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Europas Geschichte mit Afrika

Eine kleine Geschichte der Migration
von Angela Huemer

Angesichts der vielen Menschen, die aktuell auf der Flucht sind, dabei ihr Leben lassen oder vor Zäunen ausharren, und angesichts der zunehmenden Abwehrmassnahmen und in Erwägung gezogener Notstandsgesetze (Österreich) lohnt ein Blick darauf, dass es Migration immer schon gab – vor allem innerhalb des afrikanischen Kontinents –, und dass Europa nur einer der Zielorte ist – und das erst seit kurzem.

Hein de Haas, der niederländische Migrationsforscher, hat bereits 2007 eine aufschlussreiche Studie veröffentlicht, in der er die Faktoren benennt, die dazu führten, dass ab Mitte der 90er Jahre Menschen in Nordafrika Boote bestiegen, um Europa zu erreichen. Die Studie trägt den Titel The Myth of Invasion, es geht dabei vor allem um West- und Nordafrika.

Alte Migrationsrouten
Schon in vorkolonialer Zeit verbanden Handel, Nomaden sowie regelmäßige Pilgerfahrten nach Mekka Nord- und Westafrika in ökonomischer, politischer, religiöser und sozialer Hinsicht. So manche Oasen waren wichtige Schnittpunkte, «globale Plätze in vormoderner Zeit», frequentiert von Angehörigen verschiedenster Völker und Kulturen.

Im 16.Jahrhundert änderte sich das drastisch durch die europäische Expansion und Handelstätigkeit. Durch den Sklavenhandel entstanden Forts an den Küsten, der Trans-Sahara-Handel wurde darin integriert und dadurch beschädigt.

Ende des 19., Anfang des 20.Jahrhunderts veränderten sich durch die Kolonialisierung Nord- und Westafrikas – vor allem durch Frankreich und England – die Migrationsrouten erneut radikal. Entlang der Küsten und in den südlicheren Gebieten Westafrikas – den heutigen Ländern Elfenbeinküste, Ghana, Senegal und Gambia – wurden Kakao, Erdnüssen und Palmöl angebaut, nun gab es Bedarf an Landarbeitern. Der Rohstoffabbau und die Entstehung von Städten wie Accra, Lagos und Dakar lockte die Leute vom Land in diese Zentren. Nun dominierte die Wanderbewegung von den nördlichen Binnenländern in Richtung Süden, also von Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad in die reicheren Plantagen, Minen und Städte Westafrikas. Auch in den Küstenstaaten war die Mobilität relativ groß, nicht zuletzt, weil die Staaten relativ klein waren und die willkürliche koloniale Grenzziehung oftmals Angehörige derselben ethnischen Gruppe voneinander getrennt hatte.

Diese kolonial geprägte Art der Migration hielt sich bis in die 1950er und 1960er Jahre. Vor allem die prosperierenden Wirtschaften Ghanas und der Elfenbeinküste zogen viele Menschen an. Zusätzlich befeuerte der in diesen Jahrzehnten herrschende, antikoloniale und panafrikanische Zeitgeist die Migration, vor allem die Präsidenten Ghanas und der Elfenbeinküste hießen Einwanderer willkommen und luden sie zum Bleiben ein. Nach Ghana kamen vor allem Einwanderer aus Togo und Nigeria, in die Elfenbeinküste solche aus Guinea und Burkina Faso, in beide Länder zogen Nigerer und Malier.

Ende der afrikanischen Willkommenskultur
1966 änderte ein Putsch in Ghana die Lage, die Politik wurde repressiv und per Dekret wurden im Jahr 1969 rund 200000 Menschen in ihre Heimatländer Niger, Togo, Nigeria und Burkina Faso abgeschoben. Die Wirtschaft erlebte einen Niedergang und so wanderten von 1974 bis 1981 rund 2 Millionen Ghanaer aus – vor allem nach Nigeria und in die Elfenbeinküste. Doch gegen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ging auch Nigerias Wirtschaft zurück: durch fehlgeleitete Politik, Korruption und den sinkenden Ölpreis. Wie schon zuvor in Ghana waren die Zuwanderer geeignete Sündenböcke, 1983 und 1985 schob man rund 2 Millionen von ihnen ab. Ähnlich wie in Ghana, begannen nun auch die Nigerianer auszuwandern – nach Ghana, Kamerun, Botswana, Gabun und Südafrika. Durch die Lage in Nigeria wurde die Diaspora der Ghanaer verstärkt; Ende der 80er Jahre suchten sie fernere Zielländer, jenseits von Afrika, nämlich Europa: Italien, Großbritannien, Deutschland und die Niederlande, oftmals auch über den Asylweg.

Im Laufe der 70er und 80er Jahre war die Elfenbeinküste relativ stabil geblieben und ein begehrtes Zuwanderungsland. Ein Viertel der Bevölkerung bestand aus Einwanderern und deren Nachfolger. Das änderte sich nach 1993. Aufgrund wirtschaftlicher und politischer Unruhen spielten Politiker verstärkt die nationalistische Karte aus, endgültig verschlechterte sich die Lage durch die Militärputschs 1999 und 2002 und den darauf folgenden Bürgerkrieg. Hunderttausende Einwanderer flohen. Durch die Bürgerkriege in Sierra Leone (1991–2001) und Liberia (1989–1996 und 1999–2003) wurde die gesamte Region unsicher. Eine Viertelmillion Menschen verloren das Leben, über 1,1 Millionen mussten fliehen oder wurden vertrieben.

