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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Eure Kriege, unsere Toten

Eure Kriege, unsere Toten
von Julien Salingue*

Es sind die Unseren, die in der letzten Nacht gestorben sind.
Auf der Terrasse eines Restaurants, in einer Bar, auf der Straße, in einem Konzertsaal.
Gestorben, weil Mörder beschlossen haben, inmitten von Paris zuzuschlagen und in die Menge zu schießen, um soviele Opfer wie möglich zu machen.
11.30 Uhr. Sarkozy erklärt gerade: «Wir sind im Krieg.»

Dieses eine Mal bin ich mit ihm einverstanden. Sie sind im Krieg. Ihr seid im Krieg, die Sarkozy, Hollande, Valls, Cameron, Netanyahu, Obama. Ihr und eure politischen Verbündeten und eure Freunde aus den Konzernetagen.
Und ihr habt uns da reingezogen, ohne uns zu fragen. Afghanistan, Irak, Libyen, Mali, Syrien… Wir waren nicht immer viele, die dagegen protestiert haben. Wir haben nicht ausreichend vermocht, davon zu überzeugen, dass diese Militärexpeditionen nur immer mehr Instabilität, Gewalt und Tragödien bringen konnten.
Da unten und hier.
Denn der Krieg hat nicht gestern abend begonnen. Auch nicht im Januar mit dem Blutbad bei Charlie Hebdo und im Hyper Cacher. Er hat weit früher begonnen.
Mit wem ist Frankreich im Krieg? Je nachdem ist es mal der «internationale Terrorismus», mal der «Jihadismus», mal die «fundamentalistische Barbarei»… Ich will hier nicht darauf eingehen, wie ungenau diese Begriffe sind, wie missbräuchlich die Verallgemeinerungen, die sie nahelegen und wie widersprüchlich die dahinter liegende Realität ist: die wechselnden Bündnisse, die Unterstützung für Regime, deren Politik «jihadistische» Strömungen ermutigen, die Beteiligung an Militärinterventionen, die solche Strömungen stark machen… Es soll nur betont werden, dass Frankreich sich seit dem 11.September in das Fahrwasser der US-Politik von George W. Bush begeben hat (Krieg in Afghanistan, «Antiterrorgesetze») und sich die Rhetorik und die Politik des «Kampfes der Kulturen» zu eigen gemacht hat.
Seit fast 14 Jahren ist Frankreich im Krieg, ohne es zuzugeben.

12 Uhr. Der Daesh bekennt sich zu den Anschlägen. Natürlich. Auch sie sind im Krieg.
Laut AFP hat einer der Angreifer gerufen: «Es ist die Schuld von Hollande, eurem Präsidenten, er hat in Syrien nicht einzugreifen.»
Man kann die Augen verschließen und sich die Ohren zuhalten. Und sich von der entpolitisierenden Rhetorik des «blinden Terrors», der zwangsläufig unerklärlich bleibt, benebeln lassen.
Doch die Mörder von Paris sind keine armen Irren oder von ich-weiß-nicht-welchen Geheimdiensten manipuliert. Sie führen eine Rede (siehe ihre Interviews und Videos, in denen sie von Syrien, dem Irak, den Kränkungen der Muslime in Frankreich und in der Welt sprechen); sie haben ein theoretisches Fundament und organisatorische Strukturen (der Islamische Staat, al-Qaeda auf der Arabischen Halbinsel).
Daesh macht Politik. Es sind Mörder, aber sie machen Politik.
Blind? Ja und nein.
Ja, weil sie auf Leute losgegangen sind, die mit diesem Krieg direkt nichts zu tun haben, deren einziges Verbrechen war, da zu sein.
Nein, weil jemand, der auf diese Weise zuschlägt, damit eine Botschaft verbindet: «Euer Land ist im Krieg mit uns, und solange dieser Krieg andauert, wird keiner von euch in Sicherheit sein.»

