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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Born to Sing

Van Morrison
von Paul B. Kleiser

Am 31.August feierte der aus dem nordirischen Belfast stammende Liedermacher, Sänger und Musiker George Ivan Morrison, seinen 70. Geburtstag – er war im vergangnen Juni in den Adelsstand erhoben worden. Die meisten deutschen Gazetten haben das Datum geflissentlich übersehen, und wenn sich die Feuilletonisten zu einem Artikel bequemten, dann war die Qualität meistens bescheiden. Die Süddeutsche Zeitung etwa würdigte seine musikalischen Leistungen mit keinem Wort und ging auch nicht inhaltlich auf sein sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckendes Schaffen ein. Vielmehr sprach sie vom «großen Gnatz», der «die schlechte Laune zur Kunstform erhebe» und «hart daran arbeitet, an einer Welt zu leiden, die ganz offenbar den Narren gehört» (31.8.2015). Es fragt sich nur, wer hier die Narren sind.

Der Ostteil von Belfast, wo Morrison in einfachen Verhältnissen aufwuchs, war lange fanatisch protestantisch, doch der aus Schottland stammende und auf einer Werft arbeitende Vater galt als Atheist; die Mutter aber sang in einem Gospelchor und gehörte eine Zeit lang den Zeugen Jehovas an. Schon diese Konstellation machte die Familie in Nordirland zu Außenseitern.
Einen Gutteil des gesparten Geldes gab der Vater für eine üppige Plattensammlung mit einem riesigen Repertoire aus US-amerikanischen Folk- und Bluessongs, sowie Arbeiter- und Protestliedern mehrheitlich schwarzer Provenienz aus. Vater und Sohn hörten die Lieder des schwarzen Folksängers Lead Belly (1885–1949), den Blues eines Jimmie Rodgers, die Balladen von Woody Guthrie und Hank Williams, die Sänger Sonny Terry und Brownie McGhee und bald auch die Platten von Muddy Waters, Howlin’ Wolf, B.B.King, John Lee Hooker usw. Die Spuren dieser Sänger und Liedermacher finden sich in all den gut 300 Stücken, die Van Morrison in den vergangenen über 50 Jahren geschrieben hat. Schon als Zwölfjähriger gründete er seine erste Band, die Sputniks, wechselte dann zu den Midnight Specials (benannt nach einem berühmten Lied von Lead Belly) und weiteren Gruppen, ehe er 1964 mit Them den internationalen Durchbruch erzielte.
Mit dieser Band veröffentlichte er eine Reihe von eigenen Songs, die zu Welterfolgen wurden und später auch von vielen anderen Sängern oder Gruppen eingespielt wurden, so «Don’t start crying now», «Gloria», «Here comes the night», «Mystic eyes» oder «Brown eyed girl»; auch mit dem ursprünglich von Bob Dylan geschriebenen Song «It’s all over now, Baby Blue» hatte die Band große Erfolge. Them hatten damals durchaus das Zeug, den Beatles oder Rolling Stones den Rang abzulaufen und auch kommerziell Erfolg zu haben.

Utopie der Erlösung
Doch Morrison wollte immer ein ernsthafter Arbeiter und Künstler und kein Popstar sein. Kommerz, musikalische Moden und oberflächliche «Hits» waren ihm verhasst; immer wieder legte er sich mit der Musikindustrie an, die seine Lieder «knalliger» (und eindimensionaler) herausbringen wollte. Er hatte nicht den Glamour der Beatles oder eines Eric Burden oder Mick Jagger, dafür war (und ist) er der viel größere Dichter, Musiker und vor allem Sänger, wohl der bedeutendste nach Elvis Presley (auf den das Liebeslied «Tupelo Honey» verweist, Presleys Geburtsort). Wenn ihn Geräusche oder das Licht störten, ließ er bei Konzerten mehrfach den Saal einfach verdunkeln, sodass man wirklich nur die Musik hören und nicht die Interpreten wahrnehmen konnte. Als 1967 seine erste eigene, am Blues orientierte, LP, T.B. Sheet, herauskam, in der das Titelstück von einer Frau handelt, die zuletzt an Tuberkulose stirbt, war gerade der Schlager «San Francisco» über die blumentragenden Hippies in aller Munde; es braucht kein langes Nachdenken, wer die Hitlisten (und Plattenläden) stürmte und wer nicht.
Nach dem Scheitern seines ersten Aufenthalts in den USA ging Morrison nach Belfast zurück und schrieb eine Reihe von Liedern über Kindheit und Erwachsenwerden, Liebe, Sex, Drogen und Tod. In nur zwei Tagen wurden die Stücke des Albums Astral Weeks zusammen mit Jazz-Musikern wie Jay Berliner oder John Payne in New York aufgenommen; das Album begründete zusammen mit der nächsten Platte, Moondance, den Weltruhm Morrisons und fehlt heute in keiner Aufstellung der besten 100 Platten des Rock ’n’ Roll. Elvis Costello bezeichnete es einmal sogar als «das mutigste Album der Rockmusik».
Neben Liebesliedern wie «Beside you» und «Sweet thing» enthält Astral Weeks vor allem «Cyprus Avenue», die Erinnerung an eine Straße der reichen Protestanten in Belfast, die nicht weit vom Wohnhaus der Morrisons entfernt lag, aber doch einer ganz anderen Welt angehörte. Außerdem «Madame George», ein Stück über eine «Drag Queen», in dem Erfahrungen der Initiation und der sexuellen Identitätsfindung angesprochen werden. Darin geht es um eine andere, unentfremdete Welt, um die Utopie der Erlösung aus irdischen Qualen.
Neben Dylans John Wesley Harding ist dieses Album vielleicht das inspirierteste Produkt der 1968-Bewegung, wiewohl auf sie kein direkter Bezug genommen wird. Beide Alben hat Morrison in den letzten Jahren wieder neu eingespielt; Astral Weeks live 2008 in der berühmten Hollywood Bowl. Die künstlerische Leistung ist heute wahrscheinlich deutlicher zu spüren als zur Entstehungszeit, doch die damalige emotionale Kraft etwa von Moondance, die sich aus der Zeit heraus ergab, wirkt heute viel weniger, weil die Jugendrevolte Geschichte ist. Eine geniale Zusammenfassung der ersten Phase von Morrisons Schaffen bildet das Live-Album It’s too late to stop now (1974), das auf Konzerte in London und Los Angeles zurückgeht. Das Thema Kapitalismus und Entfremdung durchzieht Morrisons gesamtes Werk bis hin zum Lied «If in money we trust» im letzten Studio-Album Born to sing: No plan B von 2012.

