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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Die Diagonale 2015

Festival des österreichischen Films*
von Kurt Hofmann

Die Diagonale, das jährlich im März in Graz stattfindende Filmfestival, wurde in diesem Jahr zum letzten Mal von Barbara Pichler geleitet, deren Intendanz gleichermaßen von einem unprätentiösen, gelassenen Stil wie von Souveränität geprägt war. Sie bot eine beachtliche Bilanz im Rückblick und einige ansehnliche Premieren in der Vorschau.Die Anderlfabrik in Schrems/Niederösterreich: Hier wird Qualität erzeugt. Man schreibt das Jahr 2004 und es ist absehbar, dass es das letzte Jahr des traditionsreichen Textilunternehmens sein wird. Den Arbeitern ist jeder Handgriff «in Fleisch und Blut übergegangen», trotzdem herrscht keineswegs Routine vor, wenngleich allen präsent ist, dass es dem Ende zugeht. Schon jetzt, in der (finalen) aktiven Phase, ist die Anderlfabrik, was sie einige Jahre später offiziell sein wird: ein Museum. Nach der Schließung ist für die Gekündigten nichts mehr, wie es war. Weil sie sich «neu orientieren müssen», wie ihnen das AMS vermittelt? Oder weil die Idee einer Perspektive über Jahre hinweg obsolet geworden ist?
Nikolaus Geyrhalter beobachtet in Über die Jahre ein Jahrzehnt lang, wie es für die Handvoll von ihm ausgewählten, ehemaligen Beschäftigten der Anderlfabrik weitergeht. Das bringt zwar keine weiterführenden Ereignisse, es ist, wie es ist, in Gegenden wie diesen, in einem System wie diesem, aber Geyrhalter bringt die «sprachlosen» Ausgestoßenen zum Reden, nach und nach. «Über die Jahre» hinweg geben sie mehr und mehr über sich preis.
Was von ihnen nach der Fabriksschließung erwartet wird? «Flexibilität», das heißt, zumal in einer strukturschwachen Region: heute hier, morgen da, so überhaupt Arbeit vorhanden ist. Für die meisten der Arbeiter «im fortgeschrittenen Alter» ist es aber das Aus, allenfalls verkleistert durch «weiterführende Kurse». Sie sind zurückgeworfen auf ein improvisiertes Leben, dargeboten auf der Bühne der tiefsten Provinz. Jede von ihnen hat sich für sich selbst eine Geschichte zurechtgelegt, manche glauben auch daran…
Über die Jahre, als bester Dokumentarfilm der Diagonale 2015 ausgezeichnet, versteht es, den Blick auf ein Leben im Schatten zu werfen, weder denunzierend noch anheimelnd. Die (einstigen) Arbeiterinnen und Arbeiter der Anderlfabrik sind Unbeachtete, und um eben dies geht es in Über die Jahre: um Achtung.

Etwas stimmt nicht: Kinder und Jugendliche landen in der Psychiatrie. Wie geht man mit ihnen um? Was ist zu tun, was zu lassen? Constantin Wulff ist in Wie die anderen diesen Fragen nachgegangen und dabei einem engagierten, aber häufig desillusionierten therapeutischen Personal im niederösterreichischen Landesklinikum Tulln begegnet. Immer wieder, so offenbart sich in den Teambesprechungen, stoßen die Helfer an Grenzen: weil es an finanziellen und personellen Ressourcen fehlt, aber auch, weil es zwar für alle Situationen Schemata gibt, aber jeder Jugendliche, jedes Kind anders ist. Manche flüchten sich da in Routine, die meisten verzweifeln daran. (Seelische) Verletzungen zu heilen, Blockaden vorsichtig aufzubrechen, ohne dabei erneut zu verletzen, das ist, inmitten eines strengen Regelwerks, das wenig Improvisation zulässt, ein schwieriges Unterfangen. Denn vom therapeutischen und ärztlichen Personal werden Ergebnisse verlangt, die Leistungsgesellschaft macht auch vor den Toren einer Kinder- und Jugendklinik nicht halt.
Einstufen heißt hier auch Kategorisieren, Zwischentöne sind nicht gefragt. Nicht jedes Kind/jeder Jugendliche kann seine Probleme artikulieren, nicht alle, die es können, ziehen für sich die «richtigen» Schlüsse. Aber was ist «richtig» und wie kann sich die «Rückkehr in geordnete Verhältnisse», die die Psychosen oft erst ausgelöst haben, gestalten? Sich täglich bewusst sein, dass sie diese Fragen nicht schlüssig beantworten können, das macht die Qualität verantwortungsvoller Therapeuten aus.
Constantin Wulffs Wie die anderen kommentiert all dies nicht, beobachtet vielmehr mit einem genauen, einfühlsamen Blick, dem nichts entgeht. Miteinander reden, den anderen zuhören, das ist, soviel wird deutlich, bessere Medizin als die Produkte der Pharmaindustrie…

Der Kontertenor Gottfarb hat eine berühmte Stimme und hört auch viele Stimmen: in der Oper sowieso, als multiple Persönlichkeit notgedrungen. Wenn aber einer schon in sich gespalten ist und mit den anderen Teilen seines Ichs auch noch in einer WG lebt, dann befinden wir uns in einem Film von Mara Mattuschka. In Stimmen wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, und es ist höchst vergnüglich, dabei zuzusehen, wie einer gegen sich selbst intrigiert und dabei von den «anderen» ausgetrickst wird, was das Zeug hält…
Naturgemäß werden in Form der verschiedenen Teilpersönlichkeiten unterdrückte Sehnsüchte sichtbar: in Lexi, dem ungebärdigen jungen Mann, der Wunsch nach Ausbruch aus den Konventionen; in Sandra, der unwiderstehlichen jungen Frau, nicht ausgelebte sexuelle Begierden; in Alexander, dem «autistisch» zurückhaltenden «Bruder», das Verlangen nach Stille angesichts der Blitzlicht- und Seitenblicke-Gesellschaft; und in Xandi, dem aufgeweckten Kind, die Leerstelle im Rückblick auf die verschwundene Unbekümmertheit. Oder auch: der fehlende (An-)Teil des Rebellischen, Weiblichen, Sensiblen, Impulsiven, allesamt notwendig zur Vervollständigung des Puzzles (hier allerdings auch: jeder Begriff – ein Klischee…).
Vor allem aber ist diese multiple Posse ein großer Spaß, eine virtuose Reise ins Innere des eitlen Großkünstlers Alex Gottfarb anhand seiner Veräußerlichungen. Wer sich innerhalb der Imago-WG schließlich «durchsetzt», so genau will das Mara Mattuschka in Stimmen nicht wissen und die meisten Zuschauer würden einem Weiterbestehen dieser unkontrollierbaren Wohngemeinschaft wohl ohne weiteres zustimmen…

* Graz, 17.-22. März


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