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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2015 |

Work-watch: Deinem Chef auf die Finger schauen

Gegen die alltägliche Unternehmerwillkür
von Violetta Kuhn

Die Initiative work-watch wurde 2012 von «Arbeit und Leben NRW» und von Günter Wallraff ins Leben gerufen. Work-watch geht Fällen nach, in denen Arbeitgeber mit rechtlich fragwürdigen Methoden wie aggressivem Mobbing gegen unliebsame Beschäftigte oder Betriebsräte vorgehen. Sie ist eine von mehreren Initiativen, sich gegen Unternehmerwillkür zur Wehr zu setzen. Wir stellen die Initiative im folgenden vor.

Ein guter Betriebsrat macht sich seinen Chef zwangsläufig immer mal wieder zum Feind. Dementsprechend reagiert die Geschäftsleitung und versucht, ihr unliebsame Beschäftigte loszuwerden. Schon immer gehen Unternehmer aggressiv gegen kämpferische Kolleginnen und Kollegen vor. In den letzten Jahren allerdings hat die Massivität, Breite und Systematik der Angriffe gegen betrieblich Aktive und kämpferische Betriebsräte enorm zugenommen. Nicht umsonst ist «Union-Busting» in Gewerkschaftskreisen in Deutschland ein geläufiges Wort geworden, ein Begriff, der genau solche Strategien der Arbeitgeber bezeichnet. Das Bemühen, gewerkschaftliche Gegenwehr zu be- oder verhindern, hat sich inzwischen zu einem regelrechten Geschäftszweig ausgewachsen. Spezialisierte Un-Rechtsanwälte, Beraterfirmen und Kurse über rechtlich fragwürdige Methoden finden überall statt.

Gegenwehr von unten
Auf der Seite der Beschäftigten sind als Reaktion darauf Initiativen zur Unterstützung derjenigen entstanden, die solchen Angriffen ausgesetzt sind. Work-watch ist eine davon. 2012 von Günter Wallraff und dem Verein «Arbeit und Leben NRW» gegründet, ist es inzwischen ein spendenfinanzierter, gemeinnütziger Verein mit Sitz in Köln. Work-watch setzt sich das Ziel, antigewerkschaftliche Angriffe von Unternehmen und besonders eklatante Ausbeutungsformen zu thematisieren und Attacken, die täglich in den Betrieben stattfinden, an die Öffentlichkeit zu bringen und dagegen vorzugehen. So ist das Buch Die Lastenträger (2014) entstanden, in dem prekäre Arbeitsbedingungen in verschiedenen Bereichen konkret dargestellt werden. (Siehe die Rezension in SoZ 3/2015.)

Wie funktioniert work-watch?
Ganz konkret: Betroffene, Einzelpersonen, Betriebsratsgremien mit und ohne Kontakt zu Gewerkschaften rufen an und schildern die Situation. Gemeinsam wird überlegt, was man tun kann. Zuerst geht es darum, den Rückenhalt im Betrieb zu stärken. Welche Kolleginnen und Kollegen sind ansprechbar? Wie sieht es mit der zuständigen Gewerkschaft aus? Findet Bossing – also Mobbing durch den Vorgesetzten – statt, kann dessen Wirkung manchmal schon gestoppt werden, indem die Kollegen auf die Systematik der Angriffe hingewiesen werden und erklärt wird, wie diese Methoden auch in anderen Betrieben verwendet werden.
Die Erfahrung zeigt, dass Angriffen oft Einhalt geboten werden kann, ohne dass man den Schritt an die Öffentlichkeit tun muss. Ein offizieller Brief von work-watch, in dem die Geschäftsleitung zu einer Stellungnahme aufgefordert wird, kann manchmal reichen. Bei rechtlichen Verstößen wirkt manchmal die Drohung mit der Gewerbeaufsicht, dem Finanzamt, anderen Behörden – oder eben der Öffentlichkeit. Jeder Schritt geschieht dabei in Absprache mit den Betroffenen. Denn die müssen letztendlich entscheiden, ob es ihre Position im Betrieb stärkt oder nicht. Und wenn es sinnvoll erscheint, wird die Öffentlichkeit über soziale Medien und Zeitungen informiert und damit Druck aufgebaut.
Notwendig wurde dies bereits in verschiedenen Fällen. Work-watch sammelt und veröffentlicht, welche Methoden von Unternehmen verwendet wurden und wie man sich erfolgreich dagegen wehren kann. Vor kurzem erst konnte der bekannte Un-Rechtsanwalt Schreiner aus einem Betrieb durch einen Warnstreik vertrieben werden. Ein Betriebsrat bei H&M, den das Unternehmen loswerden wollte, hat vor dem Bundesarbeitsgericht gewonnen und dabei viel Solidarität erfahren durch Unterschriftenaktionen und Demonstrationen. Eine Stärke von work-watch ist dabei seine Unabhängigkeit, da das Team nicht als Verhandlungspartner permanent an Betriebe gebunden ist. Deshalb wenden sich teilweise auch Gewerkschaften an die Initiative mit der Bitte um Unterstützung oder für kurze Interventionen.
Work-watch ist in Köln beheimatet, melden kann sich aber jede. Wenn möglich und sinnvoll, wird dann der Kontakt zu einer näheren Initiative hergestellt. Klar ist nach drei Jahren Existenz der Initiative aber auch, dass mehr Ansätze in diese Richtung wünschenswert wären, um die Lücke zu schließen. Denn die Logik: «Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle» muss zum Allgemeingut werden.

Kontakt: www.work-watch.de, Tel. (0221) 99757243.


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