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Retter der Welt?

Eine Streitschrift gegen den Betrug mit der «Nachhaltigkeit»
von Gerhard Klas

Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. München: Blessing, 2015. 448 S., 18,99 Euro

Die meisten Konzerne, westlichen Regierungen und internationalen Institutionen sind heute weit davon entfernt, Umweltprobleme – etwa den Klimawandel – zu leugnen. Bis vor wenigen Jahren war das noch sehr verbreitet. Heute schreiben sie sich «Nachhaltigkeit» auf die Fahnen und behaupten, Teil der Lösung und nicht des Problems zu sein. In ihrem neuen Buch überprüft die engagierte Journalistin Kathrin Hartmann die Proganda der Eliten auf ihren Wahrheitsgehalt.
Erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen: Sind sie die Retter der Welt? Nicht zufällig eröffnet Kathrin Hartmann ihr Buch mit einer Reportage über den deutschen Nachhaltigkeitstag in Düsseldorf. Seit 2008 feiern sich dort jährlich Konzerne, Wirtschaftsverbände, Forschungseinrichtungen, der Rat für nachhaltige Entwicklung und die Bundesregierung für ihr ökologisches Engagement. Sie vergeben Nachhaltigkeitspreise an Unternehmen, die, so heißt es, «vorbildlich wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden».
Zu den Preisträgern gehören die Chemieriesen Bayer und BASF, Volkswagen (!), Siemens, Bosch und General Electric – ein Konzern mit Hauptsitz in den USA, der bis heute an seinem Atomprogramm festhält.
Eine Steilvorlage für Kathrin Hartmann, die schon seit vielen Jahren zum Ettikettenschwindel rund um den Begriff der Nachhaltigkeit recherchiert. Die Autorin hat viele Zahlen und Fakten parat, die das Gerede um die gern zitierte deutsche Nachhaltigkeit ad absurdum führen. Zum Beispiel hat die Wirtschaft hierzulande innerhalb von acht Jahren den Transport von Waren mit dem Flugzeug – dem mit Abstand klimaschädlichsten Fortbewegungsmittel – um 50% gesteigert. Einen bedeutenden Anteil daran dürfte auch Unilever haben, einer der weltweit größten Hersteller von Verbrauchsgütern. Den Nachhaltigkeitspreis hat der Konzern bereits zweimal erhalten, obwohl er als größter Einzelverbraucher des umstrittenen Palmöls gilt.
Kathrin Hartmann ist nach Indonesien gefahren, woher ein großer Teil des weltweit produzierten Palmöls kommt, auch das von Unilever. Es sind riesige Plantagen, Monokulturen, die bis zum Horizont reichen, ganze Dörfer verdrängen und unzähligen Kleinbauern die Existenz geraubt haben. Hartmann hat mit vielen der Opfer gesprochen. Ihre Erfahrungsberichte stellt sie den Nachhaltigkeitspostulaten aus den klimatisierten Chefetagen des Konzerns und Unbedenklichkeitsbescheinigungen aus Expertengutachten entgegen. Viel bleibt dabei von letzteren nicht übrig, sie erweisen sich als hohle Phrasen und Gefälligkeitsgutachten, die vor allem die Interessen der Industrie bedienen.
Besonders lesenswert ist die zweite Hälfte des Buches, die sich mit dem Zusammenhang von Agrarwirtschaft, Gentechnik und Klimawandel beschäftigt. Wichtige Themen, denn fast die Hälfte der Menschheit bestreitet ihre Existenz aus dem primären Sektor.
Die Grüne Gentechnik – also die, die in der Landwirtschaft Anwendung findet – wird besonders von der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung als probate Antwort auf die Herausforderungen der Klimaerwärmung gepriesen. Dabei, so Hartmann, geht die heute weltweit einflussreichste Stiftung wie auch andere Apologeten von einer falschen Prämisse aus: Es muss nicht mehr Nahrung produziert, sie muss vor allem besser verteilt werden. Immerhin wird heute ein Drittel aller Nahrungsmittel weggeworfen. Hinzu kommt der industriemäßige Pflanzenanbau für die Energiegewinnung und für Tierfutter, der mit den Nahrungsmitteln um Anbaufläche konkurriert.
Kathrin Hartmann entlarvt die Motive hinter der Politik der Gates-Stiftung: Die auch bei einigen Nichtregierungsorganisationen beliebte Stiftung wolle das heutige Wirtschafts- und Konsummodell der Industrieländer weiter aufrechterhalten. Eine Voraussetzung dafür ist das fortwährende Wachstum des Bruttosozialprodukts. Dafür müssen neue Märkte her. Ein Fazit aus dem Hartmann-Buch: Die zahlenmäßig bedeutende gesellschaftliche Gruppe der Kleinbauern und ihre Ressourcen sollen für die Produkte der westlichen Agrarindustrie und die der Finanzkonzerne erschlossen werden – am besten unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit.
Für die Autorin ist das eine Sackgasse. Sie hat eine hervorragend recherchierte Streitschrift verfasst, die alle herausfordern muss, die noch an einen grünen Kapitalismus glauben. Vielleicht stören sich einige Leserinnen und Leser an der manchmal scharfen Polemik. Aber die Polemik hat eine angenehme Wirkung: So lassen sich die von der Autorin zutage geförderte Ignoranz und der menschenverachtende Zynismus leichter ertragen.


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