischen Armee während der Schlacht um Kobane den Kämpfern des IS ganze Lastwagen voll von Kriegsmaterial übergeben.

Quod erat demonstrandum! [Was zu beweisen war, d. Red.]

 


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