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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Ein Shoabuch für Kinder und Erwachsene

Annika Tetzner: Die rote Masche*
von Dieter Braeg

Annika Tetzner ist ein Kind und Überlebende des Holocaust. Geboren in Prag, lebt sie jetzt in Jerusalem. Sie schreibt und illustriert Bücher für Kinder und Erwachsene. Sie überlebte als einzige ihrer Familie die Konzentrationslager Theresienstadt, Birkenau und Mauthausen.
In dem bemerkenswerten Vorwort zum Buch meint die Philosophin Elisabeth von Samsonow: «Diese drei Geschichten weisen auf die Möglichkeit der Rehabilitation des Menschlichen hin, sie erzählen den großen Triumph des Mädchens, welches immerfort hungert, sich fürchtet und sich auf der Schwelle zur absoluten Katastrophe befindet. Die Lehre ist die, dass es genau umgekehrt sein muss: dass nicht die Politik die kleinen Strukturen der Familie und der Gruppen formt, normt und bestimmt, sondern alle Politik zuerst den Raum zu schützen hat, aus dem sie eigentlich herkommt, nämlich denjenigen, in welchem die Polyphonie der Beziehungen gedeihen kann.»
Die drei Geschichten: «Die rote Masche», «Herr Maximus und ich» und «Die drei Drachenkämpfer» sind «Für die Tante Kamilla, die Tante Leni, die Tante Fischgrunt und alle Tanten, die mir eine Kindheit gegeben haben».
Mir erzählte die Großmutter die Märchen der Gebrüder Grimm, «Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen», oder vom «Hans im Glück». Erst durch Großmutters Interpretationen verloren viele dieser Märchen einen Teil ihrer Brutalität durch die dazu passende Sprache, und sie sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Wie anders klingt da, in der Sprache eines kleinen Mädchens das, was sie erlebte und erzählt:
«So schnell ich kann, zieh ich meine Kleider an. Meine Finger sind kalt und ganz klamm, die Knöpfe wollen nicht recht ins Knopfloch. Ich hör den Lärm von draußen, von der Straße her, im Ghetto. Beim ‹eins, zwo, drei, vier – eins, zwo, drei, vier› läuft es mir kalt über den Rücken. ‹Es ist Krieg›, sagt die Mama, ‹Krieg›. Ich weiß nicht, was das heißt, hör aber Fürchterliches in ihrer Stimme. Ich umarm die Mama fest, damit sie wieder lächelt. Ich weiß, dass die Mama, der Papa und die andren mich lieb haben. Ich vergess aber, wenn sie wütend sind und toben und miteinander streiten. Ist der Sturm einmal vorüber, weinen sie, umarmen einander, gehen eine Zeitlang nett miteinander um. Zu mir sind alle lieb und suchen immerzu nach einem Bröckerl Brot oder nach etwas andrem Essbaren – für die ‹Kleine›. Ich kann kaum zuschaun, wie hungrig sie selber sind. Ihre Münder in Bewegung, wenn ich kaue.»
Muss man sich wirklich mit der Frage auseinandersetzen, ob diese Erzählungen, die nichts von ihrer realen Brutalität verlieren, Kindern vorgelesen, erzählt werden können? Es ist notwendig. Vor allem in der Sprache, die die Autorin Annika Tetzner für die drei Episoden dieses Buchs verwendet hat. Viele Illustrationen, ebenfalls von der Autorin, begleiten die Texte. Bunt, lebendig, aber nie die Tatsache verschleiernd, dass hier ein kleines Mädchen erzählt, wie sie dem Sterben trotzt. Für viel zu wenige gab es nach dem Stacheldraht eine andere Ordnung.
Die wird, Schritt für Schritt, zerstört, und die Weltunordnung bahnt sich ihren Weg. Brandstifter und Biedermänner sind ein Bündnis eingegangen, und eine schweigende Mehrheit spielt mit. Flüchtlinge begrüßt man mit brennenden Unterkünften!
Da braucht es mehr denn je solche Bücher wie Die rote Masche. Der Verlegerin Batya Horn und ihrem Verlag ist für die Herausgabe und liebevolle Gestaltung dieses Buchs zu danken. Die Edition Splitter publiziert Texte von Schriftstellern, Komponisten, Schaffenden der bildenden Kunst. Sie weisen den Weg zurück zu einer notwendigen und kritischen Kultivierung des Lesens.
Zum Abschluss noch einmal Elisabeth von Samsonow: «Annika Tetzners Buch ist daher ein wunderbares Beispiel für eine ‹Mikrohistorie›, die als historisch bedeutsame Form neuerdings wieder, glücklicherweise, in den Geschichtsdebatten in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten ist. Ihre Geschichten halten das Vergrößerungsglas an denjenigen Punkt, der über die größten Übel triumphiert und Stoff aller Anfänge ist: das lebendig empfindende Herz.»

* Ein Shoabuch für Kinder und Erwachsene. Wien: Edition Splitter, 2015. 112 S., 15 Euro


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