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Kinder wichtiger als Autos

Erzieherinnen im Streik für ihre berufliche Aufwertung

von Manuel Kellner

Kinder sind die Zukunft, sagt man. Als kinderarmes Land müsste Deutschland eigentlich ein besonderes Interesse daran haben, der eigenen Zukunft die besten Bedingungen zu bereiten – und das heißt vor allem der verantwortungsvollen Arbeit der Erzieherinnen (und später der Lehrerinnen und Lehrer) eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung entgegenzubringen. Das Gegenteil ist der Fall.

Am 15.April gab es die dritte Warnstreikwelle von Ver.di im Sozial- und Erziehungsdienst mit Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen; am 20.April folgte eine ebenfalls gut befolgte in Baden-Württemberg.
Es geht dabei um 240.000 Beschäftigte, aber auch um die Interessen der betreuten Kinder und somit indirekt um diejenigen ihrer Eltern. Kurz vor der vierten Verhandlungsrunde in Hannover blieben hunderte Kitas in NRW geschlossen; weitere Einrichtungen zur Kinderbetreuung konnten nur sehr eingeschränkt funktionieren.
Dieser Tarifkampf für die Interessen der ganz überwiegend weiblichen Betreuungskräfte in den Kindertagestätten und Kindergärten – noch immer sind 95% der Beschäftigten in diesem Bereich Frauen – ist sehr viel mehr als tarifpolitische Routine. Es geht um eine grundsätzliche Aufwertung der Arbeit der pädagogischen Fachkräfte in diesem Bereich. Viele arbeiten dort in Teilzeit und müssen bei Löhnen von 1400 Euro brutto Zweitjobs annehmen, zum Beispiel abends kellnern, um halbwegs über die Runden zu kommen.

10% mehr

Die Angleichung der Einkommen der Erzieherinnen an die vergleichbar hoch qualifizierte Kräfte im öffentlichen Dienst würde zu einer Erhöhung ihrer Gehälter um durchschnittlich zehn Prozent führen.
Die sog. «Arbeitgeber», hier die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber (VKA), schalten deshalb auf stur und jammern sich in die Rolle des nackten Mannes, dem man nichts aus der Tasche ziehen kann: Das würde ja 1,2 Milliarden Euro pro Jahr kosten! Der Hauptgeschäftsführer dieses Arbeitgeberverbands tönt: «Die VKA fordert die Gewerkschaften auf, die Streiks abzubrechen und endlich in ernsthafte Verhandlungen einzusteigen.» Wenn die Streikaktionen nicht fortgesetzt werden, dann werden die Beschäftigten aber nicht einmal das Schwarze unter dem Fingernagel erhalten. Nur ausgeweitete Streikaktionen, verbunden mit der Mobilisierung aller, auch indirekt, Betroffenen werden die öffentlichen «Arbeitgeber» zu «ernsthaften Verhandlungen» zwingen.

Anerkennung der Arbeit

Viele Erzieherinnen lassen im Gespräch keinen Zweifel daran, wie unerträglich sie die mangelhafte Anerkennung ihrer anspruchsvollen Arbeit finden. Sie weisen auf kontinuierlich steigende Anforderungen hin. Sie tragen immer mehr Verantwortung, müssen Lernziele realisieren, die Kinder auf die Schule vorbereiten, interkulturelle Kompetenz entwickeln und vermitteln, die Ergebnisse ihrer Arbeit dokumentieren und sich immer weiter fortbilden. Trotz der erhöhten Anforderungen ist aber der Personalschlüssel nie erhöht worden. Im Klartext bedeutet das immer mehr unbezahlte Mehrarbeit.
Es geht dabei nicht nur ums Geld, die ungenügende Bezahlung spiegelt nur die fehlende Anerkennung einer für die Gesellschaft sehr bedeutenden Dienstleistung. Durch Streikaktionen ökonomischen Druck aufzubauen ist in diesem Bereich sehr viel schwerer als etwa in der Industrie. Darum ist es besonders wichtig, die Streikaktionen aktiv zu führen und mit einer Aufklärung der Öffentlichkeit zu verbinden. Das Interesse der Kinder und darum auch der Eltern an angemessen bezahlten, hoch qualifizierten und motivierten Betreuungskräften muss mobilisiert werden, um die öffentlichen Arbeitgeber in die Knie zu zwingen.

Durchsetzungsstreik!

Vor 12.000 Demonstrierenden in Dortmund erklärte der Ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske an die Adresse der kommunalen Arbeitgeber: «Wenn sie diesen Irrweg fortsetzen und die notwendige Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst verweigern, stellen die Arbeitgeber die Weichen auf Urabstimmung und unbefristeten Streik.» An dieser Aussage gilt es anzuknüpfen. Rund 10.000 Erzieherinnen nahmen am 15.April am dritten Warnstreik teil. 700 von ihnen zogen vor dem Verhandlungslokal in Düsseldorf auf und gaben ihren Forderungen lautstark Ausdruck.
Im Anschluss an diese Verhandlungsrunde erklärte Ver.di-Verhandlungsführer Onno Dannenberg: «Nach wie vor haben die Arbeitgeber kein Angebot zur Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe durch eine bessere Eingruppierung unterbreitet.» Die Stimmung unter den Beschäftigten ist explosiv, alle wollen einen ernsthaften Arbeitskampf. Darum gilt es, sich nicht mit Trippelschritten und ein paar demonstrativen Warnstreiks zufriedenzugeben. Vielmehr muss der Ver.di-Vorsitzende beim Wort genommen werden: Gegen die Betonposition der Arbeitgeberseite ist die Urabstimmung für einen wenn nötig unbefristeten Streik die einzig richtige Antwort.
Und es braucht auch branchenübergreifende Solidarität. Wie lange wollen die DGB-Gewerkschaften noch hinnehmen, dass die Beschäftigten Betrieb für Betrieb, Branche für Branche allein gelassen werden?


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