25 Jahre isw


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2016/02/25-jahre-isw/
Veröffentlichung: 01. Februar 2016
Ressorts: Sonstiges

Arbeit an einem neuen Selbstverständnis
von Paul B. Kleiser

Im Dezember 2015 feierte das in München beheimatete Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung, isw, mit einer Festveranstaltung, zu der etwa 150 Menschen kamen, sein 25jähriges Bestehen. Den Festvortrag hielt Frank Deppe aus Marburg. Die Gründung des isw 1990 war ein Versuch, nach dem Untergang des Ostblocks und dem Anschluss der DDR an die BRD zu einem neuen, wissenschaftlich begründeten Selbstverständnis von Strömungen links der SPD zu kommen, die vor allem in die Gewerkschaften hineinwirken und mit ihnen verbunden sein sollten.
Die Gründungsmitglieder des isw gehörten mehrheitlich der DKP an. Diese hatte nicht nur mit der Kappung der Mittel aus dem Osten und damit dem Zusammenbruch großer Teile ihrer Infrastruktur zu kämpfen, sondern auch mit massiven ideologischen Auseinandersetzungen (die teilweise bis heute anhalten) über die Neuausrichtung der Politik nach dem Scheitern des «Sozialismus in einem (halben?) Land». Daher erarbeitet das isw Publikationen zu verschiedenen, die aktuelle Entwicklung des Kapitalismus betreffenden Problemstellungen, führt dazu Schulungen durch und veranstaltet einmal im Jahr ein «Forum», zu dem Wissenschaftler und Aktive aus dem In- und Ausland eingeladen werden. Zuletzt gab es Foren zum Thema «Aufstieg des Südens» (über die Rolle der BRICS-Staaten) und «Wege aus dem Kapitalismus», wo über die Fragen der Entwicklung von sozialen Bewegungen und deren Möglichkeiten, den Kapitalismus in Frage zu stellen, diskutiert wurde. Angesichts der immer stärkeren inhaltlichen Entleerung der (im wesentlichen auf die nördlichen Nationalstaaten beschränkten) bürgerlichen Demokratie durch die wirtschaftliche Logik der global agierenden Konzerne (Postdemokratie) fragt das isw nach möglichen partizipativen «Wiederaneignungsprozessen» zugunsten der abhängig Beschäftigten und der Bevölkerungsmehrheiten.
Die Analyse und Kritik kapitalistischer Globalisierung wurde zu einem Hauptbestandteil der Arbeit des isw-Kollektivs, das (zumindest im engeren Kreis) mehrheitlich aus gelernten Ökonomen besteht. In verschiedenen Themenheften wurde die Frage der Auswirkungen der Globalisierung auf die verschiedenen Weltregionen, vor allem auf den «globalen Süden», erörtert. Die Autoren analysieren den Prozess der Herausbildung einer neuen, weltweiten Arbeitsteilung und fragen, wer die Gewinner und wer die Verlierer dieser Entwicklung sind.
Fragen der nationalen, europäischen und globalen Einkommensverteilung und ihrer Entwicklungstendenzen wurden in mehreren Themenheften (auch mittels zahlreicher Grafiken) dargestellt. Auch das tendenzielle Entstehen einer eher multipolaren Welt (nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes und des Kalten Krieges, die die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt hatten), wurde behandelt. Mehrere Hefte haben sich mit der Herausbildung der Triade USA–EU–Japan und der Frage beschäftigt, ob sich daraus ein relativ stabiles Gleichgewicht entwickeln würde oder aber tendenziell eine Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg, in der die verschiedenen Imperialismen unter Umständen auch vor einem bewaffneten Konflikt nicht zurückschrecken würden.
Die Entwicklung der EU nach der Einführung des Euro wurde mehrfach unter verschiedenen Gesichtspunkten aufgegriffen; besonders wichtig und interessant dabei ist ja das Problem einer «Europäisierung» der Arbeiterbewegung, vor allem der Gewerkschaften, um europaweit agierenden Konzernen besser Widerstand entgegensetzen zu können, aber auch anderer sozialer Bewegungen, etwa im Kampf gegen die kapitalistische Natur- und Klimazerstörung. Da Globalisierung in starkem Maße die Herausbildung von international (oder transnational) agierenden Konzernen mit weiträumigen Produktionsketten (Beispiel Siemens) meint, wurde auch dieses Thema unter verschiedenen Aspekten behandelt.
Zweifellos leistet das isw eine Arbeit, von der die gesamte Linke nur profitieren kann. Daher übermittelt die SoZ ihre kollegialen Glückwünsche, verbunden mit der Hoffnung, auch in den nächsten 25 Jahren von der Arbeit des isw und seiner Mitarbeiter profitieren zu können!

http://isw-muenchen.de