Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2015 > 06 > Filmfestival-crossing-europe-2

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2015 |

Filmfestival «Crossing Europe»

Nicht vor und nicht zurück
von Kurt Hofmann

Die diesjährige Ausgabe des Festivals des europäischen Films in Linz (23.–28.April 2015) zeigte sich auf der Höhe der Zeit, viele der zentralen Filme spiegelten das Europa der Krise wider. Auch heuer sorgte Intendantin Christine Dollhofer dafür, dass keine «Eurofilme», sondern Beispiele eines engagierten europäischen Kinos zu sehen waren.

Tiflis, Georgien: Die 40jährige Nino lebt gemeinsam mit ihrer betagten Mutter in einem Haus, das vom Glanz vergangener Tage kündet. Längst jedoch läuft alles nur auf Pump… Aber im Salon wird noch empfangen, wenn Mama Geburtstag hat, und so getan, als wäre alles wie früher. Alkohol ist immerhin noch in reichem Maße vorhanden, und so können alle, die gekommen sind, die Jubilarin hochleben lassen. Nur leider sind die Verwandten auch pleite, und die wenigen, die man noch fragen könnte, ob sie etwas locker hätten, bleiben auf Distanz…
Aber Nino zapft immer neue Quellen an. Im Pfandhaus ist sie eine bekannte Figur, dort liegt auch schon der Ring der Mutter, den sie zum «Richten» mitgenommen hat… Die ältliche Dame hinter dem Schalter, die Nino mit dem, was sie für das Eingesetzte gegeben, kaum über den Tag geholfen hat, ruft ihr noch nach – frei nach dem Motto, guter Rat sei teuer, als sprachliches Aufgeld also – sie möge mit dem Überreichten etwas Sinnvolles anfangen. Erst knausern, dann moralisieren, Nino hat’s nicht leicht, andererseits liegt die Schaltermadame in der Leihstube nicht völlig daneben, denn als erstes geht Nino shoppen, schließlich muss der Status zumindest nach außen erhalten bleiben…
Unangenehmer Besuch kündigt sich an: Eine, die Nino einen erheblichen Betrag geliehen hat, ist mitsamt einem Bodyguard, der nicht vertrauenerweckend aussieht, in der von Nino und deren jüngerer Schwester gemeinsam betriebenen Konditorei eingetroffen und verlangt nachdrücklich ihr Geld. Nino lässt sich zunächst verleugnen und stattet einer nebenan wohnenden Betschwester einen Besuch ab. Sie appelliert an deren nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft und bietet als spontane «Gegenleistung» an, dass der Pope ihr Haus weihen darf. Die Rückzahlung soll später erfolgen, mit Gottes Hilfe vielleicht… Aber derlei Tricks helfen nur kurzfristig weiter, denn es ist ein Fass ohne Boden, und Nino borgt von einem, um einem anderen das Geliehene zurückzuzahlen, a never ending story.
Von den einstigen Glanzstücken des häuslichen Interieurs ist scheinbar nur das wertvolle Bild im Salon geblieben, doch dummerweise hat Ninos Sohn es längst durch die Kopie eines befreundeten Malers ersetzt und das Geld in einem windigen Projekt versenkt… Bei einem Klassentreffen begegnet Nino einem alten Freund aus Schultagen, der ihr einen «sicheren Deal» anbietet: eine Hypothek auf das Haus, ergänzt durch einige «kleine Wünsche» des Kreditgebers, alles ohne Risiko und in aller Freundschaft, selbstverständlich…
Naturgemäß ist das dicke Ende in Kreditis Limiti (Line of Credit, Georgien/D/F; Regie: Salomé Alexi) voraussehbar. Niemand hat Geld, an jeder Ecke gibt’s Geld. Aber im postsowjetischen Georgien funktioniert das wie im Varieté: kaum siehst du es, schon ist es wieder verschwunden – ist ja alles so schön bunt hier…
Dass «die Georgier» gerne trinken und singen, dieses Klischee bedient Salomé Alexi in ihrem Film als ironische Volte ausgiebig. Fürs Singen müssen sie nicht zahlen und irgendeinen Fusel können sie sich immer noch leisten, auch so vergeht der Tag… Ninos unaufhaltsamer Abstieg wird in Kreditis Limiti komödiantisch erzählt, wie sie, trotz ihrer hektischen Bemühungen, stetig auf der Stelle tritt, weder vor noch zurück kann. Doch es ist ein Lachen, das in der Kehle stecken bleibt: an die 200000 georgische Familien haben zwischen 2009 und 2013 durch Risikokredite ihre Bleibe verloren…

