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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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NGO statt Internationale

Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung. Berlin: Suhrkamp, 2015. 168 S., 22,95 Euro
von Gerhard Klas

Der Sozialismus war eines der wichtigen politischen Leitbilder des 20.Jahrhunderts und inspirierte unzählige Menschen zum Handeln. Auch wenn in Ländern wie Venezuela Linksregierungen einen Sozialismus des 21.Jahrhunderts verkünden, in Europa scheint die Idee vom Sozialismus viel von ihrer Popularität eingebüßt zu haben. Axel Honneth überdenkt diese Idee in seinem gleichnamigen Buch und will ihr so wieder Leben einhauchen.
Wir leben in einer Zeit, in der die kapitalistische Marktwirtschaft beinahe jeden Winkel der Welt erschlossen und tief in die Poren der Gesellschaften eingedrungen ist. Gleichzeitig treten die sozialen, politischen und ökologischen Folgen dieses weltumspannenden Systems deutlich zu Tage: Armut, Hunger, Erwerbslosigkeit, soziales und psychisches Elend, Rassismus, Nationalismus, Klimaerwärmung und Naturzerstörung. Deshalb irritiert es Axel Honneth, den Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, dass ausgerechnet der Religion als ethische Kraft die Zukunft zu gehören scheint und nicht dem Sozialismus, der «als Geschöpf der Vergangenheit wahrgenommen» wird.
Mit seinem neuesten Buch will er deshalb die Grundideen des Sozialismus aktualisieren und einen Beitrag dazu leisten, wieder einen gesellschaftlichen Zustand jenseits des Kapitalismus denken zu können. Dafür greift er auf die Ideen der Frühsozialisten im 19.Jahrhunderts zurück. Für sie stand fest: Der kapitalistische Markt und sein Gesetz von Angebot und Nachfrage hinderte einen großen Teil der Bevölkerung daran, den Freiheits- und Gleichheitsgrundsatz der Französischen Revolution in Anspruch zu nehmen. Problematisch sahen sie vor allem den bürgerlich-individualistischen Freiheitsbegriff, der auch damals schon als Rechtfertigung für Ausbeutung und Profitmaximierung diente. Die Frühsozialisten konzentrierten sich deshalb auf die sozioökonomischen Rahmenbedingungen des frühen Industriekapitalismus.
Hierin liegt für Axel Honneth eine der «Erblasten» des Sozialismus, die auch Karl Marx und viele seiner Rezipienten geprägt habe, nämlich die Annahme, die wirtschaftliche Sphäre sei der zentrale oder sogar einzige Ort der Auseinandersetzungen; damit einher gehe die Relativierung liberaler Freiheitsrechte. Als weitere Erblast bezeichnet Honneth die Fixierung auf das vermeintlich per se revolutionäre Industrieproletariat und den deterministischen Fortschrittsglauben, der nicht nur von einer permanenten Zunahme der menschlichen Fähigkeit zur Naturbeherrschung ausging, sondern auch den Übergang vom Kapitalismus hin zum Sozialismus quasi als Naturgesetz betrachtete.
Die Marxsche Gleichsetzung von Markt und Kapitalismus habe es schließlich für lange Zeit unmöglich gemacht, eine alternative, sozialistische Wirtschaftsform anders als eine «vollkommen marktfreie Ökonomie» zu denken. Diese Ineinssetzung will Honneth wieder rückgängig machen, um «Freiräume für den Entwurf alternativer Verwendungsweisen des Marktes zu gewinnen».
Was das in der Praxis außer einer Absage an eine zentral gesteuerte Planwirtschaft bedeutet, versucht Axel Honneth im zweiten Teil seines Buches zu skizzieren. Heraus kommt dabei ein klassisch sozialdemokratisches Programm. So stellt er das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht grundsätzlich in Frage – aber einigen Auswüchsen sollte der Sozialismus schon zu Leibe rücken: Spekulationsgewinne auf Devisengeschäfte hält der Sozialphilosoph für gänzlich unnötig, ebenso ein Erbrecht, das soziale Polarisierung über Generationen fortschreibt. Stattdessen plädiert er für ein garantiertes Grundeinkommen und Kooperativen als Beispiele für einen «experimentellen Sozialismus»; auch die betriebliche Mitbestimmung und den Mindestlohn betrachtet er als «erste Schritte eines mühsam erkämpften Fortschritts bei der Vergesellschaftung des Arbeitsmarktes».
Weil Honneth bewusst ist, dass der Nationalstaat in einer globalisierten Welt nur noch begrenzte Handlungsfähigkeit hat, macht er sich auch Gedanken über die globale Dimension des Sozialismus. Als globale Interessenvertretung schwebt ihm dabei keine neue Internationale, sondern eine international operierende Nichtregierungsorganisation nach dem Vorbild von Greenpeace oder Amnesty International vor. Der Sozialismus sei heute «Sache politischer Bürger, nicht mehr der Lohnarbeiter». Dabei ist Honneth offenbar entgangen, dass im globalen Süden derzeit eine gigantische Proletarisierung stattfindet: In Afrika und Asien werden Kleinbauern massenhaft enteignet, um etwa um schlecht bezahlte Arbeitsplätze in Textilfabriken und bei Zulieferern für unsere Computer- und Unterhaltungsindustrie zu konkurrieren. Aber die Klassenstruktur einer Gesellschaft spielt in Honneths neuem Sozialismus nur noch am Rande eine Rolle. «Die Mehrzahl seiner vormaligen Anhänger wird ihn sicherlich kaum wiedererkennen können», resümiert der Sozialphilosoph. Schade. So berechtigt viele seiner Kritikpunkte an einem statischen Sozialismusbegriff auch sind – ohne Berücksichtigung der Klassenverhältnisse zieht er dem wichtigsten Widersacher des Kapitalismus auch noch die letzten Zähne.


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