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Silvia Federici: Caliban und die Hexe

Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien: Mandelbaum, 2012. 340 S., 24,90 Euro
von Olga Dedinas

Die italienische Feministin und Marxistin Silvia Federici ist bereits durch mehrere ausgezeichnete Publikationen bekannt, etwa die Essaysammlung Anleitung zum Aufstand aus der Küche. Ihr Hauptwerk Caliban und die Hexe, das 2012 auf deutsch erschien, veröffentlicht die Ergebnisse eines großen Forschungsprojekts zum Thema «Frauen und die ursprüngliche Akkumulation» in einer Schriftform, die für ein breites Publikum lesbar ist.
Federici zeichnet noch einmal die Entwicklungslinien des Kapitalismus nach, allerdings aus einer neuen, bis jetzt noch unerschlossenen Perspektive: die der Frauen. Ihre Kritik an den Klassikern des Marxismus: Die durchaus richtigen Analysen seien unvollständig und würden sich lediglich auf das Schicksal des männlichen, westeuropäischen Proletariers beziehen. Das Ziel ihres Werkes ist es, auch das Schicksal der weiblichen Hälfte des Proletariats zu beleuchten, wie das der kolonisierten und versklavten Menschen in den Amerikas. Dabei legt sie besonderes Augenmerk auf die Hexenverfolgungen als Instrument zur Bekämpfung und Entrechtung der Frauen.
In Caliban und die Hexe wird die Feudalzeit keineswegs romantisiert, sondern als Epoche schwelender sozialer Auseinandersetzungen zwischen Leibeigenen und Lehnsherren vorgestellt. Dennoch wird sie auch, verglichen mit der folgenden Epoche der ursprünglichen Akkumulation, als Zeit eines relativen Wohlstandes der Bevölkerung beschrieben und auch als Zeit, in der Frauen gesellschaftlich vergleichsweise gut gestellt war. Als Beispiele nennt sie Frauenzünfte und weibliche Handwerkerinnen, aber auch den damals ausschließlich weiblichen Beruf der Ärztin. In Federicis Analyse fällt besonders positiv auf, dass die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaftsformen stets mit einbezogen werden. So wird deutlich, wie sehr das Schicksal des öffentlichen Landes (der Allmende) mit dem Schicksal der Frauen verbunden war.
Mit dem sich entwickelnden Kapitalismus gingen zahlreiche Veränderungen einher, die die Entrechtung und besondere Ausbeutung von Frauen erforderlich machten. Es ist kein Zufall, dass die Epoche der ursprünglichen Akkumulation zeitgleich mit den Hexenverfolgungen stattfindet. Anhand historischer Quellen zeigt sie auf, wie die Herrschenden der damaligen Zeit die Angst vor «Hexen» und «Hexerei» ideologisch von oben implementierten. Dafür war eine mühevolle und kleinteilige Propagandakampagne nötig, deren Höhepunkt ein Klima der Angst bildete, das der heutigen Angst vor «Terroristen» vergleichbar ist. Für Folter und Mord war der Verdacht der Hexerei ausreichend, es war für eine Bestrafung nicht notwendig, mittels Hexerei tatsächlichen Schaden angerichtet zu haben.
All diese Maßnahmen hatten letzten Endes das Ziel, die Bevölkerungszahl zu steigern und damit die Masse verfügbarer Arbeitskraft. Obgleich bereits für breite Schichten weder genügend Land, noch genügend Nahrungsmittel zur Verfügung standen, erstrebten die Herrschenden ein weiteres Anwachsen der proletarischen Bevölkerung. Zu diesem Zweck wurden sowohl ideologische Vorstellungen über Mutterschaft und Fruchtbarkeit durchgesetzt, als auch Frauen, die abtrieben oder ihr Neugeborenes aus Not töteten, gewaltsam bestraft. In dieser historischen Phase beginnt die Enteignung des Körpers der Frau. Federici beschreibt eindrucksvoll, wie der Staat beginnt, seinen Einfluss auf das eheliche Schlafzimmer und den Körper der Frau auszudehnen und ihn in ein Produktionsinstrument der Ware Arbeitskraft zu verwandeln. Es sind Aufrufe überliefert, die dazu auffordern, das Sexualleben der eigenen Nachbarn zu überwachen!
