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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Heinz R.Unger: Proletenpassion ff

Wien: Mandelbaum, 2015*

von Dieter Braeg

Erinnern wir uns noch an die großartige «Proletenpassion»? An den ersten Text dieser ganz anderen Darstellung von Geschichte?

Wer schreibt die Geschichte

Jeden Morgen, wenn wir zur Arbeit fahren,

wird eine neue Seite ins Geschichtsbuch geschrieben.

Wer schreibt sie? Geschieht Geschichte mit uns?

Oder machen wir unsere Geschichte?

Unsere Geschichte ist die Geschichte von Kämpfen

zwischen den Klassen, eine wütende Chronologie.

Doch gelehrt wird uns die lange Reihe von Kronen und

Thronen, und über allem waltet ein blindes Geschick.

Wenn wir so vieles nicht erfahren sollen,

Wer hat Interesse daran, dass wir es nicht wissen?

Wenn so vieles nicht in den Lehrbüchern steht,

wer will, dass es nicht gelehrt wird?

Im Jahr 2015, Jahrzehnte nach dem Erfolg der zunächst nur auf Vinyl veröffentlichten Text- und Musiksammlung, die später auch als 2-CD-Ausgabe große Erfolge feierte, fand sich in Wien eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Unter der Regie von Christine Eder, die einmal meinte, «die Proletenpassion kenne ich aus meiner Kindheit, wir haben sie als Kinder rauf und runter gehört…», wurde eine neue zeitgemäße Proletenpassion erarbeitet und aufgeführt.

Dazu die beiden Theaterleiter Harald Posch und Ali M. Abdullah: «Uns ist es ein Anliegen, die Geschichte und das Thema der ‹Verarschten› auf die Bühne zu bringen und vor allem auch fortzuschreiben. Uns interessiert, die Geschichte der ‹Proleten› erneut und aus zeitgenössischer Sicht zu untersuchen und auch die Gegenwart weltweiter Widerstands- und Bürgerrechtsbewegungen, von der ‹sanften Revolution› über Occupy bis zur Gezi-Park-Bewegung, mit hineinzutragen: Kann die Geschichte noch immer als Abfolge von klassenkämpferischen Revolutionen gelesen werden? Wer sind die ‹Proleten› von heute und wie leben sie? Wann kommt die nächste Revolution? Und kommt sie überhaupt?»

Knapp 40 Jahre nach der Uraufführung gibt es die «Proletenpassion 2015ff.» Gemeinsam mit Heinz R. Unger, Gustav und Knarf Rellöm untersucht Christine Eder darin klassisch marxistische Geschichtsauffassung aus einer postmarxistischen, zeitgenössischen Perspektive – und wagt am Ende keinen Ausblick, sondern eine Bestandsaufnahme der Gegenwart.

Die «Proletenpassion» wird noch bis in den April im neuen Wiener Theater «Werk X» gespielt. Vielleicht sogar noch länger, denn das Publikumsinteresse ist groß. Dabei sind u.a. zu sehen und zu erleben: Claudia Kottal, Tim Breyvogel, Bernhard Dechant; Musik: Gustav, Elise Mory, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki, Knarf Rellöm und Oliver Stotz.

Wer aber nicht nach Wien kommt, der sollte sich das eben erst erschienene Buch besorgen. Da sind nicht nur die Texte der vergangenen «Proletenpassion» veröffentlicht, sondern auch die wirklich notwendigen Bezüge zur Gegenwart. Heinz R. Unger hat auch zur «neuen» Fassung Texte geliefert. Die wichtigsten Änderungen sind Lieder, die Unger zu neoliberalen Heuschrecken und Hedgefondsmanagern getextet hat. Das Stück ist – so stellte auch die durchweg positive Kritik fest – «erschreckend aktuell»!

Das bemerkenswerte Buch ist ein Text-Bergwerk und bietet die notwendige Geschichte, die in den etablierten Medien und der dazugehörigen Einschaltquoten-Unterhaltungswelt nicht mehr beachtet, sondern sehr bewusst verdrängt wird.

* 200 S., 19,90 Euro


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