Geschichten
Text und Musik sind bei Morrison fast immer vieldeutig, weil er sich an der «Bewusstseinsstrom»-Literatur orientiert, wie sie die großen irischen Dichter und Schriftsteller William Butler Yeats (1865–1939) und James Joyce (1882–1941) in ihren Gedichten und Romanen entwickelt haben. Hier geht es darum, unterschiedliche Erfahrungsebenen wie Geschichten, die man selbst erlebte, aber auch zugetragene Stories und Erinnerungen mit kulturellen Produkten wie Auszügen aus Literatur und Zeitungen sowie nichtliterarische Zeugnisse miteinander zu verschmelzen. Der Bezug auf Irland und seine blutigen Konflikte taucht in Morrisons Texten immer wieder auf, denn Irland ist für ihn nicht nur Heimat, sondern wesentlich ein Land der Emigration, des Unbehaustseins, der Fremdheit, auch wenn viele Lieder Aspekte der reichhaltigen irischen Volksmusik und -kultur aufnehmen. (Zusammen mit der irischen Gruppe The Chieftains hat Van Morrison eine eigene «irische» LP herausgebracht: Irish Heartbeat; auch Down the road von 2002 hat diesen Hintergrund.)
Am deutlichsten wird dies in der LP Common one von 1980, die starke Einflüsse keltischer Musik zeigt (das wichtigste Instrument ist hier die Flöte) und Stücke von extremer Länge (über 15 Minuten) bringt. In «Too long in exile» (1983) spricht Morrison von den großen irischen Künstlern (Oscar Wilde, Joyce, Samuel Beckett), die die meiste Zeit im Ausland verbracht haben und im Exil gestorben sind. Sie konnten in Irland nie mehr wirklich heimisch werden. Der blutige Bürgerkrieg in Nordirland liegt als eine Art Folie unter dem Lied «Rough God goes riding», das zuerst auf der Platte The Healing Game (1997) erschien; in Morrisons neuestem Album Duets singt er es zusammen mit seiner Tochter Shana Morrison, die ebenfalls Sängerin und Liedermacherin geworden ist.
Häufig tauchen in Morrisons Liedern Hinweise auf den mittelalterlichen Sagenkreis um König Artus und seine Tafelrunde auf, der eigentlich aus der Bretagne stammt, aber auch auf die irische Kultur und ihre Metaphernsprache stark eingewirkt hat. Der mehrfach verwendete Begriff «Avalon», wohin sich König Artus nach einer starken Verwundung zurückzog, um wieder genesen zu können, verweist auch auf die diversen Brücken im Leben und in der Laufbahn von Morrison und seine mehrfachen Rückzüge aufs Land.
Im Vergleich zur klassischen Rockmusik (Gitarren, Bass, Schlagzeug) fällt die Instrumentierung bei Morrison deutlich anders aus: Bei ihm bekommen Saiteninstrumente und vor allem die Bläser ein viel größeres Gewicht. Neben Trompete und Flügelhorn hat das Saxophon (das er bisweilen auch selbst spielt) in vielen Stücken ein starkes Gewicht, wahrscheinlich weil dessen Klang der menschlichen Stimme am nächsten kommt. In einer Reihe von Aufnahmen arbeitete Morrison mit der großen holländischen Jazz-Saxophonistin Candy Dulfer zusammen. Außerdem hat er viele Einflüsse des Jazz (Mose Allison) in sein Werk integriert. In «Close enough for Jazz» (aus Born to sing) ist er explizit darauf eingegangen.
Die vom Feuilleton häufig kolportierte Behauptung, Morrison sei ein Eigenbrötler gewesen, wird allein schon durch die Anzahl hochkarätiger Interpreten in Frage gestellt, mit denen er zusammengearbeitet hat. Mit dem Jazzorganisten Georgie Fame hat er ein ganzes Album herausgegeben; mit der Schwester von Jerry Lee Lewis, Linda Gail, hat er Lieder von Lewis, Hank Williams, Otis Blackwell, John Lee Hooker usw. aufgenommen; mit Lonnie Donegan hat er in Belfast die «Skiffle Sessions» eingespielt. Auf seiner neuesten, sehr schönen CD Duets, singt er eine Reihe seiner Titel zusammen mit Michael Bublé, Bobby Womack, George Benson, Clare Teal, Gregory Porter, Natalie Cole, Mark Knopfler und Taj Mahal. Ein Geburtstagsgeschenk an ihn, das auch vielen anderen Freude bereiten wird.


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