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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2015 |

‘Don’t mourn… Organize!’

Vor 100 Jahren wurde der Gewerkschaftsaktivist Joe Hill in den USA hingerichtet
von Rod Owens*

Joe Hill war ein Organizer, Liedermacher und Karikaturist der Industrial Workers of the World (IWW), die als „Wobblies“ bezeichnet wurden. Des 100.Jahrestags seines Todes wurde im November weltweit gedacht.

Hill lebt vor allem in den Liedern der Arbeiterbewegung weiter, die auch heute noch von bekannten Künstlern wie Bob Dylan, Joan Baez und Bruce Springsteen aufgeführt werden. Man könnte meinen, dass er heute berühmter ist als zu Lebzeiten.
Als Joel Emmanuel Hägglund im schwedischen Gävle am 7.Oktober 1879 geboren, wanderte er 1902 zusammen mit seinem Bruder Paul in die USA aus. In San Pedro (Kalifornien) trat er 1910 den IWW bei und war mehrere Jahre der Sekretär der dortigen Ortsgruppe.
Als Arbeitsimmigrant war Hill oft mit Diskriminierung und Erwerbslosigkeit konfrontiert. Er änderte daher seinen Namen in Joe Hillstrom, was bald zu Joe Hill gekürzt wurde. Er nahm rasch eine führende Rolle in seiner Gruppe ein, nicht nur als Organizer, sondern auch als Liedermacher und Karikaturist.
Die IWW waren eine radikale Gewerkschaft, in deren Little Red Song Book Hills Lieder erschienen, die die Erfahrungen der Arbeiter zum Ausdruck brachten. In dieser Zeit schrieb Hill seine bekanntesten Lieder wie “The Preacher and the Slave” und “Casey Jones, a Union Scab”.
Pete Seeger nannte die IWW die „sangesfreudigste Gewerkschaft, die Amerika je hatte“. Ein großer Teil ihrer Tätigkeit wurde durch ihre Lieder inspiriert, und auf dem Einband des „Kleinen roten Liederbuchs“ der IWW prangte das Motto: “To Fan the Flames of Discontent” (Die Flamme der Unzufriedenheit schüren). Die Wobblies sangen ihre Lieder in Versammlungen, auf Streikposten, bei Protestmärschen, im Gefängnis und überall, wo Arbeiter gegen Ungerechtigkeit kämpften. In Hills “The Preacher and the Slave” wurde der Ausdruck “pie in the sky” geprägt:
Work and pray, live on hay.
You’ll get pie in the sky
When you die.
Hill selbst war das Thema eines Gedichts von Alfred Hayes, “I dreamed I saw Joe Hill last night”, das 1936 von dem Kommunisten Earl Robinson vertont wurde. In dem Lied, das zuerst durch den linken schwarzen Sänger Paul Robeson berühmt und später auch von Pete Seeger und der irischen Folkgruppe The Dubliners interpretiert wurde, erscheint Hill dem Sänger in der Nacht:
“The copper bosses killed you, Joe,
They shot you, Joe,” says I.
“Takes more than guns to kill a man,”
Says Joe, “I didn’t die,”
Says Joe, “I didn’t die.”
Berühmt wurde Joan Baez’ Interpretation in Woodstock 1969, und in jüngerer Zeit sangen Bruce Springsteen und Tom Morello von Rage Against the Machine das Lied.

