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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Spitzensport – ein Wintermärchen

Fußball: Lichtgestalten, Big Business und Korruption
von Manuel Kellner

Wir könnten auch über die Dopingskandale bei den Radprofis oder den Leichtathleten reden, oder vielleicht über die Autobiografie von André Agassi, der die verhunzte Kindheit, die jahrzehntelangen Schmerzen und den körperlichen Ruin beschrieben hat, die unweigerlich mit der Selbstbehauptung unter den besten Tennisspielern verbunden sind. Die Projektionsflächen des Publikums, das seine Fluchtwelten braucht, um das eigene Leben als lebenswert zu empfinden, sind Gegenstand bedeutender Investitionen und machtpolitischer Kalküle – das geht auf die Knochen dieser Aktiven wie auch der vielen Millionen Passiven, die sich auf ihren Sofas oder in ihren Sky-Kneipen bei Bier und Kartoffelchips nicht wirklich (sondern höchstens in der Einbildung) spielerisch und gesundheitsfördernd entfalten.
Doch bestimmte Events gerade im Spitzenfußball, wie insbesondere die WM alle vier Jahre, sind bei uns und in vielen Ländern weltweit in ganz besonderem Maße populär. Davon soll hier die Rede sein, und ganz besonders vom «Sommermärchen» 2006, von dieser Fußballweltmeisterschaft, die bei uns in Deutschland ausgetragen wurde. Man kann das alles höchst kritisch sehen oder – wie ich, der niemals gerne in die Suppe spuckt, die vielen Menschen so gut schmeckt – das große Schauspiel wider besseres Wissen und Fühlen doch lieber unbefangen genießen und sich gerne an die ausgelassene Fröhlichkeit dieser Tage erinnern. Dann rüttelt es auf, wenn man zur Kenntnis nehmen muss, dass die Austragung dieser Weltmeisterschaft in Deutschland wohl mittels profaner Bestechung erkauft worden war.
Die letzte Pressekonferenz des amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, die in dieser Hinsicht die Wende gebracht hat, wird wohl in die Annalen eingehen. Nervosität, Unsicherheit, Stammeln, Stottern und ein unglaubliches Märchen: der DFB habe der FIFA 6,7 Millionen Euro zahlen müssen, um seinerseits einen Kredit von 170 Mio. Euro zu erhalten. Wie, wann, was, warum, na ja, das ist alles lange her und niemand weiß nichts Genaues. Kurz nach der Pressekonferenz widersprach der suspendierte FIFA-Präsident Sepp Blatter: Das sei alles nicht wahr.
Die von der FIFA mit der Untersuchung der Vorfälle beauftragte hoch angesehene US-amerikanische Kanzlei Quinn Emanuel hat verlauten lassen, die 6,7 Mio. Euro seien nie bei der Finanzkommission der FIFA, der behaupteten Empfängerin, eingegangen. Wie auch, diese Kommission hat überhaupt keine eigenen Konten, auf die etwas überwiesen werden könnte. Niersbach musste also alsbald, am 9.11., von seinem Amt zurücktreten. Dabei hat die FIFA 2005 tatsächlich die 6,7 Mio. erhalten. Noch am selben Tag wurden sie an Robert Louis-Dreyfus, den damaligen Adidas-Chef, überwiesen, der es angeblich auf die Bitte von Beckenbauer hin dem DFB geliehen hatte.
Der Sinn dieser Operation bleibt vorläufig im Dunkeln. «Amnesie international»! Vorgeblich sollte damit ein «Kulturprogramm» finanziert werden. Der Verdacht steht im Raum, dass dieses Geld dafür genutzt wurde, um hochrangige FIFA-Funktionäre zwecks Wiederwahl von Sepp Blatter zu schmieren. Andererseits wird in den Medien darüber nachgedacht, ob es nicht vielleicht dazu gedient hat, Stimmen für die Vergabe der WM 2006 an Deutschland zu kaufen. Es ist nämlich ein Vertragsentwurf mit dem nachweislich korrupten, ehemaligen hochrangigen FIFA-Funktionär Jack Warner ans Licht gezogen worden, der das nahelegen soll, unterschrieben von Franz Beckenbauer, dem sehr guten Freund von Niersbach, der seinerzeit im WM-Organisationskomitee für Marketing und Pressearbeit zuständig war. Beckenbauer schweigt dazu bislang. Im jüngsten Interview in der SZ sagt er immerhin: «Ich wollte die WM – alles andere war mir wurscht.»
Dieser hauptsächlichen «Lichtgestalt», dem (insofern eigentlich nicht abwählbaren) «Kaiser Franz», hält die «Ethikkommission» der FIFA inzwischen vor, auch bei der Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland 2018 und Qatar 2022 zumindest nicht über die Verbindungen informiert zu haben, die er mit wichtigen Repräsentanten dieser Bewerber unterhalten habe. Auch andere «Lichtgestalten» scheinen in den Fall verwickelt zu sein, so Günther Netzer oder der wegen Steuerhinterziehung verurteilte Uli Hoeneß oder auch Michel Platini – «Amigos», von denen sich viele mittlerweile gegenseitig oder mit dem ehemaligen DFB-Boss Theo Zwanziger öffentlich mit gehässigen Erklärungen beharken. Gegen Blatter und Niersbach wird derzeit wegen «schwerer Steuerhinterziehung» ermittelt.
Was immer herauskommt bei den gerichtlichen Untersuchungen oder durch weitere Presseenthüllungen: Der Hintergrund ist klar und spricht bitterlich gegen die Auswüchse des Kapitalismus am Beispiel des Spitzensports. Früher gab es ein Neckarstadion oder ein Volksparkstadion. Heute gibt es die Allianz-Arena und die Lanxess-Arena und wie sie alle heißen. Die allmächtigen Sponsoren sind große Konzerne wie Adidas, VW und die Deutsche Bank. Die Spitzenspieler werden für irrsinnige Millionenbeträge gehandelt wie Deckhengste für den Galoppsport. Die Vereine mit der meisten Knete – allen voran natürlich Bayern München – kaufen den ärmeren Vereinen die ausgebildeten Talente ab, manchmal nicht, um sie spielen zu lassen, sondern bloß um zu verhindern, dass sie für den Konkurrenten spielen.
Zum Teil wird jetzt gefordert, die Spitzen der Fußballverbände besser staatlich zu kontrollieren. Dabei sind die FIFA- und DFB-Funktionäre doch aufs engste verbandelt mit den Größen der Regierungen. Es ist deshalb völlig unglaubwürdig, dass die bürgerlichen Spitzenpolitiker nicht genauso Bescheid wussten.
Ich bin nicht der Spielverderber, der in die Suppe spuckt. Der neoliberal entfesselte Kapitalismus ist es, der den Fans zunehmend den Appetit verdirbt.


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