Wir leben in einer Welt im Krieg. Russland, Frankreich und die USA bombardieren Syrien. Saudi-Arabien bombardiert den Jemen. Die französischen «Operationen» in Mali werden fortgesetzt. Obama hat angekündigt, dass seine Truppen sich nicht aus Afghanistan zurückziehen werden.
Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen gab es noch nie so viele Flüchtlinge und Vertriebene wie heute, und es gibt keinen Grund, warum das besser werden sollte.
Die Bilanz beträgt zur Stunde 128 Tote. Am 13.November, 128 Tote.
Das ist fast soviel wie der Tagesdurchschnitt an Toten in Syrien seit März 2011.
250.000 Tote seit März 2011, das macht fast 4500 Tote im Monat, fast 150 pro Tag.
Für den, der uns wieder erklären wird, dass er nicht versteht, warum die Syrer nach Europa flüchten: Seit viereinhalb Jahren gibt es jeden Tag einen 13.November in Syrien. Und es ist euer neuer Verbündeter Assad, der dafür die Hauptverantwortung trägt, weil er eine anfangs friedliche Erhebung brutal unterdrückt hat.

Wir leben in einer Welt im Krieg. Und das verschafft einigen die Möglichkeit, Geschäfte zu machen. Frankreich freut sich, dass es seine Kriegsmaschinen an Ägypten verkauft. Dass es seine Kriegsmaschinen an Saudi-Arabien verkauft. Dass es seine Kriegsmaschinen an die Vereinigten Emirate verkauft.
Aber Frankreich wundert sich, empört sich, wehrt sich dagegen, dass es Zielscheibe ist.
Heuchelei. Feigheit. Lüge.
Die Hunde sind losgelassen. Ihre Lefzen schäumen.
Im Januar schrieb ich: Jedwede kriegerische, stigmatisierende oder für die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse in Frankreich blinde Antwort ist nicht nur zum Scheitern verurteilt, sie ist ein Schritt näher zum Blutbad von morgen.
Morgen, das war gestern abend.

Wenn sie sagen, Frankreich ist im Krieg, wollen sie sagen «Wir sind im Krieg». In das «Wir» wollen sie uns einbeziehen.
Nein. 14 Jahre eures Krieges haben der Welt nur mehr Gewalt, Tragödien und neue Kriege gebracht.
Wäre der Irak nicht dem Erdboden gleichgemacht worden, gäbe es Daesh nicht.
Paul Valéry sagte einmal: «Der Krieg ist ein Massaker an Leuten, die sich nicht kennen, zugunsten von Leuten, die sich kennen, aber sich nicht massakrieren.»
Es sind immer dieselben, die eins auf den Deckel kriegen.
Wenn man will, dass das alles aufhört, wird man alles dafür tun müssen, damit die Flucht nach vorn in die allgemeine Barbarei ein Ende findet.
Es ist nicht zu spät. Wir können den Hebel noch umlegen. Radikal.
Die Haltung verweigern: «Mit uns oder mit den Terroristen.»
Sich querstellen gegen den Aufruf zur Einheit mit den Henkern und Kriegstreibern, die die Welt jeden Tag der Barbarei etwas näher bringen.
Ihre Welt ablehnen, die auf Ausbeutung, Diebstahl, Gewalt, Unrecht, Ungleichheit und Konkurrenz zwischen denen beruht, die sich zusammentun müssten.
Für eine andere Welt kämpfen.
Kurs halten, dem Entsetzen und der Gefühlsüberwältigung nicht nachgeben. Dem «Unwiderstehlichen widerstehen». Sonst gehen wir alle drauf.

Nein, ihr Sarkozy und Hollande. «Wir» sind nicht im Krieg. Das ist nicht mein Krieg, das ist nicht unser Krieg. Das ist euer Krieg.
Und einmal mehr sind es unsere Toten. Wie in Madrid 2004. In London 2005. In Ägypten vor zwei Wochen, in Beirut in dieser Woche. Überall dort, wo ihr Terror sät.
Eure Kriege, unsere Toten.
Eure Kriege – nicht mehr.

14.November 2015

* Der Autor ist Mitglied der NPA (www.npa2009.org/idees/international/vos-guerres-nos-morts).


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