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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aktionskreis Leben gegen Atom

Ein nachahmenswertes Beispiel

Dokumentiert

Über die Vorgänge vor 40 Jahren schrieben Thies Gleiss und Winfried Wolf in ihrem Buch Der Atomverein nach Harrisburg:
Der «Aktionskreis Leben» wurde im Oktober 1977 gegründet. Unmittelbarer Anlass waren zwei Ereignisse: Der berühmte Atomfilz begann sich vermehrt zu regen. Im Juli 1977 wurden Anzeigen eines «Arbeitskreis Energie» in Gewerkschaftszeitungen veröffentlicht, in denen Gesamtbetriebsratsvorsitzende von der Gutehoffnungshütte, der MAN, der Kraftwerkunion und der Betriebsratsvorsitzende der Krauss-Maffei AG offensiv für Atomenergie und gegen die Anti-AKW-Bewegung eintraten. Diese Anzeigenserie musste, obwohl für zwölf Nummern geplant, nach zwei Anzeigen aufgrund von Protesten eingestellt werden. Diese und andere Aktivitäten des «Aktionskreis Energie» wurden offensichtlich von einem Privatunternehmen organisiert (Umwelt-Systeme GmbH, Institut für Umweltschutz und angewandte Ökologie) und zweifelsohne durch Energiespenden finanziert.
In einem Brief vom 19.Juli an den 2.Vorsitzenden der IG Metall, Hans Mayr, schreibt Heinz Brandt:
«Durch den ‹Aktionskreis Energie› hat sich der Atom- und Rüstungsfilz eine feste Struktur gegeben. Er handelt im Interesse der Atom- und Rüstungskonzernspitzen, er stellt die Atom- und Rüstungslobby im Bereich der Gewerkschaften dar. Nicht zufällig inseriert er vorrangig in Gewerkschaftszeitungen. Unter Ausnutzung des Konzernapparats sammelt er Unterschriften bei den abhängig Beschäftigten, von denen es so leicht keiner wagen kann, durch Verweigerung einer solchen Unterschrift bei der Personalabteilung unangenehm aufzufallen. Es gilt auch zu klären, aus welchen Quellen dieses gewerkschaftsschädliche Treiben finanziert wird. Auf alle Fälle ist es gegen die Interessen der Lohnabhängigen gerichtet. Wie kann dem wirksam begegnet werden? Ich würde anregen, einen Aktionskreis Leben zu bilden, der sich gegen Atomlobby und Atomfilz wendet und für innergewerkschaftliche Meinungsfreiheit kämpft.»
Der zweite Anlass war das Ausschlussverfahren aus der IG Metall gegen den früheren Metall-Redakteur Heinz Brandt. Dieser hatte in Itzehoe bei der Demonstration gegen das AKW in Brokdorf am 19.2.1977 in einer Rede angegriffen. Daraufhin wurde ein Ausschlussverfahren von der Ortsverwaltung Berlin beantragt.
Es bildete sich als Antwort darauf eine «Initiative gegen die Verteufelung innergewerkschaftlicher Kritik – für die Einstellung des Untersuchungsverfahrens gegen Heinz Brandt». Diese Initiative gab drei Infos heraus und sammelt insgesamt ca. 10.000 Unterschriften. Diese Anstrengungen waren der wesentliche Grund, dass das Verfahren nicht weiter verfolgt werden konnte.
Teile dieser Initiative und weitere AKW-Gegner in den Gewerkschaften mit Heinz Brandt an der Spitze veröffentlichten anschließend einen «Aufruf für einen Aktionskreis Leben.» Auf der ersten Nationalen Arbeitstagung des Aktionskreis Leben (AKL) wurde zum Selbstverständnis festgestellt: «Der Aktionskreis Leben lebt durch die Initiative und das Engagement der Kollegen in den Betrieben und Gewerkschaften. Der Aktionskreis Leben besteht aus örtlichen Aktionskreisen, die auf der Grundlage des ‹Aufrufs für einen Aktionskreis Leben› arbeiten wollen. Der Aktionskreis Leben tritt deshalb auch nicht als anonyme Organisation auf, sondern für seine Aktivitäten stehen die Kollegen persönlich mit ihrem Namen ein. Er versteht sich als Bestandteil der Gewerkschaftsbewegung.»
Haute hat der AKL Arbeitskreise in 31 Orten. Bisher sind 14 Nummern des Infos erschienen. Aus allen Gewerkschaften arbeiten Mitglieder und Funktionsträger im AKL mit.
Unzählige Resolutionen, Anträge, offene Briefe an die Verantwortlichen für undemokratische Pro-AKW-Beschlüsse der Gewerkschaften, Pro- und Kontra-Diskussionsveranstaltungen, Leserbriefe, Flugblätter und nicht zuletzt aktive Mobilisierung zu den großen Anti-AKW-Demonstrationen im Namen des AKL sind Anzeichen für die Richtigkeit des Ansatzes des AKL. Gleichzeitig hat sich die Einschätzung bestätigt, dass es notwendig ist, als Teil der Gewerkschaften insgesamt aufzutreten; dass es falsch wäre, die aktiven AKW-Gegner aus den Gewerkschaftsverbänden herauszubrechen und gesondert zu organisieren.
Der Gewerkschaftsführung fällt es schwer, irgendwelche ernsthaften Schritte gegen den AKL zu unternehmen, obwohl sie zumindest in ihren öffentlichen Verlautbarungen nicht die Spur mit den Positionen des AKL übereinstimmen und obwohl ihnen der AKL nicht das geringste Zugeständnis gemacht hat.

Aus: Th[ies] Gleiss, W[infried] Wolf: Der Atomverein nach Harrisburg. Frankfurt a.M. 1980, S.169–171


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