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Ernest Mandel 1923-1995

Sozialistische Strategie

von der Redaktion

Heute vor 20 Jahren verstarb der belgische marxistische Theoretiker und sozialistische Revolutionär Ernest Mandel. Er war das bekannteste führende Mitglied der Vierten Internationale. Unter Bundeskanzler Willy Brandt („mehr Demokratie wagen“) von der SPD und dem liberalen Innenminister Hans-Dietrich Genscher erhielt er 1972 (bis 1979) ein Einreiseverbot, nachdem ihn der Berliner Senat daran gehindert hatte, seine Stelle als Professor für Ökonomie an der FU Berlin anzzutreten.In der letzten Printausgabe der SoZ von Juli 2015 finden sich zwei Beiträge (von Ingo Schmidt und von Manuel Kellner http://www.sozonline.de/2015/07/ernest-mandel-19231995/; http://www.sozonline.de/2015/07/lange-wellen-der-konjunktur/), die Mandels Beiträge zur Kritik der politischen Ökonomie würdigen. Für seine „Marxistische Wirtschaftstheorie“ (deutsch 1968) und seinen „Spätkapitalismus“ (im Original deutsch 1972) und andere Beiträge zum Thema war er einem breiteren Publikum am ehesten bekannt.

Seine zahlreichen Buchveröffentlichungen, Aufsätze und Artikel decken aber ein viel breiteres Themenfeld ab. Mandel war in erster Linie politischer Aktivist, der sich immer wieder mit der Frage befasste, wie eine grundlegende Umwälzung der bestehenden Verhältnisse zugunsten einer sozialistischen Demokratie und eine Prozess hin zu einer klassenlosen, von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung freien Gesellschaft gelingen kann.

Das 2009 im Neuen ISP Verlag erschienene Buch von Manuel Kellner „Gegen Kapitalismus und Bürokratie. Sozialistische Strategie bei Ernest Mandel, Köln/Karlsruhe“ (ursprünglich als Dissertation in Marburg verfasst) verdeutlicht das. Auf dem Portal der Universität von Marburg findet sich folgende kurze Zusammenfassung des Inhalts (und auch der Text der Dissertation, http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2007/0140/):

„Die vorliegende Arbeit ist eine thematisch gegliederte Werkbiographie und zugleich eine Auseinandersetzung mit dem politischen Denken von Ernest Mandel (1923-1995), dem bekanntesten Mitglied der („trotzkistischen“) IV. Internationale, der ein umfangreiches theoretisches und publizistisches Werk hinterlassen hat. 1972 aus politischen Gründen an der Aufnahme einer Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin gehindert und von der damaligen SPD/FDP-Regierung mit Einreiseverbot belegt, wurde der Belgier Mandel in Deutschland vor allem bekannt als marxistischer Wirtschaftswissenschaftler, da unter anderem seine „Marxistische Wirtschaftstheorie“ (deutsch 1968) und die von ihm selbst als sein ökonomisches Hauptwerk verstandene Schrift „Der Spätkapitalismus“ (deutsch 1972) hier in hohen Auflagen erschienen. Am meisten Verbreitung findet bis heute indes sein „Einführung in den Marxismus“ (erste Auflage deutsch 1979), die über die Kritik der politischen Ökonomie hinaus viele andere Themen behandelt. So hat Mandel denn auch in zahlreichen selbständigen Schriften und in einer unübersehbaren Zahl von Beiträgen in Sammelbänden und Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln eine ganze Reihe von Fragen der Theorie, der Zeitgeschichte, der linken Programmatik und Strategie bearbeitet und sich darüber hinaus in ebenso zahlreichen schriftlichen Diskussionsbeiträgen im Rahmen seiner eigenen internationalen Organisation zu aktuellen politischen Fragen geäußert. Nach einer 26-seitigen biographischen Skizze (eine umfangreiche Biographie Mandels hat inzwischen der Niederländer Jan-Willem Stutje vorgelegt) legt die vorliegende Arbeit Mandels Positionen zur Kritik des zeitgenössischen Kapitalismus (von der These des „tendenziellen Falls der Profitrate“ über die Theorie der „partiell unabhängigen Variablen“ bis zu den „langen Wellen der Konjunktur“)dar, erklärt seine Sozialismuskonzeption im Anschluss an Marx, Luxemburg und Trotzki („Übergangsgesellschaft“, „sozialistische Demokratie“, weltweite „klassenlose Gesellschaft“) und seine Kritik der Bürokratie sowohl in der Arbeiterbewegung wie in den postkapitalistischen Gesellschaften (einschließlich einer Kritik am „Substitutionismus“) und referiert ebenso ausführlich seine Positionen zur sozialistischen Strategie der revolutionären Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise und des ihm zugehörigen („bürgerlichen“) Staats (Rolle des Massenstreiks, „Doppelcharakter“ der Gewerkschaften, „Übergangsforderungen“, „Arbeiterkontrolle“, revolutionäre Parteien und revolutionäre Internationale, Einheitsfrontpolitik, „Permanente Revolution“). Dem schließt sich ein Kapitel zu „Emanzipation und gesellschaftliche Katastrophe“ an, in dem Mandels Aufgreifen von Trotzkis Faschismustheorie, aber auch seine von 1945 bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts sich ändernde Einschätzung der Naziherrschaft und des Holocaust dargestellt und diskutiert wird. Die kritische Diskussion der theoretischen Hinterlassenschaft Mandels findet sich konzentriert im Schlusskapitel („Wertung und Ausblick“). Im Anschluss an seine Sicherheit in der Prognose wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen bis in die Mitte der 70er Jahre hinein (er sagte frühzeitig das Ende des lang andauernden Nachkriegsbooms, die erneute Zunahme der klassischen kapitalistischen Krisensymptome und auch die finale Krise der post-stalinistischen Systeme voraus)entwickelte Mandel einen für ihn typischen prognostischen Optimismus, da er stets Belege für die Chancen des universal emanzipativen sozialistischen Projektes sammelte und gegenläufige Tendenzen unterbelichtet ließ. Zudem stellt sein theoretisches Denken eine eigentümliche Mischung aus „offenem Marxismus“ und Ablehnung von Sektierertum einerseits und einem Streben nach kohärenter „revolutionär-marxistischer“ Orthodoxie andererseits dar, wobei auch seine Identifikation mit der eigenen (im Gegensatz zu den Hoffnungen der Gründergeneration) recht unbedeutend gebliebenen Organisation seine Fähigkeit zum nüchtern kritischen Denken einschränkte. Gleichwohl lohnt es sich noch heute, an zahlreichen Aspekten des Mandelschen Werks anzuknüpfen. Dies gehört nicht nur zur Bilanz des 20. Jahrhunderts, sondern auch zur Debatte über einen erneuerten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Im Mittelpunkt der Mandelschen Konzeption stehen die „Selbstorganisation der Arbeiterklasse“ als entscheidende verändernde Kraft sowie ein entschiedener Internationalismus im Sinne Luxemburgs („In der Internationale liegt der Schwerpunkt der Organisation des Proletariats“). Mit über 400 Seiten Text und einem Literaturverzeichnis, das allein zehn eng bedruckte Seiten mit Titeln von Mandel selbst enthält, kann die vorliegende Arbeit beanspruchen, einen ersten Grundstein zur weiteren Aufarbeitung des mandelschen Denkens gelegt zu haben.“

 


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