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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2015 |

«…gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen»

Der Völkermord an den Armeniern und die deutsche Mitschuld
von Paul B. Kleiser

Die ersten Pogrome fanden bereits in den Jahren 1895/96 statt: Sie kosteten über 100.000 Opfer. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieg jedoch wurden die Armenier Ziel einer Ausrottungspolitik des Osmanischen Reichs, das seit dem Staatsstreich gegen Sultan Abdul Hamid II. 1909 von den «Jungtürken» geführt wurde. Wie konnte es zu diesem Aghet (Katastrophe) genannten Genozid kommen, das bis zu 1,5 Millionen Opfer forderte? Warum traf es gerade die Armenier, die älteste noch bestehende christliche Gemeinschaft? Und warum wird diese Tat bis heute vom türkischen Staat bestritten bzw. verharmlost?
Als das Osmanische Reich nach dem Mongolensturm 1288 in Teilen des niedergehenden Byzantinischen Reichs gegründet wurde, entwickelte sich dort eine ganz spezifische Produktionsweise und Machtstruktur. Das Land gehörte offiziell Allah, konkret jedoch – von Stiftungen abgesehen – dem Sultan: Die große Mehrheit der Menschen waren Reayas (ständige und erbliche Pächter), ein Verkauf des Bodens war ausgeschlossen. Es ist also Unsinn, hier von Feudalismus zu reden.
Seit dem 17.Jahrhundert entwickelten sich allerdings Tendenzen zur privaten Bodenaneignung. Die christlichen Gemeinschaften – Griechen, Armenier, Chaldäer, Altsyrer usw. – bildeten millets, Formen der Selbstorganisation mit ungehinderter Religionsausübung, waren jedoch dem Sultan tributpflichtig.
Alle kulturellen Belange (Bildung und Erziehung) konnten sie eigenverantwortlich regeln, solange sie nicht mit dem Zentralstaat in Konflikt gerieten. Die Steuern trieben Steuerpächter (mültezim) ein, die natürlich die Tendenz besaßen, die eigene Großfamilie zu schonen und feindlich gesonnene Clans möglichst stark zu besteuern. Dies führte einerseits zu Abwanderung in die Städte, andererseits zu Formen des Kleinkriegs gegen die Steuereinnehmer und ihre Helfer – auf dem Balkan hießen diese Haiduken, in Griechenland Kleften, in der Türkei Celali Isanlari.

