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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2015 |

Wer hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen?

Kämpfe gegen Diktatur und Besatzung

von Przemyslaw Wielgosz

Die heißeste Front des neuen Kalten Krieges zieht sich durch unsere Geschichte. Zu dieser Meinung könnte man gelangen, wenn man den polnischen Politikern und Medien folgt. Sie triumphieren über Putin, indem sie die Vergangenheit neu erschaffen.

Es ist schon erschreckend, wenn die Staatsvertreter, die in den vergangenen 15 Jahren keine Gelegenheit ausgelassen haben, sich den aggressiven Kampfhandlungen der USA im Rahmen des «unbegrenzten Kriegs gegen den Terrorismus» anzuschließen, jetzt moralisierend äußern, es sei nicht angebracht, an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau teilzunehmen. Da stellt sich die Frage, wer denn vor 70 Jahren gesiegt hat.
Auf den ersten Blick sehen wir hier den Versuch, die entscheidende Rolle Stalins, der UdSSR, für die Niederschlagung des Faschismus herunterzuspielen. Diese Haltung zeugt von Ignoranz. Es reicht, allein die Truppen und Divisionen zu zählen, um alle Zweifel zu beseitigen, welche Front im Kriegsgeschehen entscheidend und welche zweitrangig war. Stalingrad und Kursk und nicht Al-Alamein oder die Normandie haben das Los der Welt bestimmt. Wollen wir aber tiefer in den Streit um die Siegespalme zwischen Moskau und Washington eindringen, kommen wir zu anderen, nicht weniger wichtigen Aspekten des Zweiten Weltkriegs.

Der letzte Akt im Kampf um die Hegemonie

Die Fronten des Krieges verliefen anders, als wir es uns vorstellen. Das war kein Zusammenstoß zwischen Totalitarismus und Demokratie. Die Anti-Hitler-Koalition hat sich nicht leiten lassen durch ein prinzipielles Feindbild gegenüber dem Regime Japans oder Nazideutschlands. Diese Koalition ging schließlich aus Kolonialmächten hervor, die all die Formen der Ausrottung, die die Achsenmächte Berlin–Rom–Tokyo anwandten, entworfen und in unterschiedlicher Form auch praktiziert haben. Als Beispiel sei Winston Churchill genannt – einer der größten Verbrecher des 20.Jahrhunderts – ein Rassist, der für Massaker und Völkermord durch Kampfgas im Irak und Hunger in Indien verantwortlich ist.
Das zeigt uns, dass der Konflikt zwischen Berlin und London nicht ausschließlich durch einen Kampf um Ideale bestimmt war. Es stimmt auch nicht, dass im Osten zwei gleiche totalitäre Regime gegeneinander gekämpft haben. Die große Zahl der Opfer von Repressalien auf beiden Seiten allein reicht nicht, um so unterschiedliche Regime wie Faschismus und Stalinismus in einen Topf zu werfen.
Im Grunde genommen hatten wir es in den Jahren 1939–1945 mit dem letzten Akt eines Krieges um die Hegemonie der Welt zu tun, der im August 1914 begonnen hatte. Der Schlüssel zu dem Gemetzel war nicht der Antisemitismus Hitlers und seiner Kumpane, sondern die große Krise des Kapitalismus 1929, deren Folgen erst während des Krieges und in gewisser Weise infolge des Krieges überwunden wurden. Der Zweite Weltkrieg war ebenso wie sein Vorgänger ein imperialistischer Krieg. London, Washington, Paris – genauso wie Tokyo, Rom und Berlin kämpften um die Erweiterung oder Verteidigung ihrer Einflusssphäre. Der Antifaschismus der Anti-Hitler-Koalition war nur das Feigenblatt. Die ganze nahezu Gleichgültigkeit der Alliierten gegenüber dem Holocaust zeigt, dass es ihnen in erster Linie nicht um die Vernichtung des Völkermordsystems des Dritten Reiches ging. Die amerikanischen Bomber haben in vielen Städten Deutschlands die Arbeitersiedlungen dem Boden gleich gemacht, aber die Rüstungsbetriebe haben sie verschont, weil das US-Kapital daran große Anteile besaß.