Nadezhda lehrt Englisch an einer Schule in Bulgarien. Als ihr ein Schüler einen Diebstahl meldet, hält sie der Klasse eine Moralpredigt. Sie werde den Schuldigen, der sich an der Gemeinschaft vergangen habe, schon finden und ihm eine Lehre erteilen, die er oder sie nicht vergisst. Heimgekehrt, warten vor ihrer Türe Vollstreckungsbeamte auf sie. Ihre Familie soll ihr Obdach verlieren, weil Darlehensrückzahlungen ausstehen, das Haus soll demnächst versteigert werden… Nadezhda erfährt, dass ihr Mann hinter ihrem Rücken Geld aufgenommen hat, und erreicht einen kurzfristigen Aufschub. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, die fällige Summe aufzutreiben, wendet sie sich an einen zwielichtigen Kreditverleiher. Dessen Sohn ist einer ihrer schlechtesten Schüler – seine Note soll nach oben korrigiert werden… Eben noch hat die Lehrerin ihren Schülern einen Vortrag über richtig und falsch gehalten, nun soll sie ihre hehren Prinzipien verletzen…
Kristina Grozeva und Petar Valchanov zeigen in Urok (The Lesson, Bulgarien/Griechenland 2014) den schwierigen Grat zwischen Anspruch und Not-Wendigkeit, einen Balanceakt, den Nadezhda nicht bewältigen kann… Kaum ist die Versteigerung des Hauses abgewendet, drängt schon der Kredithai, denn dessen Frist ist abgelaufen… Unfähig, der Forderung nachzukommen, und angewidert von dessen Ideen, wie der Betrag doch noch gestreckt werden könnte, entschließt sie sich zu einer radikalen Lösung, für die sie ihre moralischen Leitsätze nun allerdings vollends vergessen muss…
Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir: derartiges wurde Schülern über Jahre hinweg eingetrichtert. Nadezhda lernt in Urok etwas über das Leben und ist dadurch nicht mehr imstande, ihren Schülern eine Lektion zu erteilen, die über das Erfassen des Lehrstoffs hinausgeht – so ist das mit den hehren Prinzipien in Zeiten wie diesen…

In Iciar Bollaíns En Tierra Extraña (In a foreign land, Spanien 2014) lernt man Arbeitsmigranten der besonderen Art kennen: Alle, die in dieser Doku zu Wort kommen, sind bestens ausgebildet, viele von ihnen haben sogar einen Abschluss, doch im Zeichen der Krise mussten sie Spanien in Richtung Schottland verlassen. In Edinburgh leben mehr als 20000 spanische Arbeitsuchende. Hier finden sie (zumindest die Auskunftspersonen) Jobs, doch nicht als Ingenieure, Chemiker, Sprachwissenschaftler… sondern als Kellner, Putzfrauen, Kindermädchen, Lagerarbeiter, oder zumindest als müllaufsammelnde Stadtgartenverschöner. Eine erzählt, sie hätte in ihrem Institut an der Uni in Madrid gerade eben 500 Euro im Monat verdient, nun, im fernen Edinburgh, bei einer Tätigkeit weitab ihrer Qualifikation, verdiene sie immerhin das Lebensnotwendige…
En Tierra Extraña vermittelt einen niederschmetternden Befund über die Möglichkeiten der spanischen Intelligenz im Zeichen der Krise. Aber indem wir deren Lage beklagen, wird zugleich die Achtlosigkeit und Ignoranz gegenüber denjenigen sichtbar, die aus ferneren Ländern hilfesuchend und häufig hochqualifiziert nach Europa gekommen sind: dem Arzt aus dem Iran, der sich nun als Taxifahrer verdingen muss, der Lehrerin aus Syrien, die nun Toiletten reinigen «darf»… und nicht zuletzt auch gegenüber den vielen Hoch- oder auch Minderqualifizierten, die aufgrund ihres Status allenfalls als Erntehelfer arbeiten dürfen… Von den einen zu sprechen, heißt, von den anderen nicht zu schweigen.