Eine türkische Bartholomäusnacht
Istanbul/Konstantinopel war als Zielpunkt der Seidenstraße damals nicht nur die größte Stadt der Welt, sondern auch stark multikulturell geprägt. Entlang der Handelswege nach Osten und Süden entwickelte sich das Handwerk in allen Facetten: in Maras und Ankara Eisen und Schuhe, in Usak Teppiche, in Istanbul und Bursa Kleidung und Seide. Der Handel und das damit verbundene Wucherkapital wurde in erheblichem Maße von Griechen, Armeniern und teilweise Juden beherrscht. Eine muslimische Bourgeoisie gab es kaum. Vor dem Ersten Weltkrieg befanden sich etwa 80% der Handwerks- und Industriebetriebe sowie zwei Drittel des Binnenmarkts und der akademischen Berufe in den Händen der christlichen Minderheiten, die etwa 6 der 25 Millionen Einwohner des Reiches stellten.
Der Niedergang des Osmanischen Reichs begann im 16.Jahrhundert, als zuerst die Franzosen, dann auch Briten und Holländer Sonderrechte («Kapitulationen») durchsetzten und sich zu Schutzherren der Christen aufschwangen. Es wurden Geschäftshäuser und Konsulate in Istanbul, Smyrna/Izmir, Alexandria, Kairo, Aleppo, Damaskus, Tripolis, Jerusalem, auf Chios und auf Zypern errichtet. Das Osmanische Reich entwickelte sich – besonders im 19.Jahrhundert – immer stärker zu einer Halbkolonie. Der Verlust von Griechenland und Serbien (ab 1821) war der Beginn einer Entwicklung, an deren Ende der Rückzug aus dem gesamten Balkanraum stand.
Die Niederlage gegen Russland im Krimkrieg (1853–1856) bestätigte die Intellektuellen, die eine grundlegende Modernisierung des Reiches anstrebten. 1889 wurde das Komitee für Einheit und Fortschritt (CUP – Ittihad ve Terraki Cemiyeti) gegründet, die sog. «Jungtürken». Programmatisch stritten sich die auf Zentralismus setzenden «Modernisierer» um Ahmed Riza mit den «föderalistischen» Anhängern des Prinzen Sabaheddin; auch islamistische Kreise, die eine «Rückkehr» zum ursprünglichen Geist des Islam in der Zeit des Propheten anstrebten, waren vertreten.
1894 erhoben sich Armenier in Sussun gegen die doppelte Besteuerung durch den Zentralstaat und die kurdischen Aghas. Es kam zu Massenmorden, vor allem in den Regionen Van (damals mehrheitlich von Armeniern bewohnt), Bitlis und Urfa. Als 16 Armenier aus Solidarität eine Bank in Istanbul besetzten, folgte am 26.August 1896 die «Bartholomäus-Nacht»* von Istanbul – ein Massaker an etwa 6000 Armeniern. Verschiedene europäische Regierungschefs forderten die Absetzung des Sultans und stellten zahlreiche Forderungen zum Schutz der Christen auf.
Im Mai 1896 überreichten die Botschafter Großbritanniens, Frankreichs und Russlands der Hohen Pforte ein Memorandum zur armenischen Frage: «Besonders entrüstet war der Sultan über die Forderung, in Bezirken, in denen es eine zahlreiche christliche Bevölkerung gab, Christen als Adjunkten mohammedanischer Beamten anzustellen.» 1895 gab es die erste Demonstration armenischer Sozialisten in Istanbul – es war die erste öffentliche nichtislamische Protestveranstaltung, sie hatte enorme symbolische Wirkung. 2000 Menschen demonstrierten, ein Major hielt sie auf, es kam zu einem Schusswechsel und zur Jagd auf Armenier. Das «Ehrgefühl» der muslimischen Eliten wurde durch diese Proteste verletzt, denn sie betrachteten sich selbstverständlich als die «herrschende Nation».

Mord und Vertreibung
Der Massenmord an den Armeniern führte in mehreren Ländern zu heftigen Diskussionen. Der Vorsitzende der deutsch-armenischen Gesellschaft, Johannes Lepsius, dokumentierte in seinem Buch Armenien und Europa Morde, Plünderungen, Zerstörungen und Zwangskonversionen zum Islam.
Die Lage radikalisierte sich in den Balkankriegen, als das Osmanische Reich seine letzten Besitzungen auf dem Balkan verlor und neue Staaten – Rumänien, Bulgarien, Albanien – entstanden. Abertausende Muslime flohen nach Anatolien, wo sich das Problem der Unterbringung und Versorgung stellte.
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs rückten im Osten die Russen in osmanische Gebiete ein, im Westen griffen die Briten Gallipoli an und bedrohten Istanbul. Im Bereich der Meerenge wurden Griechen und Juden umgehend deportiert. Der Großwesir, Innenminister und Jungtürke Mehmet Talaat Pascha erklärte mehrfach, man werde den Krieg nützen, um mit den «inneren Feinden [den Christen] gründlich aufzuräumen». Gegenüber dem US-Botschafter äußerte er, man habe sich alle Details der Deportation der Armenier in die Wüste sorgfältig überlegt. Der stellvertretende Innenminister Ali Münig Bay forderte im Juni 1915 genaue Angaben über die Lage der geräumten armenischen Dörfer und deren landwirtschaftliches Potenzial. Außerdem wollte er wissen, wieviele Muslime man dort ansiedeln könne. Laut offizieller Statistik sollen bis Ende Oktober 1916 702.900 muslimische Flüchtlinge in den von den Armeniern geräumten Gebieten angesiedelt worden sein.
Bei der Vertreibung blieb es nicht. «Es steht einwandfrei fest», betonte der deutsche Oberstleutnant August Stange, Ausbilder und Instrukteur der Armee des Sultans, «dass die Armenier fast ohne Ausnahme in der Gegend von Mamahatun (Tercan) von sog. Tschetes (Freiwilligen) und ähnlichem Gesindel ermordet worden sind, und zwar unter Duldung der militärischen Begleitung, ja sogar mit deren Beihilfe.»
Der deutsche Vizekonsul von Erurum, Max Erwin von Scheubner-Richter, erlebte die Morde und Deportationen an den Armeniern mit und schrieb: «Auf dem Weg von Erzurum über Khinis, Musch, Bitlis, Siirt nach Mossul habe ich alle früher von Armeniern bewohnten Dörfer bzw. Häuser vollständig leer und zerstört angetroffen; auf dem ganze Wege habe ich und die mich begleitenden deutschen Herren noch Leichen von armenischen Männern und Frauen liegen gesehen, vielfach mit Zeichen von Bajonettstichen, trotzdem die Wege vor uns auf Veranlassung der Regierung durch Gendarmerie von Leichen gesäubert worden waren.»
Nach Aussage von Kurden wurden alle in der Gegend lebenden Armenier umgebracht. Es wurden sogar Lizenzen zum Plündern der armenischen Häuser und Dörfer meistbietend verkauft!