Es ist unmöglich Hill und sein Erbe vom Erbe der IWW zu trennen. Im Jahr 1905 gründeten Big Bill Haywood von der Western Federation of Miners und andere unzufriedene Gewerkschafter die IWW.
Die Wobblies sahen die Notwendigkeit einer radikaleren und bei Arbeitskämpfen militanteren Gruppe, die alle Werktätigen in „einer großen Gewerkschaft“ vereinigen sollte. Ihr Ziel war nicht nur die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, sondern auch die Lösung der Frage, wer in der Welt das Sagen hat – die Arbeiter oder die Bosse. Es gibt keine definitive Antwort auf die Frage, warum die Mitglieder der IWW Wobblies genannt wurden, aber es war wohl ursprünglich ein abwertender Begriff, den die Unternehmer in Anspielung auf die augenscheinliche Vorliebe der Arbeiterklasse für starke Getränke geprägt hatten.
Hill war 1911 in Tijuana (Mexiko) Teil einer Gruppe von mehreren hundert Wanderarbeitern und Revolutionären, die die mexikanische Diktatur von Porfirio Díaz stürzen wollten. Der Aufstand dauerte sechs Monate, bevor sie von mexikanischen Truppen über die Grenze zurückgetrieben wurden. 1912 war Hill in einer “Free Speech”-Koalition aus Wobblies und Sozialisten in San Diego aktiv, die gegen das polizeiliche Verbot von Straßenversammlungen im Stadtzentrum protestierte. Er unterstützte auch einen Streik von Bahnstreckenarbeitern in British Columbia und schrieb mehrere Songs, bevor er nach San Pedro zurückkehrte, wo er dem Streik italienischer Hafenarbeiter musikalischen Beistand leistete.
Als Wanderarbeiter reiste Joe im gesamten Westen der USA umher und hatte wechselnde Jobs. Ende 1913 arbeitete er in der Silver King Mine in Park City (Utah) nahe Salt Lake City. Dort klopfte er am 10.Januar 1914 um 23.30 Uhr an die Tür eines Arztes wegen einer Schusswunde, die ihm, so Hill, ein wütender Ehemann beigefügt hatte, der ihn beschuldigt hatte, seine Frau beleidigt zu haben. Am selben Abend waren zuvor ein Lebensmittelhändler und sein Sohn getötet worden. Einer der Angreifer hatte eine Schusswunde in der Brust davongetragen. Hills Verwundung brachte ihn mit diesem Vorfall in Verbindung.
Die unsichere Aussage zweier Augenzeugen und die fehlende Bestätigung von Hills Alibi überzeugten eine lokale Jury von Joes Schuld, obwohl ihn kein Zeuge eindeutig identifizieren konnte. Die Mordwaffe wurde nie gefunden.
Die Kampagne zur Entlastung Hills begann zwei Monate vor dem Prozess und setzte sich über den Tag seiner Hinrichtung hinaus fort. Zu Hills Unterstützern gehörte die in den Kreisen der „besseren Gesellschaft“ prominente Tochter eines früheren Vorstehers der Mormonenkirche, die bekannte taubblinde Autorin Helen Keller (die ebenfalls Mitglied der IWW war), aber auch Aktivisten der Arbeiterbewegung und sogar der amtierende US-Präsident Woodrow Wilson.
Doch nicht einmal der Aufruf des Präsidenten reichten dem Obersten Gerichtshof von Utah, der sich weigerte, das Urteil aufzuheben, oder der Begnadigungsstelle des Bundesstaats, die sich weigerte, die Todesstrafe umzuwandeln. Letztere war bereit, in geschlossener Sitzung die Aussage des Mannes zu hören, der auf Hill wegen seiner Frau geschossen hatte. Doch Hill weigerte sich, die Identität seines Angreifers preiszugeben, da dies dem Ansehen von dessen Frau hätte schaden können.
Am 19.November 1915 wurde Hill erschossen. Nun wurde er noch berühmter, als er zu Lebzeiten schon war. Vor seiner Hinrichtung schrieb er an den IWW-Führer Bill Haywood: „Lebewohl, Bill. Ich sterbe wie ein wahrer Rebell. Verschwendet keine Zeit mit Trauer, organisiert euch! Es sind hundert Meilen von hier bis Wyoming. Kannst du es einrichten, dass mein Leichnam zur Beerdigung über die Staatsgrenze geschafft wird? Ich möchte nicht in Utah begraben werden.“
Er starb tatsächlich wie ein Rebell. Ein Mitglied des Erschießungskommandos behauptete später, das Kommando zum Feuern sei von Hill selber gekommen.
Nach einer kurzen Aufbahrung in Salt Lake City wurde sein Leichnam nach Chicago geschickt, wo Tausende Trauernde zum ersten Mal Hills Song “Rebel Girl” hörten. Nach der Trauerfeier folgten sie seinem Sarg zum Graceland Cemetery, wo der Leichnam verbrannt wurde. Die Asche wurde an IWW-Mitglieder in jeden Bundesstaat (außer Utah) geschickt – und an Unterstützer in jedem bewohnten Kontinent des Planeten.
Laut Hills IWW-Genossen Ralph Chaplin (dem Verfasser von “Solidarity Forever”) wurden alle Umschläge am 1.Mai 1916 geöffnet und ihr Inhalt in den Wind gestreut. Dies entsprach Hills letztem Willen, wie er in einem kurz vor der Hinrichtung verfassten Gedicht geäußert hatte:
My Will is easy to decide
For there is nothing to divide.
My kin don’t need to fuss and moan
“Moss does not cling to rolling stone.”
My body? – Oh! – If I could choose
I would to ashes it reduce
And let the merry breezes blow
My dust to where some flowers grow.
Perhaps some fading flower then
Would come to life and bloom again.
This is my Last and Final Will –
Good Luck to All of you, Joe Hill.
Im Jahr 1988 wurde entdeckt, dass 1917 einer der Umschläge vom US Post Office Department wegen seines „subversiven Potenzials“ beschlagnahmt worden war. Der Umschlag – darin ein Foto mit der Aufschrift „Joe Hill, ermordet von der Kapitalistenklasse, 19.November 1915“ – wird heute mit seinem Inhalt im Washingtoner Nationalarchiv aufbewahrt.

* Aus: Green Left Weekly (Sydney), Nr.1077, November 2015 (https://www.greenleft.org.au/node/60677).


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