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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2016 |

Fakten aus der Sylvesternacht

Einige Daten zu den Übergriffen in Köln
von Angela Klein

In der Sylvesternacht wurde Köln Zeuge von Massenangriffen auf Frauen, die eine neue Qualität haben. Die politische Diskussion darüber hat viele Aspekte, deshalb seien hier Fakten widergegeben, wie sie sich aus den Berichten verschiedener Polizeistellen ergeben.

Auf dem Platz vor dem Kölner Hauptbahnhof wurden in der Sylvesternacht in der Zeit zwischen 20.30 Uhr und 6.30 Uhr Frauen, die zum Feiern unterwegs waren, von zeitweise bis zu 1000 Männern in Gruppen umringt, vereinzelt, beschimpft, beleidigt, bestohlen und sexuell angemacht haben. Von Panik und Schreien war die Rede. Und von Vergewaltigung. Die Stimmung vor dem Bahnhof soll aggressiv gewesen sein, was wohl auch damit zusammenhängt, dass die im Laufe des Abends angewachsene Menge sich einen Spaß daraus machte, mit Feuerwerkskörpern um sich zu werfen. Die Kölner Polizei war mit 143 Mann vor Ort, die Bundespolizei im Bahnhofsgebäude mit 70 Mann, beide deutlich überfordert.
Es war kein isoliertes Ereignis. Aus einem Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) geht hervor, dass es Sexual- und Diebstahlsdelikte wie in Köln in der Sylvesternacht in zwölf Bundesländern gegeben hat, die Ausnahmen bildeten Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Schlewsig-Holstein und Thüringen. Auch in verschiedenen anderen Ländern Europas sollen solche Übergriffe gemeldet worden sein, allerdings konnten dazu keine gesicherten Erkenntnisse vorgelegt werden.
Die weitaus meisten Fälle wurden aus Nordrhein-Westfalen mit 1076 und Hamburg mit 195 Straftaten gemeldet. In NRW berichtet das BKA von 692 Körperverletzungs- und Eigentumsdelikten (Diebstahl) sowie 384 Sexualdelikten, 116 davon «in Kombination mit Eigentumsdelikten» (Tagesschau vom 23.1.).

Insgesamt 72 Tatverdächtige hatte die Polizei zu dem Zeitpunkt ermittelt, zwölf davon Deutsche, 60 Personen anderer Nationalität. Darüber hinaus bleibt der BKA-Bericht jedoch vage: Hamburg nenne Kleingruppen von «Männern mit südländischer Erscheinung», Hessen gar das Konstrukt: Männer mit «nordafrikanischem/arabischem/südeuropäischem/osteuropäischem Aussehen». Nordrhein-Westfalen spreche von einem «augenscheinlichen Migrationshintergrund» und einem «ausländischen Erscheinungsbild», ohne zu erläutern, worin dieser Augenschein besteht.
In bezug auf die Kölner Ereignisse wurden bislang einem Bericht aus dem NRW-Innenministeirum zufolge 30 Tatverdächtige im Alter zwischen 16 und 32 Jahre identifiziert, 13 davon Marokkaner, 12 Algerier. Ein Kölner Polizeibericht sprach Anfang Januar von «zehn algerischen, zehn marokkanischen, vier syrischen, fünf iranischen, einem irakischen, einem serbischen, einem amerikanischen sowie zwei deutschen Staatsangehörigen». Die Hälfte der Verdächtigten sind Asylbewerber, 2 haben eine Aufenthaltsgenehmigung, 2 sind minderjährige unbegleitete Flüchtlinge und 11 sollen sich illegal in Deutschland aufhalten. 7 Personen sitzen in U-Haft (Stand: 21.Januar).
Die Medien haben sich sehr schnell auf die Zuordnung «Täter aus Nordafrika» eingeschossen. Tatsächlich ist die Polizei seit einigen Jahren (also noch vor dem Einsetzen der aktuellen Flüchtlingswelle!) Gangs nordafrikanischer Jugendlicher in deutschen Städten auf den Fersen. Entsprechend hat die Polizei im Januar Razzien in sog. Maghreb-Vierteln in Düsseldorf und Köln durchgeführt und dabei auch mehrere Dutzend Personen festgenommen, die jedoch alle wieder freigelassen werden mussten. In Berlin hat die Polizei seit Jahren mit rund tausend männlichen Intensivstraftätern aus den türkischen und arabischen Communities zu tun. Hier handelt es sich um eine Minderheit von Heranwachsenden der dritten Einwanderergeneration, die schon in der Grundschule Gewalterfahrungen macht.

Einhellig erklären BKA und das NRW-Innenministerium, es lägen keine Erkenntnisse vor, dass sich die Täter verabredet hätten, in keinem Fall gebe es Erkenntnisse über einen Zusammenhang mit organisierter Kriminalität. Das NRW-Innenministerium sieht «keinen Anlass», von einer «gesteuerten Aktion» zu sprechen. Das Ministerium hält es für «sehr wahrscheinlich, dass «gruppendynamische Prozesse und Abstimmungen die jeweiligen Einzel- und Folgetaten in der Silvesternacht beeinflussten».
Im WDR beschrieb ein Marokkaner, der seit drei Jahren in Köln Taschendiebstähle begeht, die Situation so: Man habe sich mit 70–80 Personen im Stadtteil Kalk getroffen und sei dann zum Hauptbahnhof gefahren. Seine Gruppe habe sich am Hauptbahnhof laut auf arabisch unterhalten, was dazu geführt habe, dass sich immer mehr arabisch sprechende Menschen angeschlossen hätten. Viele hätten die Gelegenheit zum Klauen genutzt, dann hätten einige «Mädchen begrapscht» und die Sache sei «völlig ausgeartet». In der umfangreichen Datenbank, die die Polizei über die nordafrikanische Szene führt (die «Nafri»-Datei), ist nur einer der Tatverdächtigen aufgeführt.
Insgesamt legt dies eher das Bild von kleinkriminellen Jugendgruppen nahe als die Vermutung von Alice Schwarzer, hier sei «Terror» ausgeübt worden, möglicherweise habe der IS seine Finger im Spiel.
Das NRW-Innenministerium sagt, es habe «deutliche Hinweise», «dass die Straftaten von unterschiedlichen Tätern/Tätergruppen begangen wurden», sie wohnten in unterschiedlichen Städten und stammten aus unterschiedlichen Ländern. Keiner der bislang 30 identifizierten Tatverdächtigen hat einen festen Wohnsitz in Köln, etwa die Hälfte von ihnen wohnt in anderen Städten in NRW, die andere Hälfte hat keinen festen Wohnsitz. Dem Bericht zufolge kamen die Übergriffe eher spontan zustande: «Dass es bundesweit – wie wohl auch in anderen europäischen Staaten – zu vergleichbaren Straftaten gekommen ist, lässt nach wie vor darauf schließen, dass die Delikte nicht zeitlich oder hierarchisch organisatorisch vorgeplant wurden», zitiert die Online-Ausgabe der Zeit den Bericht.
Diese Argumentation mutet dann doch merkwürdig an: Spontan würde man eher das Gegenteil annehmen, dass nämlich ungeplante Aktionen verschiedene Täter haben. Eine Erklärung für das flächendeckende Auftreten dieser mutmaßlichen Gangs gibt es bislang nicht.


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