Das dritte Subjekt

Die eigentlichen Gegner des Hitlerismus, Faschismus und des japanischen Militarismus waren nicht Stalin und Churchill, sondern die einfachen Menschen, die im Kampf gegen Diktatur und Okkupation standen. Die Widerstandsbewegungen gingen vom Volk aus. Ihr Ziel war nicht die Restauration der Regierungen, die von den Besatzern entmachtet worden waren, sondern der Kampf um eine bessere und gerechtere Welt.
Die polnische Untergrundregierung [die der Exilregierung in London unterstand] war vor diesem Hintergrund gewiss eine Anomalie, aber auch sie gab dem Druck ihrer Kämpfer nach und erklärte Reformen in der Landwirtschaft und die Verstaatlichung der Industrie für unbedingt erforderlich. Dank der Kräfte des Widerstands gegen Besatzung und Kolonialismus in Europa und Asien gab es kein Zurück zu den alten Machtverhältnissen.
Dies galt auch für die arabische Welt, die den Alliierten hunderttausende Soldaten zur Verfügung stellte.
Die Erfahrungen der Bevölkerungen, die nicht nur die größten Opfer brachten, sondern auch eine bedeutende Rolle gespielt haben, wird heute von der konservativen Geschichtsschreibung verdrängt. Bestenfalls wird sie zensiert. In den Annalen der Geschichte werden die kleinen Leute höchstens in der Rolle der Opfer gezeigt – still, unschuldig, passiv, ihrer Freiheit und Verantwortung beraubt. Die Quintessenz dieser Sichtweise ist das Bild des Holocaust, es dominiert das offizielle Bild der Geschichte des ZweitenWeltkriegs und verstellt den Blick auf die Taten der zum Subjekt erwachenden Völker, die wiederaufleben im Kampf gegen die Regime, die ihre radikalsten Gegner sind.

Befreiung?

Dieses Subjekt kam immer wieder in Konflikt mit der Logik der imperialen Rivalität. Auch nach der Befreiung. Allein das Wort «Befreiung» klingt recht irreführend, nicht nur in Litauen oder der Ukraine. Als die Kolonisten auf ihre alten Gebiete wiederkehrten, schlugen sie die Freiheitsbewegungen, die oft eigenhändig große Gebiete von der deutschen, italienischen oder japanischen Okkupation befreit hatten, brutal nieder. Die Amerikaner hatten das gleiche auf den Philippinen getan, die Niederländer im heutigen Indonesien, die Franzosen in Vietnam und Algerien.
Die Briten unterstützten die Rechten, die vorher mit den Nazis kollaboriert hatten, und mit der Erlaubnis Moskaus massakrierten sie die kommunistische Widerstandsbewegung, die Griechenland befreit hatte. Der Versuch, in den Kolonien und im Westen die alten Verhältnisse wiederherzustellen, zog – ähnlich wie die Installierung stalinistischer Regime in unserem Teil Europas – hunderttausende Opfer nach sich.
Trotz allem war die Bilanz des Krieges nicht nur negativ. Die Rivalität der Imperien brachte der Welt Auschwitz, Hiroshima und den Gulag. Auf der anderen Seite hat der Widerstand des Volkes die Mächtigen nach dem Krieg zu Zugeständnissen gezwungen. Die Bevölkerungen erinnerten sie an die große Krise, die zu diesem Gemetzel geführt hatte. Die Eliten waren entsetzt von den Massen von bewaffneten Arbeitern und Bauern, die in Frankreich, Italien, Jugoslawien, Albanien und Griechenland die Kontrolle über Fabriken und Städte übernommen hatten, und ihnen wurde klar, dass sie mit dem Kapitalismus etwas machen müssten. So errangen die Widerstandsbewegungen aus dem Untergrund auf beiden Seiten des Atlantik einen großen Einfluss auf den Bereich der sozialen Rechte und öffentlichen Dienstleistungen – unabhängig von der Logik des Warenwerts.
Aus dem gleichen Widerstand nährten sich die ersten Frühlingswinde der Entkolonialisierung – eines des wichtigsten emanzipatorischen Ereignisse in der Geschichte des 20.Jahrhunderts. Daran sollte 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert werden.
Das war ein echter Sieg, der es wert ist, gefeiert zu werden.

Przemyslaw Wielgosz ist Chefredakteur der polnischen Ausgabe von Le Monde Diplomatique. Mit freundlicher Genehmigung des Autors bringen wir hier den Leitartikel der aktuellen Ausgabe. (Übersetzung: Norbert Kollenda.) – Zum Charakter des Zweiten Weltkriegs siehe auch SoZ 9/2014, S.24


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