Die deutsche Schuld
Die Schreckensnachrichten verbreiteten sich auch im Westen, sodass der deutsche Botschafter, Paul Wolff-Metternich zu Gracht, Reichskanzler Bethmann Hollweg in Berlin aufforderte, zugunsten der Armenier bei der verbündeten osmanischen Regierung zu intervenieren. Doch der Reichskanzler war über das Ansinnen seines Botschafters erzürnt und notierte an den Rand des Dokuments: «Die vorgeschlagene öffentliche Koramierung eines Bundesgenossen während laufenden Krieges wäre eine Maßregel, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Unser einziges Ziel ist es, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrundegehen oder nicht.»
Wegen seiner kritischen Haltung wurde der Botschafter kurz danach aus Istanbul abberufen. Außerdem wurde die Presse ermahnt, sich nicht in «Verwaltungsangelegenheiten» des Verbündeten einzumischen und die guten Beziehungen nicht zu gefährden. Im Reichstag erhoben Karl Liebknecht und Eduard Bernstein ihre Stimme gegen den Völkermord, vermochten die Haltung der Regierung jedoch nicht zu ändern.
Einer, der den Massenmord eiskalt unterstützte, war der deutsche Generalstabschef des osmanischen Heeres, Friedrich Bronsart von Schellendorf. Als knallharter Rassist äußerte er: «Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat (sic) ein Parasit, der die Gesundheit eines anderen Landes, in dem er sich aufhält, aufsaugt.» Zurück in Deutschland, finden wir ihn – zusammen mit dem Münchner Putschistengeneral Erich Ludendorff – als Führer des protofaschistischen «Frontbanns» und 1925 als Führer des völkischen «Tannenberg-Bundes». Die Nazis zogen ihre Lehren aus dem Genozid für die von ihnen geplante «Endlösung».
In einem Resolutionsentwurf des Deutschen Bundestags von 2005 wird von der «unrühmlichen Rolle des Deutschen Kaiserreichs» hinsichtlich des Genozids an den Armeniern gesprochen. Genauer: Deutsche halfen den Türken bei den Massakern und zogen ihre furchtbaren Lehren daraus. Aber es gab trotz Zensur auch einige, die ihre Stimme zum Protest erhoben.
Nach der militärischen Niederlage wurden 1919 in der Türkei zahlreiche Regierungsmitglieder, darunter auch Innenminister Mehmet Talaat, zum Tode verurteilt. Er war inzwischen nach Berlin geflohen, wo er heimliche Protektion von oben genoss. Am 21.März 1921 wurde er vom armenischen revolutionären Studenten Tehlirjan erschossen. Die Gerichtsverhandlung gegen den Armenier führte erstaunlicherweise zu einem Freispruch.

Literatur: Rolf Hosfeld: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern. München 2015.

*In der Bartholomäusnacht (23./24.August 1572) ließ Katharina von Medici die Führer der Hugenotten massakrieren, was einen allgemeinen Pogrom auslöste.


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