Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2015 > 10 > Selbstorganisation-der-arbeiterklasse

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2015 |

Selbstorganisation der Arbeiterklasse

Trotzki vor 75 Jahren ermordet – was bleibt?
von Manuel Kellner

Am 20.August 1940 wurde Leo Trotzki von dem Agenten des sowjetischen Geheimdiensts, Ramón Mercader, im Auftrag Stalins in Mexiko erschlagen. Er war eine herausragende Persönlichkeit der Oktoberrevolution von 1917 in Russland und der Kommunistischen Internationale in ihren ersten Jahren, und später der prominenteste kommunistische Oppositionelle und Mitbegründer der 1938 gegründeten IV.Internationale.
Seine politische Biografie und seine Schriften gehören zur Bilanz des 20.Jahrhunderts, nicht aus dem Blickwinkel der Herrschenden, sondern aus der Sicht der besiegten Revolutionäre, die ihr Schicksal mit demjenigen der Ausgebeuteten und Unterdrückten auf Leben und Tod verknüpft hatten. Damit sind sie Bestandteil der Quellen, aus denen sich die Bewegung für den Sozialismus des 21.Jahrhunderts speist, unabhängig davon, wieweit sie sich dessen bewusst ist.
Wenn es irgendeinen roten Faden gibt, für den Trotzkis Beitrag symbolisch steht, dann ist es die Idee der demokratischen Selbstorganisation der Arbeiterklasse als Schlüssel zum Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft und zur sozialistischen Rätedemokratie, die den Weg für die Aufhebung der Klassenherrschaft und die Überwindung jeglicher Herrschaft von Menschen über Menschen frei macht.

Was bleibt
Die russische Revolution von 1905 brachte eine Rätebewegung hervor, aus der Trotzki als unmittelbar Beteiligter seine Schlüsse zog. Teils galten sie den Räten als der konkreten Form der Emanzipation der Arbeiterklasse in kapitalistischen Ländern, teils bezogen sie sich auf die Frage nach den Möglichkeiten einer Revolution in vergleichsweise zurückgebliebenen Ländern mit überwiegender Bauernbevölkerung. Im Anschluss an die Lehren, die Karl Marx aus der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 zog, aktualisierte er das Konzept der «permanente Revolution», nun bezogen auf die Verhältnisse in Russland. Es besagt, dass die klassischen Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution (insbesondere die Agrarreform, die Aufhebung nationaler Unterdrückung und die Durchsetzung demokratischer Verhältnisse) im imperialistischen Zeitalter nachhaltig nur gelöst werden können unter der politischen Führung der Arbeiterklasse, wenn diese also die politische Macht erobert.
Eine klassenlose sozialistische Gesellschaft hielt er jedoch nur im Weltmaßstab für möglich, wenn es also sozialistische Revolutionen auch in den entwickelten kapitalistischen Industrieländern gäbe.
Trotzkis theoretische und programmatische Beiträge zur sozialistischen Idee stehen zu einem großen Teil in der Kontinuität der ersten vier Kongresse der Kommunistischen Internationale von 1919 bis 1922. In Deutschland wurden vor allem seine Schriften über Deutschland rezipiert, in denen er für die Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus eintrat.
Seine Einschätzung des Faschismus als wesentlich kleinbürgerliche Massenbewegung, seine Ausführungen zum Abwehrkampf dagegen und zu dessen Verbindung mit einer Strategie der sozialistischen Machteroberung durch die Arbeiterklasse knüpften unmittelbar an die Diskussionen über die Einheitsfront auf dem vierten Kongress der Kommunistischen Internationale 1922 an; ebenso seine Beiträge zur Bedeutung der Teil- und Übergangsforderungen, die sich gegen die Trennung von Minimal- und Maximalprogramm richtete (d.h. die Beschränkung auf integrierbare Sofortforderungen kombiniert mit Sonntagsreden über die sozialistische Zukunft).
Der originäre Beitrag Trotzkis zum Marxismus besteht in seiner Kritik der Bürokratie, die aus der Arbeiterbewegung hervorgeht und die in der Verschmelzung von Staats- und Parteiapparat der nachkapitalistischen Sowjetunion (und später vergleichbarer Länder) ihren extremen Ausdruck gefunden hat. Eine Reihe von marxistischen Theoretikerinnen und Theoretikern – angefangen mit Rosa Luxemburg und auch Lenin kurz vor seinem Tod – hatten begonnen, über die bürokratischen Deformationen und ihre Konsequenzen nachzudenken.
Die Bürokratisierung der Arbeiterbewegung führt zur Anpassung an die herrschenden Verhältnisse in den kapitalistischen Ländern. Wo Staatsapparate «im Namen der Arbeiterklasse» die Macht ausüben, treten sie die ursprünglichen emanzipatorischen Ziele mit Füßen. Trotzki benennt die Risiken der Macht ohne die Notwendigkeit der Eroberung der Macht in Frage zu stellen. Die Eigenaktivität der Arbeiterklasse und der unterdrückten Bevölkerung im allgemeinen waren für ihn der Schlüssel zur Überwindung der Stellvertreterpolitik.