Im Abschnitt über die Normierung der Sexualität und die Disziplinierung des proletarischen Körpers analysiert Federici, wie sexuelle Normvorstellungen, die in der heutigen Zeit so selbstverständlich sind, dass sie ewigkeitsgültig scheinen, historisch gewachsen sind. Jede Form der nichtreproduktiven Sexualität wurde damals verteufelt, im wortursprünglichen Sinne. Dazu zählte die Homosexualität ebenso wie die Ablehnung von Sex zwischen alten, das heißt nicht mehr «fruchtbaren», Menschen. Aus Sicht der ideologischen Führer war dies nichts weiter als eine Vergeudung von Kraft und Zeit, die die Proletarier der Arbeit zu widmen hatten.
Noch ein weiterer Aspekt wird in diesem Abschnitt zwischen den Zeilen deutlich. In den Werken von Marx, Engels, aber auch Lenin wird der Kapitalismus als historische Notwendigkeit beschrieben und für seinen technischen Fortschritt hoch gelobt, denn dieser Fortschritt allein war in der Lage, das Elend der Massen zu beenden. Bei der Lektüre von Federicis Buch wird deutlich, dass der Kapitalismus die elenden Massen selbst hervorgebracht hat, von den damaligen Kapitalisten gezielt geplant. Somit half der Kapitalismus nur, ein Problem zu lösen, dass ohne ihn vielleicht nie existiert hätte.
Die Hexenverfolgungen spielten jedoch noch eine weitere, wichtige Rolle im Herrschaftsgefüge des 15. und 16.Jahrhunderts: sie dienten als Mittel zur Unterdrückung sozialer Auseinandersetzungen. Dies wird anhand von Gerichtsakten deutlich, in denen überwiegend gut gestellte Großgrundbesitzer und Fabrikherren ihre weiblichen Angestellten der Hexerei bezichtigen.
Wer Schilderungen über die Arbeitsbedingungen in den frühkapitalistischen Manufakturen und Fabriken ließt, über 16stündige Arbeitstage und körperlich zerstörerische Arbeitsbedingungen, stellt sich unwillkürlich die Frage, wieso die damalige Arbeiterklasse unter diesen Bedingungen zu arbeiten bereit war. Die Antwort findet sich in Caliban und die Hexe im historischen Abriss über die frühkapitalistische Entwicklung. Trotz der Vertreibung und Enteignung der Bauern, die aufgrund des Verlusts ihrer Subsistenzwirtschaft vom Hungertod bedroht waren, waren diese nicht bereit, in den frühkapitalistischen Produktionsstätten zu arbeiten. Sie zogen zu hunderten und tausenden übers Land und bestritten ihr Leben mit Betteln, Stehlen und Gelegenheitsarbeiten. Um diese widerständigen Subjekte zu zwingen, sich in verwertbares Humankapital zu verwandeln, wurde die sog. «Blutgesetzgebung» erlassen. Wer das Arbeiten verweigerte, konnte dafür mit dem Tod bestraft werden. Ein Schicksal, das Zehntausende ereilte, wie Federici anhand historischer Gerichtsakten herausarbeitet.
Dieses weithin unbekannte, historische Wissen bietet Antikapitalistinnen eine wichtige Argumentationsgrundlage. Es wird deutlich, dass der Kapitalismus keineswegs eine natürliche, allmähliche Entwicklung war, sondern den Menschen unter Anwendung brachialer Gewalt aufgezwungen wurde.
Ebenso interessant ist die Analyse der begleitenden, ideologischen Prozesse. Der Körper-Geist-Dualismus, der heutzutage langsam und mühevoll in Disziplinen wie der Psychologie und Biologie wieder überwunden wird, findet seinen Anfang in eben jener Zeit der Disziplinierung der proletarischen Körper. Die Spaltung des ganzheitlichen Menschen in einen Körper und einen Geist, die miteinander im Krieg liegen, entspricht den ökonomischen Anforderungen an die Arbeiterschaft im 15. und 16.Jahrhundert. Es wurde in jener Zeit das Bild eines faulen und hedonistischen Körpers gezeichnet, der von einem starken Geist zum fortwährenden Arbeiten gezwungen werden musste. Federici schließt ihre Betrachtungen zu diesem Thema mit dem Fazit: «Die erste Maschine, die der Kapitalismus schuf war der proletarische Körper.»
Im letzten Abschnitt des Buches werden die Entwicklungslinien bis in die heutige Zeit hinein fortgeführt. Federici zeigt, wie in den Ländern des globalen Südens der derzeitige Prozess einer ursprünglichen Akkumulation erneut von Hexenverfolgungen begleitet wird.
In den kaum 400 Seiten stecken noch weit mehr Gedankenstränge und Analysen. Und trotz sorgfältiger Quellenarbeit ist der Text von Federici flüssig und geschrieben und gut lesbar. Für alle Marxistinnen und Marxisten eine unerlässliche Lektüre!


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