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Lufthansa im Umbruch

non stop profit
von Karsten Spar

Das Ansinnen der Lufthansa, die Altersrenten drastisch zu kürzen, bringt alle Beschäftigtengruppen auf die Barrikaden. Und die Rente ist nicht der einzige Grund.
Die Lufthansa-Belegschaft erarbeitete im Geschäftsjahr 2014 einen operativen Gewinn von rund einer Milliarde Euro, Belastungen durch Streiks sind dabei bereits berücksichtigt und Einmaleffekte normalisiert. Für 2015 wird sogar ein deutlich höheres Ergebnis erwartet. Viel Dankbarkeit zeigt der Vorstand seinen Beschäftigten allerdings nicht. Personalabbau, Arbeitsverdichtung und Outsourcing, wie zuletzt durch den Verkauf des Bereichs «IT-Infrastruktur» der Lufthansa Systems AG an IBM, sind an der Tagesordnung.
Auch Tarifflucht und Ausflaggung gehören zu den Mitteln der Fluggesellschaft, so ist z.B. der österreichische Teil von Eurowings nicht an den Konzerntarifvertrag gebunden. Der Betriebsrat von Austrian Airlines und Mitglied der österreichischen Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft (Vida), Johannes Schwarcz, warnt: «Es ist stark zu befürchten, dass der Lufthansakonzern beabsichtigt, mit Hilfe der dann in Wien angesiedelten Eurowings-Zentrale – derzeit eine ‹Briefkastenfirma› – nicht nur im eigenen Konzern, sondern auch im gesamten europäischen Airline-Markt das Lohnniveau nach unten zu drücken.»
Angesichts der vom Aufsichtsrat beschlossenen Reorganisation der Lufthansa-Gruppe darf auch das Bodenpersonal weitere Verschlechterungen vermuten. So ist in der Beschreibung des ab Januar nächsten Jahres neuen Vorstandsressorts «Eurowings & Aviation Services» nicht nur vom Airlinegeschäft, sondern auch von der Entwicklung von Servicegesellschaften die Rede, was jedenfalls den Gedanken an «Eurowings-Cargo» oder «Eurowings-Catering» nahe legt.
Man könnte meinen, all das reicht, um die Belegschaft auf die Straße zu bringen. Doch die Lufthansa landete noch einen weiteren Coup, sie kündigte im September 2013 den Tarifvertrag zur betrieblichen Altersversorgung und hat sich damit die jetzigen Konflikte eingebrockt. Nach der Pilotengewerkschaft Cockpit (VC), die sich bis zum Verbot ihres Streiks durch das Hessische Landesarbeitsgericht, das die VC nun erfreulicherweise anficht, im Arbeitskampf um das Thema Betriebsrente befand, folgte nun auch die Gewerkschaft der Flugbegleiter UFO, und bald kommt sicherlich auch Ver.di dazu. Sie vertritt die etwa 33.000 Bodenbeschäftigten im Lufthansakonzern.
Bereits 2013 betonte Christine Behle, Ver.di-Bundesvorstandsmitglied, «dass Ver.di nach der Kündigung des Tarifvertrags Betriebsrente voll handlungsfähig ist». Auch in einem aktuellen Flugblatt kündigt Ver.di an, über andere Maßnahmen beraten zu müssen, sollten die Verhandlungen am 27.November kein Ergebnis erzielen.

Alte und Junge
Nach dem Lufthansa-Modell einer neuen Betriebsrente würde die finanzielle Absicherung im Alter davon abhängen, wie sich der Kapitalmarkt entwickelt, garantiert werden soll lediglich der eingezahlte Betrag. Für einen Beispielbeschäftigten – 35 Jahre, ein Jahreseinkommen von 30000 Euro sowie eine angenommene durchschnittliche Gehhaltssteigerung von 2,75% pro Jahr – bedeutet das im Vergleich zum jetzigen System 120 Euro statt 610 Euro garantierter Betriebsrente. Selbst bei einer angenommenen durchschnittlichen Verzinsung von 3,5%, für die es nicht die geringste Garantie gibt, würde die monatliche Betriebsrente bei nur etwa 30% des jetzigen Leistungsniveaus liegen. Ein höheres Niveau soll nur durch Eigenbeiträge möglich sein, was vor allem untere Lohngruppen belastet.
Ver.di fordert eine sichere und gerechte Betriebsrente auf altem Leistungsniveau für alle, egal ob Stammbelegschaft oder zukünftige Beschäftigte. Von diesem richtigen und wichtigen Standpunkt darf Ver.di nicht abrücken. Die Lufthansa versucht mit allen Mitteln, einzelne Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen und deren Handeln zu skandalisieren.
Das Intranet oder die Mitarbeiterzeitung Lufthanseat sind voll mit Erklärungen, warum es dem Arbeitgeber schlecht geht, warum streikende Kollegen schlecht sind, oder auch warum die neuen Altersversorgungspläne, die das gesamte Zinsrisiko auf die Beschäftigten verlagern, eine Chance sein sollen.
Der Belegschaft werden casinoähnliche Modelle als sicher verkauft und Eigenanteile als eine für niedrige Lohngruppen verkraftbare Belastung. Und als das Handelsblatt über «üppige Altersversorgung» schrieb oder meinte, «arm ist allenfalls die Lufthansa», war auf der Intranet-Startseite auch für den Artikel «Himmlische Rente» noch Platz. Die Beschäftigten müssen sich jetzt gemeinsam und solidarisch gegen die Altersarmutspläne von Spohr und Konsorten wehren.
Ganz normalen kapitalistischen Wahnsinn bekommt man bei der Lufthansa allerdings nicht erst zum Renteneintritt mit, gerade jungen Kolleginnen und Kollegen werden aus Profitgier Steine in den Weg geschüttet. Zum Beispiel werden bei Lufthansa-Technik die Auszubildenden nach erfolgreicher Prüfung trotz Bedarf nicht übernommen, sondern in die eigens dafür geschaffene Leiharbeitsfirma AviationPower abgeschoben, wo sie dann ohne Planungssicherheit und weit unter den Bedingungen der Tarifverträge am gleichen Arbeitsplatz weiterarbeiten. Das zu ändern und alle Azubis fest zu übernehmen ist auch eine Forderung von Ver.di in der aktuellen Tarifrunde.
Fast noch schlimmer trifft es die Nachwuchsflugzeugführer (NFF): Nach dem Absolvieren der härtesten Auswahlverfahren und teilweise einer mehr als dreijährigen Schulung, während der sie kein Gehalt beziehen, haben sie mehrere zehntausend Euro Schulden akkumuliert und werden, ohne eine auf dem freien Markt nutzbare Fluglizenz, von Lufthansa vor die Wahl gestellt, entweder zu schlechten Konditionen bei Eurowings zu arbeiten oder ganz zu gehen.
Doch sowohl die Azubis bei der Lufthansa Technik, als auch die Nachwuchspiloten sind ein Lichtblick. Basisnah und selbstorganisiert ist eine Betriebsgruppe der Ver.di-Jugend bei der Lufthansa in Hamburg entstanden; bei der Verkehrsfliegerschule in Bremen wurde ein demokratisch gewählter NFF-Rat geschaffen.
Basisnahe, kämpferische Strukturen in den Betrieben und in gewerkschaftlichen Gremien wie Vertrauenskörper oder Tarifkommissionen sowie einen Bruch mit Co-Managern in Betriebsräten oder Gewerkschaften – das braucht es, um unternehmerischen Entscheidungen die Macht der Lohnabhängigen entgegenzustellen.


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