Neue Ziele
Zur gleichen Zeit entstanden neue Zielländer für Migranten aus dem Subsahara-Afrika: Südafrika nach dem Ende der Apartheid, und Libyen. In den 90er Jahren wurden die alten Trans-Sahara-Routen wieder belebt. Schon vorher gab es in Nordafrika einschließlich der Sahara und der Sahelzone begrenzte Wanderbewegungen: Mauretanien hieß seit den 60er Jahren Einwanderer aus dem Senegal, Mali, Guinea und Gambia willkommen, sie arbeiteten vor allem im Fischereisektor.

Für Algerien war die Niederlassung von Migranten aus Mali und dem Niger in Wüstenstädten wie Tamanrasset von Vorteil, da man den entvölkerten Süden beleben wollte. Die nomadischen Tuareg waren durch bewaffnete Konflikte vertrieben worden und kamen in den Süden von Algerien und Libyen, um dort auf Ölfeldern und Baustellen zu arbeiten. Anfang der 90er Jahre fanden die Tuaregs dann neue Beschäftigungsfelder aufgrund ihrer noch bestehenden Kenntnis der Wüste: den Transport von Menschen und Gütern.

Libyen
Traditionell war Libyen Zielland für Migranten aus den Nachbarländern, vor allem Ägypten. Anfang der 90er Jahre begann ein vermehrter Zuzug aus den südlichen Nachbarländern Tschad, Sudan und Niger. In dieser Zeit änderte das Land seine Politik: Aufgrund des UN-Waffenembargos gegen Libyen (1992–2000) entschied die Staatsführung, eine führende Rolle in Afrika einnehmen zu wollen. Libyen wurde zum wichtigen Zielland, obwohl immer wieder Einwanderer abgeschoben wurden – was sich oftmals danach richtete, ob die Politik der Herkunftsländer gerade genehm war oder nicht. 1998 entstand zudem die Gemeinschaft der Sahel-Sahara-Staaten, CEN-SAD. Auch Marokko verzeichnete ab Mitte der 90er Jahre eine höhere Einwanderung aus Subsahara-Afrika.

Der Sprung nach Europa
Bis zu den 1980er Jahren wanderten nur sehr wenige Westafrikaner nach Nordamerika oder Europa aus, und wenn, zog es sie vorwiegend in die ehemaligen Kolonialländer. In den 90er Jahren nahm diese Bewegung zu. Regulär auswandernde, ausgebildete Kräfte gingen in die USA, Großbritannien oder in die Golfstaaten, um dort im Gesundheitssektor zu arbeiten, niedrig Qualifizierte zogen auf dem irregulären Weg nach Spanien und Italien. War es früher üblich, auf dem Luftweg auszuwandern, zwangen verstärkte Visavorschriften und Kontrollen gegen Ende der 90er Jahre die Menschen dazu, offizielle Wege zu meiden und über das Meer nach Europa zu kommen, nachdem sie die Sahara durchquert hatten.

Zunächst hatten Westafrikaner nicht Europa im Visier, Libyen bot genügend Möglichkeiten. Ein Wendepunkt stellte die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in Libyen dar – die Schwarzafrikaner wurden für steigende Kriminalität, HIV und soziale Spannungen verantwortlich gemacht; im September 2000 kamen 130 Einwanderer zu Tode.* Sie wurden auch zunehmend Opfer repressiver Maßnahmen wie willkürliche Inhaftierung in Lagern und Gefängnissen, freiwillige und erzwungene Abschiebungen; ob darunter Asylbewerber waren oder nicht, scherte die libysche Staatsführung wenig, das Land hat nie die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet.

Italien und Spanien hatten Anfang der 90er Jahre Visa für nordafrikanische Länder wie Tunesien und Marokko eingeführt. Der übliche Verkehr etwa von Saisonarbeitern zwischen Sizilien und Tunesien war nun nicht mehr möglich; wenn sie jetzt nach Italien gingen, mussten sie bleiben. Ab Mitte der 90er Jahre erreichten Flüchtlinge und Migranten Spanien und Italien über das Mittelmeer. Und als die Lage vor allem in Libyen unerträglich wurde, kamen mit den Nordafrikanern auch Afrikaner aus den Gebieten südlich der Sahara. Darüber hinaus zog die Fluchtroute auch Flüchtlinge aus entfernteren Länder an: Indonesien, Pakistan, Palästina.

Das Mittelmeer wird zum Grab
In den 90er Jahren waren viele Albaner über den Seeweg nach Apulien bzw. Kalabrien gekommen. Um die Jahrhundertwende wurde jedoch auch für sie der Seeweg nach Sizilien immer wichtiger.

Ende Oktober 2002 erlebte ich die Rettung eines großen Schiffes auf Lampedusa, auf dem befanden sich Palästinenser, Westafrikaner und Nordafrikaner. Kurz zuvor hatte es einen der ersten größeren Schiffbrüche gegeben.

Die italienische Regierung reagierte mit direkter Abschiebung der Flüchtlinge per Flugzeug nach Tripolis (im Oktober 2004), zugleich wurden die ersten Abkommen mit Tunesien und anderen nordafrikanischen Ländern geschlossen, damit sie Flüchtlinge zurücknähmen. 2003 und 2004 bezahlte Rom 47 Abschiebeflüge aus Libyen in Länder wie Ägypten, Nigeria, Ghana, Mali, Sudan und Eritrea. Damit wurde erstmals die Verantwortung für die Migrationsflüsse auf andere Länder abgewälzt. Während des arabischen Frühlings und danach waren übrigens die Migrationsabkommen die ersten, die mit den neu entstandenen Regierungen ausgehandelt wurden.

* Seit Anfang der 1990er Jahre starben Zehntausende Menschen im Mittelmeer.


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