Vier junge Londoner sind gemeinsam in ein abgelegenes Landhaus gezogen, um ein Leben fernab von Routine und Konventionen auszuprobieren… Ein Experiment, in dem sie einander spielerisch «Prüfungen» unterziehen, in Frage stellen, was war, entdecken, was sein könnte.
Hide and Seek (GB 2014; Regie: Joanna Oates) zeigt eine sich selbst definierende Gruppe, die gemeinsam jeden Tag mehr darüber herausfinden möchte, wie es ist, mit den anderen zusammenzuleben, ohne die alten Fehler zu begehen. Einander nicht ernst nehmend, alles in der Schwebe haltend, reizen sie ihre Möglichkeiten aus, halten nicht dort an, wo früher eine Grenze gewesen wäre…
Plötzlich ein falscher Ton: Eine von ihnen hat mit ihrem Ex-Freund korrespondiert, nun taucht er unversehens auf, hat die Verschworenen aufgespürt, will die Idylle sprengen. Besitzansprüche werden angemeldet, das «falsche Leben» meldet sich lautstark zu Wort, doch dem Eindringling wird eine Lehre erteilt, er wird gedemütigt und in die Flucht geschlagen. Die Frage ist allerdings, ob die vier das Auftauchen des «Intruders» danach «wegdenken» und so weitermachen können wie bisher. Kann die böse Saat des Bürgerlichen aufgehen? Zwei der vier stellen die beiden anderen auf die Probe…
Das Bemerkenswerte an Joanna Oates’ Hide and Seek ist weder das vorgeführte soziale Experiment noch der unkonventionelle Umgang mit Sexualität, auch nicht die spielerische Leichtigkeit im Umgang der vier miteinander. All dies hat man schon anderswo (und radikaler) gesehen. Wie aber reagieren vier, die eine neue Wirklichkeit behaupten, auf einen Eindringling von «außen», der ihre «Sprache» nicht erlernen will? Zunächst, so Oates, indem sie eine «Pause» einlegen, sich zurücknehmen gegenüber dem in alten Verhaltensmustern Befangenen. Dann, indem sie Kampfformen wie Ausgrenzung und Demütigung anwenden, die Teil des Alten, überwunden Geglaubten sind. Kann es das richtige Leben im Falschen geben, ist die «Insel» als Modell tauglich? Ab hier endet das Versteckspiel, das «Hide and Seek»…

Benötigt die Welt den Rat der «Grande Nation»? Alexandre Taillard de Vorms, der französische Außenminister, ist überzeugt davon. Demnächst soll er eine Ansprache vor der UNO-Vollversammlung halten und engagiert deshalb Arthur Vlaminck, der eine Eliteuni absolviert hat, als Redenschreiber. Arthur, der weder die politischen Ansichten des Politikers teilt noch dessen intellektuelles Profil allzu hoch einschätzt, lässt sich überzeugen, weil er das Geld braucht. Doch der Minister, ein flacher Denker mit Hang zur Geschwätzigkeit, hält Arthur mit immer neuen Wendungen auf Trab. Was er gestern noch gemeint, verwirft er tags darauf, nur ein Zitat seines Lieblingsphilosophen Heraklit hat er stets zur Hand.
Der Stab des Ministers ist es gewohnt, dass dieser politische Seifenblasen produziert, aber alle, insbesondere Arthur, müssen gute Miene zum blöden Spiel machen. Dass eine Krise in Afrika gelöst werden soll, tangiert den Minister wenig, steht doch ein Treffen mit der französischen Literaturnobelpreisträgerin (Jane Birkin!) an, von deren Büchern er keine Ahnung hat…
Bertrand Taverniers Quai D’Orsay (Frankreich 2013) funktioniert nach dem «Tür auf, Tür zu»-Prinzip des Schwanks; mit dem entfesselten Thierry Lhermitte als Minister hat Tavernier auch einen boulevarderfahrenen Hauptdarsteller als Atout. Der Erkenntnisgewinn von Quai D’Orsay hält sich allerdings in Grenzen: Eine oberflächliche Politikerkaste, die nichts zu sagen hat, aber dennoch in ihrem Wortschwall nicht zu bremsen ist, regiert Europa – wer hätte das gedacht?
Immerhin hat Tavernier einen bösen Schlussgag parat: Als es endlich zum großen Auftritt des Ministers vor der UNO-Vollversammlung kommt, erntet dessen, nach unzähligen, immer absurder anmutenden Korrekturwünschen des außenamtlichen Schwätzers nun völlig sinnentleerte Rede begeisterten Beifall von den Vertretern der internationalen Gemeinschaft…
Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst…


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.