Keine «Ismen»
Die Gruppen, die sich selbst als «trotzkistisch» bezeichnen, machen aus Trotzki gern einen Säulenheiligen, statt ihn in seinen historischen Kontext zu stellen. Trotzki selbst gehörte – zusammen mit Lenin und dem Führungskern der Bolschewiki – zu denen, die 1921 bis 1923 (im Gegensatz zu seinen früheren und späteren Auffassungen) die «Herrschaft der Arbeiterklasse» mit der «Herrschaft der Partei der Arbeiterklasse» (und ihrer Führung) identifizierten. Diese zu einem großen Teil der Not geschuldete «Stellvertreterideologie» gehörte zu den Wegbereitern des Stalinismus, dessen wichtigster Bekämpfer und herausragendes Opfer Trotzki später wurde.
Trotzki wurde von der offiziellen kommunistischen Bewegung unter Stalin und seinen Nachfolgern verleumdet und verfemt, seine Anhänger wurden verfolgt, viele von ihnen ermordet. Noch heute wirkt das im linken «Mainstream» nach, wenn «Trotzkismus» etwas «Anrüchiges» hat. Doch sich heute noch als Opfer dieser Verfemung und Verfolgung zu gerieren, ist sinnlos. Neue Generationen, die sich im emanzipatorischen Sinne politisieren, werden sich kaum an den in den 20er und 30er Jahre des 20.Jahrhunderts in Russland ausgefochtenen Schlachten orientieren und sortieren. Es ist unangemessen, heute Trotzkis Schriften unter dem Gesichtspunkt der Gültigkeit einer «Doktrin» zu lesen.

Zeitzeuge
Gleichwohl können seine Schriften noch heute mit Gewinn gelesen werden, gerade auch sein Buch Verratene Revolution aus der Mitte der 30er Jahre, dessen analytisches Niveau später nie mehr erreicht wurde. Die politische Schlussfolgerung, eine nachkapitalistische Gesellschaft gegen imperialistische Aggression und Bestrebungen zur Restauration des Kapitalismus zu verteidigen, ohne auf den Kampf zum Sturz der stalinistischen Bürokratie zu verzichten, bleibt ein Muster für revolutionäre Positionierungen bis heute.
Trotzkis Geschichte der russischen Revolution ist sein bestes Werk und müsste von Rechts wegen Pflichtlektüre an den Schulen aller Länder werden. Es ist eine lebendige Schilderung eines persönlich führend Beteiligten, der gleichwohl nicht nur formal von sich selbst in der dritten Person schreibt, sondern sich auch auf die ihm zugänglichen Quellen stützt; der seine Parteilichkeit nicht verleugnet und trotzdem ein Bild der geschilderten Geschehnisse zeichnet, dessen Eindringlichkeit sich keine unvoreingenommene Leserin und kein interessierter Leser entziehen kann.
Hier wird, anhand einer Periode, die die Welt bewegte und die die spätere Geschichte prägte, die Wechselwirkung zwischen Selbstorganisation der Arbeiterklasse, revolutionärer Partei, der Bewegung der unterdrückten Masse der Bevölkerung und der internationalen Konfliktlage deutlich – gesättigt mit der Last der späteren Erfahrungen und mit der Hoffnung auf eine immer noch denkbare Alternative zum Kapitalismus.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.